Wien/Höll. Weil das Werk in Shanghai aus allen Nähen platzt, baut der steirische Leiterplattenhersteller AT&S einen weiteren Standort in der zentralchinesischen Stadt Chongqing auf. „Im Endausbau werden wir dort noch einmal 600 Mio. Euro investieren“, sagt AT&S-Kernaktionär Hannes Androsch.
AT&S ist kein Einzelfall, wie aus einem am Donnerstag veröffentlichten Bericht der Nationalbank (OeNB) hervorgeht. 2011 kletterten die Investitionen österreichischer Unternehmen im „Reich der Mitte“ von 2,258 Mrd. Euro auf einen Rekordstand von 3,936 Mrd. Euro. „Mittlerweile beschäftigen österreichische Investoren bereits 18.164 Menschen in chinesischen Fabriken“, sagt OeNB-Direktor Johannes Turner.
Osteuropa-Anteil geht zurück
Außerhalb von Europa gehört China nach den USA für Österreichs Firmen zu den wichtigsten Handelspartnern. Zum Vergleich: In Indien haben die Österreicher nur 230 Mio. Euro investiert. Allerdings wird die Lage in China schwieriger. Weil die Löhne in einigen Boomregionen wie Shanghai stark gestiegen sind, weichen viele nach Zentralchina aus.
In Nanjing liegt der Durchschnittslohn eines Arbeiters umgerechnet bei 300 Euro monatlich, in Shanghai sind es 600 Euro. Laut OeNB-Angaben ist Zentral- und Osteuropa nach wie vor die wichtigste Region für Österreichs Wirtschaft. In Summe belaufen sich die österreichischen Direktinvestitionen im Ausland (FDI) auf 154 Mrd. Euro, davon entfallen 64 Mrd. Euro auf Osteuropa.
Doch seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 ist der Osteuropa-Anteil leicht rückläufig, andere Gegenden wie China gewinnen an Bedeutung. Dies dürfte mit Österreichs Banken zu tun haben, die seit der Krise im Osten kaum noch Zukäufe tätigen.
Trotz der Risken ist die Ost-Expansion eine Erfolgsstory, sagt die Nationalbank. Bis zum Fall des Eisernen Vorhangs war Österreich ein sogenannter „Investitionsnehmer“. Das bedeutet, dass ausländische Firmen in Österreich mehr Geld investiert haben als umgekehrt. Damals wurde vom „Ausverkauf der österreichischen Industrie“ gewarnt.
Nach dem EU-Beitritt Österreichs hielten sich die in- und ausländischen Direktinvestitionen annähernd die Waage. Im Zuge der Finanzkrise kam es zur Trendwende. Seit 2009 gehen die Zuflüsse ausländischer Firmen nach Österreich zurück. Manchen internationalen Konzernen dürfte das Geld fehlen oder sie konzentrieren sich jetzt auf andere Länder.
2011 sind die Direktinvestitionen aus dem Ausland nach Österreich erneut gesunken – und zwar von 118,6 auf 114,9 Mrd. Euro. Auf der anderen Seite fließt immer mehr österreichisches Geld ins Ausland. Im Vorjahr erhöhten sich die entsprechenden Investitionen von 132,4 Mrd. Euro auf 154 Mrd. Euro. Das ist ein neuer Rekord. In Summe sind bei den Austro-Töchtern im Ausland bereits 718.000 Mitarbeiter beschäftigt. In vielen Ländern wie Slowenien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina und Serbien gehören heimische Konzerne zu den wichtigsten Arbeitgebern.
Die Expansionslust österreichischer Firmen hält auch heuer an. Erst vor Kurzem kündigte Andritz an, für 600 Mio. Euro den deutschen Rivalen Schuler zu übernehmen.
Banken geben den Ton an
Laut OeNB-Statistik wird die heimische Wirtschaft sehr stark von Banken und Versicherungen dominiert. Von den 154 Mrd. Euro, die Österreichs Firmen im Ausland investiert haben, entfallen knapp 63 Mrd. Euro auf das Finanz- und Versicherungswesen.
Im Wesentlichen handelt es sich dabei um Erste Group, Raiffeisen Bank International, Vienna Insurance Group und Uniqa, die in Osteuropa zu den führenden Playern aufgestiegen sind.
Auf Platz zwei im Branchenranking liegt der Handel mit Investitionen von 20,8 Mrd. Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2012)
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