Wien. Karl Wlaschek, der Milliardär. Karl Wlaschek, der Klavierspieler. Karl Wlaschek, der Billa-Gründer. Karl Wlaschek, der Playboy. Karl Wlaschek, die Legende. Wenn der gebürtige Wiener heute seinen 95. Geburtstag feiert, gibt es kaum etwas, das über das Leben des schillernden Geschäftsmanns noch nicht geschrieben wurde. Wir wollen den Versuch, etwas Neues zu finden, auch gar nicht unternehmen. Seine Geschichte ist so gut, dass man sie immer wieder erzählen kann.
Sie liest sich wie der Prototyp des Märchens vom sozialen Aufstieg in einer kapitalistischen Welt. Denn der milliardenschwere Immobilienzar kam von ganz unten. Der Sohn eines Wiener Gaswerkebeamten musste sich nach dem Krieg acht Jahre lang als Barpianist „Charly Walker“ über Wasser halten. Es sollte dauern, bis der 1,60 Meter kleine Großgreißler in Wien ehrfurchtsvoll als „Herr Billa“ angesprochen werden sollte.
Die Initialzündung für sein Handelsimperium verdankt KW seiner notorischen Sparsamkeit. Warum sollte nur er den Wunsch verspüren, Gutes günstig zu kaufen? Schon in seinem ersten Geschäft, einer kleinen Parfümerie im fünften Wiener Gemeindebezirk, machte er aus seiner Knausrigkeit ein Geschäftsmodell und verkaufte Markenartikel zu billigen Preisen. Sieben Jahre später folgte der erste Billa in der Wiener Singerstraße. Billa – kurz für „Billiger Laden“ –, der Name war Programm für das erste Selbstbedienungsgeschäft in der Stadt.
Expansion aus Sparsamkeit
Was ihm an wirtschaftlichem Wissen fehlte, ersetzte Wlaschek mit einem Übermaß an Kontrolle, Hausverstand und einem gewitzten Sinn für Marketing. „Sensationen, Aktionen“, schrieb Wlaschek in den Anfangsjahren eigenhändig auf jene Schilder, die in den Auslagen seiner Geschäfte Kunden anlocken sollte – und erfand damit die Rabattschlacht der heutigen Handelsketten.
Größte Triebfeder blieb aber seine Sparsamkeit. Und er konnte sich keine größere Verschwendung vorstellen, als sein Geld an den Fiskus abzuliefern. Damit zu Jahresende nicht allzu viel Gewinn übrig war, flüchtete sich der Manager in die Expansion. Frei nach dem Motto: lieber ein paar hundert Filialen mehr als ein paar Millionen Schilling Steuern zahlen. Am Ende stand mit 1340 Filialen und 18.000 Mitarbeitern die mit Abstand größte Handelskette des Landes.
Wlaschek wurde von der Staatsspitze geehrt, von den Österreichern ob seines Erfolgs geachtet. Und dann versetzte „Herr Billa“ der Republik einen Schlag. Völlig überraschend trennte sich der Firmenchef vor 16 Jahren von seinem Imperium. Für geschätzte 15Milliarden Schilling (1,1 Mrd. Euro) verkaufte Wlaschek Billa an den deutschen Handelskonzern Rewe. An die Deutschen. Ausgerechnet. Selbst seine engsten Vertrauten waren nicht eingeweiht.
Seitdem liefert der Lebemann seine „Sensationen“ vor allem an den Boulevard. Nur das Sortiment hat sich ein wenig geändert. Statt Semmeln, Wurst und Obst versorgt Wlaschek die Öffentlichkeit nun mit Details aus seinem Liebesleben. Mehrmals suchte der Lebemann per Inserat nach der Richtigen. Vier Ehen, drei Scheidungen lautete die Bilanz – bis der damals 94-Jährige vor wenigen Wochen in Velden ein fünftes Mal vor den Traualtar schritt.
Betongold statt Banken
Aber auch im Geschäftsleben war Wlaschek nicht untätig. Nachdem er bei der Privatisierung der Creditanstalt, damals die zweitgrößte Bank des Landes, leer ausging, steckte er sein Vermögen in Immobilien. Darunter etliche herrschaftliche Palais in der Wiener Innenstadt wie das Palais Kinsky, Ferstel oder Esterházy.
An seinem 95.Geburtstag dürfte der Milliardär glücklich sein, dass er doch kein Banker wurde und stattdessen auf Betongold gesetzt hat. So zählt er in der Finanzkrise wohl zu den Gewinnern. Selbst aus der Schieflage der Banken konnte der Geschäftsmann noch Profit schlagen. Vor einem Jahr kaufte Wlaschek das Schlosshotel Velden – von der notverstaatlichten Hypo Alpe Adria.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2012)
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