Wien/B.l. Der Juli ist traditionell ein guter Monat für den heimischen Arbeitsmarkt: Das Wetter lässt zu, dass auf den Baustellen gearbeitet wird, der Tourismus läuft auf Hochtouren. Ende Juli waren 285.899 Menschen ohne Arbeit (inklusive Schulungsteilnehmer). Das gab das Sozialministerium am Freitag bekannt. Damit gab es in Summe um etwa 100.000 Arbeitslose weniger als im Jänner.
Dass die schwächere Konjunktur Spuren hinterlässt, zeigt der Vergleich mit dem Vorjahresmonat. Da schaut das Bild weniger gut aus: Gegenüber Juli 2011 stieg die Zahl der Arbeitslosen um fast neun Prozent oder 22.995 Personen. In absoluten Zahlen ist das der stärkste Anstieg im Jahresvergleich seit März 2010 (siehe Grafik).
Schwache Konjunktur
Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ) führt den Anstieg darauf zurück, dass einige wichtige Handelspartner Österreichs in die Rezession gerutscht sind und auch Deutschland als Konjunkturlokomotive nachlässt. Die Zahl der gemeldeten Arbeitslosen (ohne Schulungsteilnehmer) stieg um 8,6 Prozent auf 227.869 Personen. Überdurchschnittlich stark war der Anstieg bei Ausländern (plus 18) und Personen über 50 Jahren (plus 13 Prozent), was auch damit zusammenhängt, dass sich mehr von diesen Personen auf dem Arbeitsmarkt befinden als vor einem Jahr.
Bei Jugendlichen zwischen 15 und 24 Jahren blieb der Anstieg mit 6,7 Prozent jedoch unter dem Schnitt, was auch mit der „Ausbildungsgarantie“ zusammenhängen dürfte: Jugendliche, die in geförderten Lehrbetrieben sitzen, werden nicht als arbeitslos geführt.
Unter den Branchen hält sich die Industrie auf den ersten Blick relativ gut: Hier stieg die Zahl der Arbeitslosen um 4,9 Prozent, in den Bereichen Bau (plus zehn), Handel (plus 6,7) und Tourismus (plus 8,8 Prozent) war die Konjunktureintrübung stärker zu spüren. Die Industrie baut vorerst Leiharbeiter ab: Im Bereich Arbeitskräfteüberlassung kletterte die Zahl der Arbeitslosen um 16 Prozent.
Mehr Beschäftigte
Es gibt jedoch auch gute Nachrichten: Die Zahl der unselbstständig Beschäftigten ist im Vergleich zum Vorjahr um 39.000 Personen oder 1,1 Prozent auf 3.540.000 gestiegen. Damit gibt es mehr zusätzliche Beschäftigte als zusätzliche Arbeitslose. Dass die Beschäftigung steigt, ist aber– von schweren Krisen abgesehen– der Normalfall. Ein Anstieg der Beschäftigung bewirkt nicht zwingend ein Sinken der Arbeitslosigkeit: Die neuen Stellen gehen vielfach an Menschen, die bisher noch nicht auf dem Arbeitsmarkt waren, etwa Hausfrauen, Schul-, Uni- und Lehrabsolventen sowie Zuwanderer. Auch steigt die Zahl der Erwerbstätigen dadurch, dass Ältere länger im Berufsleben bleiben.
Im EU-Vergleich steht Österreich gut da, doch wird die Schere zu Deutschland geringer. Laut dem EU-Statistikamt Eurostat hatte Österreich im Juni (aus diesem Monat stammen die aktuellsten Zahlen) mit 4,5 Prozent die niedrigste Arbeitslosenquote. Auf Platz zwei folgen die Niederlande mit 5,1 Prozent, auf Platz drei hat sich Deutschland vorgearbeitet. Dort ist die Arbeitslosigkeit seit einem Jahr um 0,6 Prozentpunkte auf 5,4 Prozent gesunken, während sie in Österreich um 0,6 Prozentpunkte gestiegen ist. Vor einigen Jahren zählte Deutschland zu den Sorgenkindern Europas. Dank Exportstärke und Arbeitsmarktreform holt das Land nun deutlich auf.
Die höchste Arbeitslosigkeit in Europa verzeichnet Spanien, wo inzwischen jeder vierte Erwerbsfähige ohne Job ist. An zweiter Stelle liegt Griechenland, wo die Arbeitslosigkeit innerhalb eines Jahres von 17 auf 22,5 Prozent gestiegen ist. Im EU-Schnitt sind 10,4 Prozent der Menschen arbeitslos.
Junge Spanier meist ohne Job
Schwerer haben es Europas Jugendliche: 21,2 Prozent der 15- bis 24-Jährigen befinden sich auf Jobsuche. Den besten Platz belegt Deutschland. Während die Jugendarbeitslosigkeit in Österreich bei 8,8 Prozent liegt, beträgt sie beim großen Nachbarn 7,9 Prozent. Auf der anderen Seite des Rankings befindet sich Spanien, wo es für Jugendliche wahrscheinlicher ist, arbeitslos zu sein als einen Job zu haben. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt 52,7 Prozent.
Im Juli waren in Österreich 227.869 Personen arbeitslos gemeldet, weitere 58.030 saßen in Schulungen. Damit war die Zahl der Arbeitslosen um fast neun Prozent höher als vor einem Jahr. Das Plus von 22.995 Personen bedeutet den stärksten Anstieg gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat seit zweieinhalb Jahren. Ursache ist die schwächere Konjunktur.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)

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