Sie sind der erste Diversity-Beauftragte des Arbeitsmarktservice und für arbeitslose Migranten zuständig. Was ist Ihre Aufgabe?
Ali Ordubadi: Zunächst einmal musste ich herausfinden, wo das Problem liegt. Wir haben nicht einmal gewusst, wie hoch der Anteil der Migranten an den Arbeitslosen überhaupt ist. Dabei habe ich festgestellt, dass zwei Drittel der beim AMS gemeldeten Jugendlichen Migrationshintergrund haben.
Warum ist dieser Anteil so hoch?
Ein großes Problem ist die mangelnde Unterstützung von zu Hause, was die Berufsfindung betrifft. 19 Prozent der Jugendlichen sagten, sie werden von den Eltern unterstützt. Zehn Prozent nannten AMS und Schule. Am Ende kam heraus, dass 60 Prozent auf sich allein gestellt sind. Ich bin in die Vereine und Moscheen gegangen und habe versucht, mit den Eltern zu sprechen. Sie wünschen sich, dass es den Kindern einmal besser geht, dass sie Arzt oder Anwalt werden. Aber wie das Kind diesen Wunschberuf erreicht, wissen sie nicht. Was sie kennen, ist die Schule und das Arbeitslosenamt.
Aus Ihren Zahlen geht auch hervor, dass es Zuwanderer leichter haben als Migrantenkinder, die in Österreich geboren sind.
Die erste Generation entscheidet sich bewusst dafür. Einschränkungen aufgrund der Sprachdefizite werden in Kauf genommen. Die zweite, dritte Generation, die hier geboren ist, fühlt sich als Österreicher, sie kann das nicht akzeptieren. Die Schule kann nicht voll ausgleichen, was von zu Hause an Unterstützung fehlt. Die vereinfachte Aussage, dass Migranten ein Defizit haben, stimmt nicht. Es gibt ein Defizit, sprachlich, aber auch von der Ausbildung her. Bei 60 Prozent der Zuwanderer ist die Entwicklung der Kinder im Vergleich zu den Eltern positiv. Bei 20Prozent hat sich nicht viel geändert. Und das ist die Gruppe, die sich am Ende beim AMS meldet.
81 Prozent der beim AMS gemeldeten Jugendlichen mit Migrationshintergrund haben ihre Lehre abgebrochen. Warum?
Viele Eltern kennen die Möglichkeiten und auch das Problem nicht. Vater und Mutter haben selbst 30, 40 Jahre lang als Hilfsarbeiter gearbeitet. Sie wissen nicht, dass sich der Arbeitsmarkt geändert hat, es heute nicht mehr so viele Hilfstätigkeiten gibt. Dazu kommen die Sprachbarriere und möglicherweise Diskriminierung.
Türken sind häufiger arbeitslos als andere Migrantengruppen. Die Arbeitslosigkeit unter Türken betrug zuletzt 16 Prozent, bei Migranten allgemein zwölf Prozent. Woran liegt das?
Weil der Anteil an Bildungsfernen dort so hoch ist. Es gibt Lehrer, die haben bei den Noten Nachsicht, damit die Kinder nicht durchfallen. Aber das darf nicht sein. Irgendwann ist die Schule zu Ende, und dann kommen sie zu uns. Das AMS investiert im Bereich Jugendliche sehr viel. Aber wenn die Kinder in der Schule nicht gelernt haben, in ihrem eigenen Interesse zu lernen, wird es auch bei uns schwer. Trotzdem nutzen viele die Gelegenheit. Weil sie irgendwann einfach merken, dass das AMS die letzte Station ist, die ihnen etwas Sinnvolles anbietet.
Bringt es da etwas, wenn man die Strafen für das Schuleschwänzen erhöht?
So formuliert habe ich persönlich ein Problem damit. Wenn, dann kann das nur in Kombination erfolgen. Ich kann eine Drohung aussprechen, wenn ich gleichzeitig auch die Angebote zur Verfügung stelle. Die Eltern müssen wissen, wo sie die nötige Unterstützung bekommen. Dann könnte es sinnvoll sein, das an Sozialleistungen wie die Familienbeihilfe zu koppeln.
Einige Experten sehen das Problem, dass Migranten nur unter Migranten gut vernetzt sind, und dass Kinder aus Migrantenfamilien deshalb den Aufstieg nicht schaffen.
Ein eigenes Netzwerk zu haben, sehe ich als Vorteil. Aber wenn kein Kontakt mit der Außenwelt besteht, ist das schon problematisch. Und die Frage ist, warum es so ist. Es gibt auf beiden Seiten Vorbehalte: Migranten sagen, „Die wollen sowieso nicht mit uns reden.“ Die gleichen Argumente kommen von den Österreichern.
Die häufigsten Probleme sind Sprachprobleme.
Die Fehler haben alle gemeinsam gemacht. Es war vorgesehen, dass die Gastarbeiter wieder gehen. Warum sollte man sie wegschicken und neue ausbilden? Und keiner, weder die Zuwanderer noch die Republik, hat sich darum gekümmert, dass sie Deutsch lernen. Man hat die richtige Zeit verpasst, und zwar beide Seiten. Daher sollte man darauf schauen, dass die Jugendlichen jetzt den richtigen Weg finden.
Sie sprechen jetzt vor allem davon, welche Angebote der Staat machen soll. Was ist die Bringschuld der Migranten?
Zu 50 Prozent ist es ihre Aufgabe. Sie müssen ihre Kinder unterstützen und auch die nötigen Investitionen tätigen, soweit es ihnen möglich ist. Die Ausbildung kostet in Österreich nichts, es steht alles zur Verfügung. Man muss die Eltern an Bord holen, sie darauf hinweisen, welche Möglichkeiten es gibt. Aber auch auf ihre Pflichten.
Frauen mit Migrationshintergrund sind besonders schwer zu vermitteln. Wie bekommt man sie in den Arbeitsmarkt?
Im Mai waren 12.700 unter 21-Jährige beim AMS Wien in Betreuung. Das Verhältnis Burschen zu Mädchen war 60 zu 40. Wir verlieren einen Teil der Mädchen. Sie hören mit der Schule auf, aber kommen nicht zu uns. Wenn sie auf dem Arbeitsmarkt keine Chance sehen, haben sie immer noch die Chance, zu Hause zu bleiben, manche bekommen Kinder. Frauen haben es sowieso schwerer, dazu kommt der Migrationshintergrund. Und wenn dann noch ein Pascha dazukommt, ein Mann, der von Gleichberechtigung nicht allzu viel hält, dann reicht das aus. Deshalb haben wir diese Frauen nicht genug auf dem Arbeitsmarkt.
Ist das Kopftuch ein Grund?
Selbstverständlich. Und zwar nicht nur bei Menschen mit Pflichtschulabschluss, sondern auch bei Akademikerinnen. Um meine Kollegen zu sensibilisieren, lade ich immer wieder Menschen ein, um über ihre Erfahrungen zu berichten. Einmal waren zwei Vertreterinnen des Vereins junge Muslime eingeladen. Gut ausgebildet, Österreich hat also in sie investiert. Sie finden keinen Job. Wegen des Kopftuchs.
Verstehen Sie es, wenn ein Arbeitgeber sagt, das wolle er nicht?
Nein. Bei einem Friseurgeschäft kann ich es nachvollziehen. Die Damen wollen sehen, ob die Menschen dort ihre Arbeit gut machen. Aber wenn jemand beim Billa oder hier im AMS mit Kopftuch sitzt, dann stört das nicht.
Es gibt aber auch Argumente gegen das Kopftuch. Für manche ist es ein Symbol für Unfreiheit und Unterdrückung.
Selbstverständlich gibt es Unterdrückung von Frauen, auch hier. Und das muss man mit allen Mitteln bekämpfen. Die Frauen haben lange für Gleichstellung gekämpft, nicht nur in Europa, sondern überall auf der Welt. Und jetzt, unter der Voraussetzung, dass es ihr freier Wille ist, ist es ihr Recht, das Kopftuch zu tragen.
Aber es ist nun einmal bei vielen nicht der freie Wille.
Ich wäre nicht begeistert, wenn meine Tochter plötzlich sagen würde: „Ab heute trage ich Kopftuch.“ Ich würde versuchen, sie zu überreden, dass sie es bleiben lässt. Aber zwingen würde ich sie bestimmt nicht. Ich glaube an das Recht des Einzelnen.
1950
wurde Ali Ordubadi im heutigen Iran geboren. 1975 kam er nach Österreich, um Jus zu studieren.
Seit 1991
arbeitet Ordubadi für das Arbeitsmarktservice, zunächst in der Rechtsabteilung. Seit sechs Jahren ist er der erste Diversity-Beauftragte des AMS und in dieser Funktion für jugendliche arbeitslose Migranten zuständig.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.07.2012)
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