Wien. Wien. Ein Kuhmilchkäse aus Deutschland in Rapsöl im Glas, der vorgibt, er sei ein griechischer Schafkäse in Olivenöl. Ein Bio-Sojadrink, Geschmacksrichtung Erdbeere, der Aromen, aber keine Spur von Beeren enthält. Oder ein vegetarischer Bio-Nudel-Gemüse-Salat, dessen Hersteller mit dem erstaunlich geringen Nährwert von 109 Kilokalorien pro Portion wirbt. Bloß, eine Portion, das wären laut Etikett 50 Gramm, nicht viel mehr als ein gehäufter Esslöffel. Wer tatsächlich eine Portion, die 200 Gramm in der Schale, verspeist, nimmt mehr Energie zu sich, als in einem Stück Sachertorte steckt.
Etikettenschwindel und Irreführung wie in diesen Fällen sollen nun auf der Website www.lebensmittel-check.at des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) aufgedeckt werden. Konsumenten, die sich über die Herkunft von Nahrungsmitteln unsicher sind oder die Irreführung entdeckt haben, können diese per Online-Formular dem Verein für Konsumenteninformation melden. Der VKI wählt einige der Produkte aus, analysiert diese und präsentiert sie, sofern sich der Verdacht bestätigt, inklusive einer Stellungnahme des Herstellers auf der Website. 130 Artikel werden dort nun vorgestellt, wöchentlich sollen neue dazukommen. „Die Lebensmittel in Österreich sind grundsätzlich sehr sicher. Das größte Problem haben wir mit falsch und irreführend gekennzeichneten Produkten“, sagt Gesundheitsminister Alois Stöger (SP) bei der Präsentation der Website. Der Ärger der Konsumenten über irreführende Angaben ist offenbar groß, der Bedarf nach Informationen ebenso.
Enormer Erfolg in Deutschland
In Deutschland ist vor einem Jahr eine vergleichbare Seite (www.lebensmittelklarheit.de) online gegangen. Man habe „einen Nerv getroffen“ und sei „überrannt worden“, heißt es von den Betreibern, dem Verbraucherzentrale Bundesverband heute. Zwischenzeitlich brach die Website unter zu vielen Anfragen sogar zusammen. 5000 Produkte wurden binnen eines Jahres gemeldet. Das hat Wirkung gezeigt: 30Prozent der Hersteller sollen die Etiketten daraufhin geändert haben. Dabei war die Aufregung aufseiten der Produzenten zunächst groß: Von einem modernen Pranger war die Rede.
Auch hierzulande freuen sich die Produzenten nicht gerade über das Portal. „Der Begriff Pranger trifft es völlig“, sagt Michael Blass, der Geschäftsführer des Verbandes der Lebensmittelindustrie der Wirtschaftskammer. Das sei seiner Ansicht nach der falsche Weg. „Der Minister selbst ist für die Richtlinien verantwortlich. Es wäre seine Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie vollzogen werden“, sagt Blass und spricht von einer „Delegation der Verantwortung“ an die Konsumenten. „Es gibt bereits klare Regeln und eine effiziente Behörde.“
Anzeigen statt Spott
Er würde Anzeigen bei Verstößen vorziehen, statt Produkte dem „öffentlichen Hohn“ preiszugeben. Zumal es oft um „gefühlte Verstöße“ gehe, schließlich würde das Gesetz etwa jene Etiketten, die frische Früchte zeigen, obwohl die Produkte bloß Aromen beinhalten, erlauben. Ebenso wie sparsam festgelegte Portionsgrößen.
Bei Spar, einem der Hersteller der kritisierten Produkte, finde man es „grundsätzlich gut, wenn sich Menschen mit Produkten auseinandersetzen“, so Sprecherin Nicole Berkmann. Man freue sich über Feedback, solange es die Möglichkeit einer Stellungnahme gebe. „Das ist bei Lebensmittelcheck der Fall, somit nehmen wir das Feedback gerne auf.“ Ähnlich sieht man das bei Rewe (Billa, Merkur, Penny): „Wir finden alle Maßnahmen, die zu mehr Transparenz führen, positiv“, heißt es. Solange fair und sachlich berichtet werde.
Unter www.lebensmittel-check.at kann fortan jeder Konsument melden, wenn er irreführende Angaben auf den Verpackungen von Nahrungsmitteln entdeckt. Der VKI prüft diese Beschwerden und kritisiert ausgewählte Produkte online. In Deutschland ist eine ähnliche Plattform seit einem Jahr enorm populär. Lebensmittelproduzenten kritisieren diesen „öffentlichen Pranger“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.07.2012)
Städte-RankingWo die meisten Superreichen leben
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet

