Wien. Der Herbst beginnt heuer schon am 10. September. Der heiße Herbst. Diesen Termin haben die Arbeitgebervertreter auserkoren, um mit der Gewerkschaft die Kollektivvertragsverhandlungen der Metaller zu starten. Aber sie stocken bereits, bevor sie begonnen haben. Denn die Arbeitgebervertreter der rund 175.000 in der Metallbranche Beschäftigten wollen die Löhne und Gehälter heuer nicht geschlossen verhandeln, wie das bislang Tradition war. Im Frühjahr verkündigten die Unternehmervertreter der Maschinen- und Metallwarenindustrie (FMMI) – mit 116.000 Beschäftigten der größte Zweig der Branche, aus der gemeinsamen Lohnrunde auszutreten. In Folge haben auch die fünf anderen Metaller-Verbände nachgezogen.
Für die Gewerkschaft ist das „eine klare Kampfansage“, so Rainer Wimmer, der Bundesvorsitzende der Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) nach einer Sitzung der Gewerkschaftsspitze am Mittwoch. Die Metaller eröffnen traditionell den Poker um Gehaltserhöhungen und geben damit die Richtung für die anderen Branchen vor.
Tradition seit 40 Jahren
Die Gewerkschaft nimmt die von den einzelnen Fachverbänden bereits genannten Termine für den Start der Gespräche zwar zur Kenntnis. „Sie können aber davon ausgehen, dass zu diesen Terminen keine Verhandlungen stattfinden werden“, sagte Karl Proyer, Vizechef der Gewerkschaft der Privatangestellten (GPA), zur „Presse“. „Wir erwarten, dass alle zu einem Termin an einem Tisch sitzen. Ansonst werden wir unsere Entscheidungen treffen“, sagte Proyer, ohne das Wort Streik in den Mund zu nehmen. Wimmer: „Wir denken über alle Maßnahmen nach.“
Seit 40 Jahren sitzen neben den Vertretern des FMMI jene der Fachverbände, Bergbau-Stahl, Gießerei, Fahrzeuge, Nichteisenmetalle und Gas- und Wärmeversorger gemeinsam der Gewerkschaft gegenüber. Diese Tradition des gemeinsamen KV gilt in Gewerkschaftkreisen als „Erfolgsgeschichte“. Wimmer: „Wir werden nicht zulassen, dass diese aufgegeben wird.“ ÖGB-Boss Erich Foglar hatte schon im Juli dazu gemeint, dass der Zerfall der Metaller-Lohnrunde die Sozialpartnerschaft schwer belaste.
Branchen-KV ist „unzeitgemäß“
Das sehen die Arbeitgeber naturgemäß ganz anders: „Von einem Bruch der Sozialpartnerschaft, wie es die Gewerkschaft darstellt, kann keine Rede sein“, konterte Wolfgang Welser, Obmann der Industriesparte in der Wirtschaftskammer. FMMI-Obmann Christian Knill setzte nach: „Wir wollen keinen Krieg, sondern einen konstruktiven Dialog und setzen dabei auf die Vernunft der Gewerkschaften.“
Den Bruch begründen nicht nur Knill, sondern auch seine Verbandskollegen Adolf Kerbl (Gießerei) und Roman Stiftner (Bergbau-Stahl, Nichteisenmetalle) so: Angesichts unterschiedlicher Konjunkturzyklen, die wiederum die Folge verschiedener Kunden und deren individuellen Nachfrageverhaltens sind, sei ein Flächen-KV „unzeitgemäß“. So etwa sei die Gießereibranche großteils von den Autozulieferern abhängig, sagt Kerbl. „Wenn es diesen schlecht geht, weil die Automobilindustrie lahmt, dann ist das für uns erst recht schwierig.“ Deshalb ist diesmal für Knill auch die Arbeitszeitflexibilisierung mit Gleitzeit- und Teilzeitmodellen ein „heißes“ Thema.
Ein weiteres Argument der Arbeitgeberseite: In anderen Wirtschaftszweigen seien Einzelabschlüsse schon lange üblich. So etwa gebe es in der Lebensmittelproduktion mehr als 15 Verträge. So etwa haben die Brauer einen eigenen. Außerdem sei die Elektro- und Elektronikindustrie schon 2003 aus der Metallerrunde ausgeschert, und es habe keine Probleme gegeben. Die Gewerkschaft wiederum ortet den Versuch, ihre gebündelte Macht zu schmälern. Außerdem schwingt sie die Gehaltskeule: „Das Vorhaben einiger Hardliner ist eigentlich ein langfristiges Lohn- und Gehaltskürzungsprogramm“, sagen Wimmer und Proyer. Die beiden gehen nach wie vor davon aus, dass es doch zu gemeinsamen Verhandlungen kommt. Das lehnen die Arbeitgeber definitiv ab.
Kampf um hohen Abschluss
Die Unternehmervertreter werden angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage das Lohnsackerl nicht prall füllen. Die Gewerkschaft wiederum fordert kräftige Erhöhungen. „Die Exporte wachsen, und auch die Produktivität legt zu“, argumentiert dagegen Wimmer. Außerdem hätten die Arbeitgeber immer Argumente gegen höhere Lohnabschlüsse.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.08.2012)

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