Die Presse: An den Wochenenden zu Ferienbeginn galt heuer die Spritpreisverordnung, wonach Tankstellen ihre Preise nicht mehr verändern dürfen. Was halten Sie als Energiemanager von dieser Verordnung?
Peter Layr: Die Politik sollte sich entscheiden. Entweder gibt es einen freien Markt, dann steuern Angebot und Nachfrage die Preise. Oder man reguliert. Dass sich beides nebeneinander verträgt, daran hab ich meine Zweifel.
Was gefällt Ihnen besser? Freier Markt oder Regulierung?
Der freie Markt. Dort setzt sich der Bessere durch. In der Regulierung setzt sich der durch, der die besseren Kontakte zum Regulierer hat.
Wie frei ist der Strommarkt? Es gibt kaum Werbung und Sie sind mit Wien Energie und Bewag in einer Art „Minikartell“ der Energie-Allianz Austria.
Das mit dem fehlenden Wettbewerb ist ein Klischee. Durch die Industrie wechselt jedes Jahr rund die Hälfte des gesamten Absatzes den Anbieter. Im Haushaltsbereich den Wettbewerb an reinen Wechselraten zu messen, ist zu simpel. Wechselfaulheit ist ja nichts Schlechtes. Der Kunde vertraut auf Stabilität und Sicherheit. In Summe gibt es inzwischen über hundert Anbieter. Die Energie-Allianz ist einer davon und auch außerhalb ihrer Stammgebiete sehr aktiv. Sie hat sogar außerhalb ihrer Stammgebiete mehr Absatz als innerhalb.
Durch Großkunden.
Nicht nur. Das geht bis ins mittlere Segment. Wenn wir wirklich so teuer wären, dann gäbe es doch schon längst viele ausländische Anbieter in Österreich.
Dennoch gibt es eine Art politische Regulierung in Österreich. So werden etwa die Preise bei Strom und Gas immer erst nach Wahlen erhöht.
Das hat es bei der EVN schon lange nicht mehr gegeben (2008 gab es eine Woche nach der Nationalratswahl eine kräftige Erhöhung, Anm.). Wenn die Preisparameter es notwendig machen, dann muss der Preis angepasst werden. Wir sind börsenotiert, haben Aktionäre und müssen daher auch kostendeckende Preise machen. Das wird mitunter ja auch kritisiert.
Sie sprechen damit die E-Control an, die kritisierte, dass Gewerbekunden die Senkungen am Großhandelsmarkt früher erhielten als die Haushalte.
In der Form kann ich diese Aussage nicht akzeptieren. Die Preise sind ja nach Verbrauch entsprechend gestaffelt. Dass der, der mehr verbraucht, auch günstigere Konditionen erhält, ist ja im ganzen Wirtschaftsleben so. Zudem haben die Großverbraucher auch mehr Risiko – etwa indem ihre Tarife sich mit der Börse mitbewegen. Solche Tarife gibt es übrigens auch für Haushaltskunden, wenn sie es wollen.
Dennoch zahlen die Haushalte laut E-Control rund zehn Prozent zu viel.
Ich bin jetzt seit 30 Jahren in der Branche. Strom und Gas waren in der öffentlichen Wahrnehmung in diesen 30 Jahren immer zu teuer. Wenn man es umrechnet, kostet Strom für einen Haushalt etwa so viel wie eine Ausgabe der „Presse“. Da kann man nicht sagen, dass ist nicht leistbar.
Die Frage ist ja nicht, wie viel es kostet, sondern wie viel es „wert“ ist. Also, ob der Haushalt es nicht auch billiger haben könnte.
Wir wehren uns als Branche gegen Vergleiche mit Billiganbietern, die vielleicht schon nach wenigen Monaten pleite gehen und – wie in Deutschland jüngst passiert – eine Million Kunden im Regen stehen lassen. Diese haben die Rechnungen dann doppelt zahlen müssen. Wir haben in Österreich auch Billiganbieter, die Systemausnutzer sind. Goldgas zum Beispiel hat im Winter keine Gasspeicher. Wenn Russland die Gaslieferungen wieder kappt, springen unsere Speicher ein, für die aber nur unsere Kunden bezahlen müssen.
Beim Strom sind Speicher irrelevant. Laut Tarifkalkulator der E-Control ist die EVN aber auch dort für einen durchschnittlichen Haushalt teurer als andere große heimische Versorger oder sogar reine Ökostromanbieter. Warum ist die EVN so teuer?
Beim Tarifkalkulator sind bei einigen Anbietern alle Rabatte enthalten, bei den alteingesessenen nicht. Unserer Meinung nach wird hier wissentlich falsch informiert.
Sie meinen, Sie werden vom staatlichen Energieregulator offen benachteiligt?
Bei uns werden nicht alle Rabatte angezeigt. Außerdem bieten wir Services wie Energieberatung.
Warum verpflichtet man aber alle Kunden, für Extraleistungen zu zahlen?
Es steht jedem frei, seinen Anbieter zu wechseln. Offenbar schätzen viele unser Service und bleiben treu. Wenn es eng wird, wissen sie, wo man verlässlich Energie erhält.
Wenn alles in Ordnung ist, warum weigern Sie sich dann, dem Regulator Ihre Kalkulationen offenzulegen?
Weil der Regulator nur für die Netze – eben das regulierte Monopol – zuständig ist. Und nicht für den Preis des Energieanteils. Wir haben kein Problem, unsere Daten der Wettbewerbsbehörde zu geben, wenn es dort entsprechende Vermutungen gibt.
Die Preise für fossile Energie sind seit Jahren im Steigen. Dennoch sagten Sie jüngst, dass sich der Strompreis wegen der Energiewende weiter erhöhen wird. Sollte es nicht umgekehrt sein?
Langfristig wird es günstiger werden, da wir dann keine Brennstoffkosten mehr haben. Zudem wird unsere Volkswirtschaft von Importen unabhängiger. Allerdings kostet jeder Systemwandel Geld.
Wie lange werden die Erneuerbaren noch Zwangszuschüsse durch die Kunden im Rahmen des Ökostromgesetzes brauchen?
Ich denke, in den nächsten fünf bis zehn Jahren sollte das nicht mehr notwendig sein. Bei der Energiewende geht es ja nicht nur um den Ersatz von fossilen Ressourcen durch erneuerbare sondern um den Umbau des gesamten Systems – weg von zentralen Kraftwerken hin zu dezentraler Erzeugung. Das braucht auch die entsprechenden Netze, weshalb finanzielle Unterstützung von außen notwendig ist.
Die Netze werden durch diese Veränderungen ja gewaltig unter Druck gebracht. Wird es Blackouts geben?
Der Ausbau der erneuerbaren Energie an sich ist noch kein Grund für Blackouts. Das Problem ist eher, dass wir früher oder später ohne notwendige Ersatzkraftwerke dastehen werden. Wenn man so will, ist das eine Folge der Liberalisierung: Wenn uns der Staat nicht ausreichend Gewinne machen lässt, gibt es kein Geld für Investitionen.
Noch kann die Energiebranche laut Statistik die höchsten Löhne bezahlen. Dennoch werden Forderungen lauter, dass der Staat nun auch den Bau von Gaskraftwerken subventionieren muss. Dann gäbe es kaum Strom, der nicht mit Fördermitteln erzeugt wird.
Wir sind heute schon weit weg vom freien Markt in der Branche. Aber es stimmt: Mit der Energiewende bewegen wir uns noch weiter in Richtung Staatsdirigismus. Hätte man dabei gleich auf staatliche Versorger vertraut, käme uns die Energiewende billiger.
Peter Layr ist seit Jänner 2011 Chef des niederösterreichischen Energieversorgers EVN. Der 58-jährige Techniker ist seit 1978 bei der EVN tätig und seit 1999 im Vorstand des Unternehmens. Zudem ist er seit Sommer 2011 Präsident des Branchenverbands Oesterreichs Energie.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2012)
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