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Zalto: Das Glas aller Dinge

11.08.2012 | 18:02 |  von Gerhard Hofer (Die Presse)

Zalto gilt unter Kennern als eines der besten Weingläser der Welt. Die Geschichte der Glasmanufaktur aus Gmünd im Waldviertel klingt wie ein Drehbuch. Am Anfang stehen ein Pfarrer, ein Glasbläser und ein Weinhändler.

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Ich trau mich gar nicht, es zu sagen: Wir liefern in 27 Länder. Gestern haben wir neun Paletten nach China geschickt“, sagt Josef Karner. Sein Kompagnon Martin Hinterleitner nickt. Was die beiden erzählen, klingt wie eine dieser fröhlichen Hollywood-Sommerkomödien. Ein Plot, der Mut machen soll, in einer Zeit, in der die Weltwirtschaft einem Scherbenhaufen gleicht, auf dem selbst profunde Ökonomen den Durchblick längst verloren haben. Deshalb handelt die Geschichte auch von edlen Gläsern. Denn der Wohlstand scheint plötzlich zerbrechlich wie Glas, und viele Menschen fürchten sich vor dem, was kommen mag. Die Geschichte entstammt keinem Drehbuch. Sie hat sich genau so zugetragen.

Am Anfang waren drei Männer. Ein Pfarrer, ein Glasbläser und ein Weinhändler. Der Pfarrer ist allerorts auch als „Weinpfarrer“ Hans Denk bekannt. Seit Jahrzehnten prägt er die heimische Weinszene. Der Glasbläser heißt Kurt Zalto. Der Dritte im Bunde ist Hubert Fohringer, Betreiber einer Vinothek in Spitz an der Donau. Gemeinsam wollen sie das perfekte Weinglas entwickeln. Die Formel dazu meint Kurt Zalto zu kennen: 24 – 48 – 72. Es handelt sich um die Neigungswinkel der Erde. Schon die Römer kannten diese mystischen Zahlen. Dementsprechend gestalteten sie ihre Amphoren. Nahrungsmittel waren in diesen Gefäßen nicht nur länger haltbar, sie schmeckten auch besser.


Experiment mit erlesenen Weinen. 2003 startet das Projekt. Immer wieder treffen sie sich in Fohringers Vinothek. Stunden, Tage und Nächte sitzen sie zusammen. Genießen ihr Experiment in vollen Zügen, vergleichen ihr Glas akribisch mit anderen – vor allem mit jenen aus dem Hause Riedel, die damals noch als das Maß aller Dinge gelten. „Das Tuning ging etwa ein halbes Jahr so“, erinnert sich Fohringer. Immer wieder muss Zalto neue Prototypen anfertigen, weil die Weinkenner noch nicht zufrieden sind. „Das war eine recht kostspielige Angelegenheit“, erinnert er sich zurück. Wachauer Smaragde sonder Zahl, teure Bordeaux, so manche Flasche Opus One werden dem Experiment geopfert. Eines Tages steht es vor ihnen auf dem Tisch. Das Glas, aus dem Wein ihrer Meinung nach seine größte Entfaltung erlangt. Was für eine Filmszene. Doch von Hollywood keine Rede.

Zalto ist ein guter Glasdesigner, aber für sein Unternehmen in Neu-Nagelberg im Waldviertel schaut es trist aus. Er steckt in finanziellen Schwierigkeiten. Bei einer Veranstaltung im Wiener MAK zerspringen plötzlich Gläser. „Das war wie ein Horrortrip“, erinnert sich Fohringer. „Zalto, das Glas, das von allein zerbricht“, hieß es. Das perfekte Weinglas wird zur Lachnummer. Aus der Traum? Schnitt.

Erst 2006 betreten Josef Karner und Martin Hinterleitner die Szene. Beide sitzen seit vielen Jahren im Vorstand der Sektkellerei Schlumberger. Es sind zwei Topmanager, denen das Topmanagement längst zum Halse raushängt. Sie treffen Denk. Der Weinpfarrer erzählt von der Malaise mit dem perfekten Glas. Die beiden erkennen, was ihnen da in die Hände fällt. Doch sie zögern anfangs. „Als ich Freunden erzählt habe, dass ich daran denke, in die Glasmanufaktur einzusteigen, haben sie mich gefragt, ob ich an den Türstock ang'rannt bin“, erinnert sich Karner schmunzelnd zurück. Wie man nur auf die Schnapsidee kommen könne, gegen einen Marktführer wie Riedel noch dazu in einem gesättigten Markt anzutreten, fragten befreundete Manager. Sämtliche Expertisen und Marktanalysen zum Trotz kaufen sich die beiden in die marode Firma in Neu-Nagelberg ein. „Wir waren damals vermutlich die ältesten Jungunternehmer Österreichs“, erzählt Karner. Heute ist er 57 Jahre alt, Hinterleitner 61. „Wir haben noch nie so einen schönen Job gehabt wie jetzt“, sagen sie.

Der Erfinder geht über Bord. Zu Beginn ist nicht alles so schön. Bald entpuppt sich die Zusammenarbeit mit Kurt Zalto als schwierig, letztlich sogar unmöglich. Irgendwann ist für den Erfinder des Glases im neuen Unternehmen kein Platz. Die Produktion wird nach Tschechien verlagert. Der Firmensitz von Neu-Nagelberg nach Gmünd verlegt. Warum nicht nach Wien? „Wir haben dort sechs tolle Mitarbeiter, die mit uns alles aufgebaut haben“, sagt Karner. Neben dem Büro befindet sich das Lager. Dort stapeln sich heute Paletten mit 60.000Gläsern. „Angefangen haben wir mit 2000 Gläsern“, sagt Karner. Der Weg von Gmünd nach Hause nach Wien führt die beiden oft über die Wachau, das Kamptal, das Weinviertel. „Wenn ein Winzer anruft, weil er ein paar Kartons Gläser braucht, bring ich sie auf dem Heimweg vorbei.“ Martin Hinterleitner lächelt. F.X. Pichler, Hirtzberger, Knoll. Die Elite der heimischen Winzer ist längst auf Zalto umgestiegen. Auch die Spitzengastronomie. Geigenmusik, die Kamera schwenkt auf elegant gekleidete Menschen. Im Steirereck, Österreichs bestem Restaurant, schwört man auf die gläserne Magie der Erdwinkel. Schnitt.

Der Erfinder stört. Sie waren dabei? „Was heißt ,Ich war dabei‘? Ich habe sie erfunden“, erwidert Kurt Zalto mit ironischem Unterton. Dass er, der Erfinder, nicht mehr mit von der Partie ist, sei von Anfang an geplant gewesen, vermutet er. „Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten“, erzählt er am Telefon. Die Entwürfe und der Name seien ihm abgekauft worden. Er wisse, dass er kein Unternehmer war, der „in die heutige Finanzwelt“ passt. Zu gutmütig? „Manche sagen auch ,dumm‘ dazu“, antwortet er. Er klingt verbittert, fühlt sich geprellt. Aber er wirkt nicht mutlos. „Ich widme mich wieder meinen Kunstprojekten“, erzählt er. Seine Frau Eva und sein Sohn Curt produzieren hingegen Weingläser. „Marienglas“ nennen sie ihre Serie. Sie ähnelt einem Glas, das nun den Namen Zalto trägt.

Das Original ziert jetzt die fein gedeckten Tische im Steirereck. Die mundgeblasenen Gläser besitzen neben der olfaktorischen Komponente noch andere praktische Eigenschaften. Sie lassen sich in der Maschine spülen. Sie kosten zwischen 23 und 31 Euro, sind also günstiger als Riedels Sommelierserie. Und die Gläser sind nun erstaunlich widerstandsfähig. „Sie enthalten kein Blei, und sie werden in der Hütte ganz langsam abgekühlt“, nennt Hinterleitner den Grund dafür.

Globalisierung im Waldviertel.
Wo endet die Geschichte? „Nicht im Supermarkt“, sagen sie, und plötzlich überkommt die distinguierten Herren spitzbübische Freude. Früher fühlten sie sich wie Bittsteller, wenn sie bei den großen Supermarktketten vorsprachen, um Weihnachtsaktionen für Sekt auszuhandeln. Jetzt klopfen die Lebensmittelketten, Möbelhäuser und Weinhändler bei ihnen an. „Wir vertreiben unsere Gläser nur in renommierten Fachgeschäften“, betont Hinterleitner. In Wien führt etwa Haardt & Krüger die Zalto-Serie. Nahaufnahme: „Unsere Gläser werden nie maschinell gefertigt werden“, sagt er. Es klingt wie ein Schwur.

Eine zweite Glasmanufaktur musste engagiert werden, um die Nachfrage zu stillen. Hinterleitners Sohn rückte in die Geschäftsführung nach, „weil es zu zweit nicht mehr zu bewältigten ist“. Expansionspläne? „Expansionspläne?“, wiederholt Karner und lacht. „Wir bemühen uns, die Aufträge abzuarbeiten.“ Plötzlich kommen E-Mails aus Südkorea und New York, aus London und Bordeaux. „Wissen Sie, warum es möglich ist, in Gmünd Unternehmer zu sein?“, fragt Karner. Gmünd: tiefstes Waldviertel, Grenzregion, eine der höchsten Arbeitslosenraten Österreichs. „Weil es Globalisierung und Internet gibt“, antwortet er.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde vom neuen Glas in der internationalen Weinszene. Plötzlich will Aldo Sohm, Sommelierweltmeister in New York, die Gläser. „Vergangenen Montag gab es eine große Verkostung im Burgund – mit unseren Gläsern“, berichten die grauhaarigen Jungunternehmer. Zwei Millionen Euro Umsatz erzielt Zalto. Im Vergleich zum Mitbewerber mit dem klingenden Namen Riedel ein Kinkerlitzchen.

Letzte Einstellung: Auf dem Flaschenetikett ist ein Turm mit einem Löwen zu sehen. Rotwein zieht im Glas aus Gmünd seine Schlieren. „Willkommen auf Château Latour.“ Kein schlechtes Ende.

Glasmanufaktur

Martin Hinterleitner und Josef Karner führten die Glasmanufaktur Zalto zum Erfolg. Bevor sie sich entschlossen, als „Jungunternehmer“ durchzustarten, saßen sie im Vorstand der Schlumberger AG.

Die neunteilige Zalto-Glasserie wurde ursprünglich vom Neu-Nagelberger Glasdesigner Kurt Zalto entwickelt. Er schied aber nach Differenzen aus dem Unternehmen aus und verkaufte seinen Entwurf und Markennamen. Zalto

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.08.2012)

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9 Kommentare
Gast: Gastrosoph
12.08.2012 07:45
0 1

Kapitalismus pur

Nur ein weiteres Beispiel für Abzockerei. Sicherlich hat Zalto kein Talent für die Finanzen, aber er ist kreativ und der Pfarrer Denk kennt sich mit Weinen gut aus. Überdies: 'zwei Topmanager, denen das Topmanagement längst zum Halse raushängt.' spricht für sich, vor allem, wenn man die beiden Herren kennt. Die Gläser, aus eigener Erfahrung, sind nicht besser, aber auch nicht schlechter als die von Riedel. Nur letztere sind für mich ästhetischer, da 'feminin'. Halt Geschmachssache.

Warum bildet man Weinstoperl und kein Zalto-Glas ab?


Re: Warum bildet man Weinstoperl und kein Zalto-Glas ab?

War vermutlich keines in der Bilddatenbank zu finden.
Das ist doch immer der Hauptgrund für Symbolbilder.

Komisch, dass beim...

...Weinsaufen immer ein Pfaff' dabei sein muss!
Der einzige Künstler außerhalb des trios infernal, Denk, Karner und Hinterleitner ist Kurt Zalto, den die geldgeilen Abzocker über den Löffel barbierten!

Antworten Gast: hijodeputa
11.08.2012 22:02
0 3

Re: Komisch, dass beim...

"Trio Infernal" ist ein Eigenname und wird daher groß geschrieben!

Re: Komisch, dass beim...

Wollen Sie damit etwas " sagen ", oder nur zeigen, dass Sie eine Computertastatur bedienen können ?

"...etwas " sagen ""

Sagen tu ich grundsätzlich mit dem Mund.
Schreiben mit den Händen.
Wenn es bei Ihnen umgekehrt ist, sollten Sie einen Arzt aufsuchen!

Re: "...etwas " sagen ""

Nun, ganz offensichtlich wollten Sie damit zum Ausdruck bringen, dass Sie nichts zu sagen haben und außerdem die deutsche Sprache nur rudimentär verstehen - PISA lässt grüßen, ein weiterer funktionaler Analphabet.

"ein weiterer funktionaler Analphabet."

Darf ich das als Ihre Unterschrift verstehen?

Hobbyökonom