Wien/Hie/Apa. Die Lehrlinge seien immer schlechter ausgebildet, beherrschten zum Teil nicht einmal die Grundrechnungsarten, kurzum: Es werde immer schwieriger, gute Auszubildende zu finden, klagen Firmenchefs zuhauf. Die Zahlen zu den Lehrabschlussprüfungen in Österreich geben ihnen recht: Demnach fällt fast ein Fünftel derjenigen, die zur Lehrabschlussprüfung antreten, bei der Prüfung durch. 2011 schafften gut 10.000 von 57.500 Prüflingen den Abschluss nicht. Und davon haben auch nur gut 4000 die Prüfung wiederholt, so die Daten der Wirtschaftskammer.
Die Unterschiede zwischen den Branchen sind dabei enorm. In Österreich gibt es mehr als 200 Lehrberufe. In 23 davon ist die Durchfallsquote höher als 30 Prozent (siehe Grafik). Am schlechtesten schnitten im Vorjahr Lehrlinge in der Sparte Gewerbe und Handwerk ab, bei denen 21,3 Prozent der Prüflinge durchgefallen sind. Auch im Tourismus war der Anteil derer, die nicht bestanden, mit 17,8 Prozent relativ hoch.
Die Erfolgsquote hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend verschlechtert: Verpatzten im Jahr 1980 noch 11,7 Prozent der Lehrlinge die Abschlussprüfung, sind es heute bereits 17,5 Prozent. Das liege vor allem an dem Trend, dass junge Leute immer höhere Bildung anstrebten, sagt Alfred Freundlinger, in der Wirtschaftskammer für Bildungspolitik zuständig: „Wer früher eine Lehre gemacht hat, macht jetzt eine HTL oder Handelsakademie. Und Leute, die früher gar nichts gemacht hätten, machen jetzt eine Lehre“, sagt Freundlinger. Gleichzeitig seien aber die Anforderungen an die Berufe gestiegen. „Früher war ein Schlosser jemand, der Metallbearbeitung betreibt. Heute muss man computergesteuerte Maschinen programmieren können.“ In manchen Branchen, wie im Handel oder bei den Banken, herrscht zudem ein großer Andrang von jungen Bewerbern. Andere Sparten, darunter etwa der Tourismus, suchen den Nachwuchs händeringend. „Selektieren ist da schon lange nicht mehr drinnen“, so Freundlinger. Damit sinkt die Qualität des Lehrpersonals und die Ausfallsquoten steigen. Am besten schnitten Lehrlinge bei Banken und Versicherungen ab.
Die Deutschen sind etwas besser
Die Gewerkschaft sieht die Schuld in den Betrieben: Eine qualifizierte Minderheit der Lehrbetriebe nutze die Jugendlichen als billige Hilfskräfte aus, statt in ihnen die Fachkräfte von morgen zu sehen, sagte Rudolf Kaske, Arbeitsmarktsprecher des ÖGB und Vorsitzender der Gewerkschaft Vida. So berichteten beispielsweise Friseurlehrlinge immer wieder, dass sie fast ausschließlich zum Haarewaschen eingesetzt würden. Die Arbeitgebervertreter weisen das zurück: „Ich muss immer in den Beruf hineinwachsen. In einem Friseurgeschäft kann ich jemanden in Ausbildung nicht von vornherein auf die Kunden loslassen“, heißt es aus der Wirtschaftskammer.
In Deutschland ist die Durchfallsquote etwas niedriger als in Österreich: So schaffen von den Lehrlingen in Handwerksbetrieben 15 Prozent die Prüfung nicht, in Industrie und Handel sind es zehn Prozent, so die Zahlen der Industrie- und Handelskammer.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.07.2012)

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