Wien. Wenn man denkt, als Privatanleger habe man es schwer, sollte man sich einmal diese Situation vorstellen: Jeden Tag erhalten Sie Unmengen von Prämien, die irgendwo veranlagt werden müssen. Gleichzeitig müssen Sie Ihren Kunden laufende Erträge auszahlen, bei denen die Renditen garantiert sind. Und das zu Werten, die heute ohne Risiko nicht mehr zu erzielen sind.
Genau so geht es den großen Versicherungskonzernen. Weil sie sich nicht einfach mal ein schlechtes Jahr mit Anlageverlusten erlauben können, müssen sie ihr Geld hauptsächlich in Anleihen investieren. Dort gibt es aber kaum noch etwas zu holen: Deutsche Bundesanleihen rentieren mit knapp über einem Prozent. Bis zum Jahr 2000 lag der Garantiezins in der Lebensversicherung sowohl in Österreich als auch in Deutschland aber bei vier Prozent. Wer seinen Vertrag bis dahin abgeschlossen hat, bekommt so viel ausgeschüttet.
Daher sind die Assekuranzen fieberhaft auf der Suche nach neuen Investitionsmöglichkeiten. In den Fokus rücken dabei immer mehr die erneuerbaren Energien. Die Münchener Rückversicherung gab am Montag etwa bekannt, drei britische Windparks für eine „niedrige dreistellige Millionensumme“ gekauft zu haben. Der DAX-Konzern hat sich für sein Investitionsprogramm sogar einen eigenen Namen ausgedacht: „Rent“ (Renewable Energies and New Technologies).
„Durch Rent diversifizieren wir unser Portfolio weiter um nachhaltige Investments mit überschaubarem Risiko und attraktiven Erträgen“, sagt Holger Kerzel, Chef der Anlagetochter der Münchener Rück. Mittelfristig sollen 2,5 Mrd. Euro in derartige Projekte fließen. 600 Mio. Euro habe man bereits europaweit investiert.
„Eine interessante Assetklasse“
Das „Handelsblatt“ berichtete ebenfalls am Montag, der Konzern hege Interesse an dem deutschen Stromnetzbetreiber Tennet. Das wollte man in München aber nicht bestätigen. Auch der Allianz, Deutschlands größtem Versicherer, war diesbezüglich kein Kommentar zu entlocken, obwohl das Blatt auch ihnen Interesse zugeschrieben hatte.
Doch auch die Allianz schaut sich immer mehr nach alternativen Anlagemöglichkeiten um. Über eine Milliarde Euro sind bereits in erneuerbare Energien geflossen, etwa drei Dutzend Windparks und Solarkraftwerke in Deutschland, Frankreich und Italien gehören zum Besitz. Angesichts eines Gesamtportfolios von 480 Mrd. Euro ist das zwar noch ein kleiner Betrag. „Wir haben aber immer gesagt, dass die Assetklasse interessant ist und das wird sie mittelfristig auch bleiben“, heißt es im Konzern.
Die Versicherungen reizen vor allem zwei Dinge: die hohe Rendite und die gute Planbarkeit der Erträge. Die Allianz hat für neue Investitionen in erneuerbare Energien eine Zielrendite von sieben bis acht Prozent ausgegeben. So viel zahlt Spanien nur in ganz besonders schlimmen Zeiten.
Erträge schwanken kaum
Auf der anderen Seite brauchen die Versicherungen Erträge, die nicht jedes Jahr stark schwanken. Schließlich müssen sie ihren Kunden regelmäßig die Lebensversicherung auszahlen. Dazu passen Stromkraftwerke gut: „Die Rendite ist ansehnlich und der Cashflow ist sehr gut vorhersehbar“, sagt Carsten Zielke, Versicherungsexperte bei der Société Générale. „An dem Strombedarf eines Landes ändert sich ja nicht so viel.“
Auch die Förderungen spielen eine Rolle. Denn die deutsche Bundesregierung garantiert die Förderungen ab dem Zeitpunkt, zu dem ein Kraftwerk ans Netz geht. Kürzungen bei der Ökostromförderung gelten nur für neu gebaute Kraftwerke. „Das war bestimmt auch ein Argument“, so Zielke. „Im Vordergrund steht aber sicher die Planbarkeit der Erträge.“
Aus diesem Grund hat es die Allianz auch in die US-Metropole Chicago verschlagen. Sie besitzt dort eine Gesellschaft, die Parkuhren betreibt. Die Einnahmen hat sich die Versicherung für die nächsten 75 Jahre gesichert. „Ein ideales Investment“, schwärmte Allianz-Chef Michael Diekmann nach dem Kauf. Die Verzinsung liege zwischen sieben und zehn Prozent.
Überhaupt seien alle Sachwerte interessant. So wird auch in Immobilien verstärkt investiert. Hier besitzt die Allianz bereits ein Portfolio von 20 Mrd. Euro. Mittelfristig sollen es 30 Mrd. Euro werden.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2012)
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