Wien/ES. Die Berührungsangst der Arbeitgeber gegenüber Behinderten ist immer noch hoch. „Firmen fürchten sich immer noch vor Minderleistungen von Behinderten, dabei ist die Gefahr nicht größer als bei anderen Arbeitnehmern“, sagt Gregor Demblin, Mitbegründer von Career Moves, Europas erster Jobplattform für Menschen mit Behinderungen.
Auf der vor drei Jahren gegründeten Onlineplattform können sich Behinderte und Nichtbehinderte gleichermaßen um Arbeitsplätze bewerben. „Der entscheidende Vorteil ist“, sagt Demblin, „dass hier Menschen mit Handicap auf einen Blick sehen können, ob ein Unternehmen behinderten Bewerbern gegenüber aufgeschlossen ist.“
Damit erspare man sich eine langwierige Jobsuche mit vielen Absagen und noch mehr Frust. Mittels einfacher Symbole können Unternehmen angeben, für welche Art von Behinderung (Seh- oder Hörbehinderte, Einschränkung im Bewegungsapparat) der Job geeignet ist. Demblin, der selbst seit einem Badeunfall mit 18 Jahren im Rollstuhl sitzt, sagt: „Behinderte können Leistungen bringen und wollen nicht mit Samthandschuhen angegriffen werden.“
Career Moves bekommt langsam Wind in die Segel. Der Anteil der Jobangebote hat sich seit dem Start 2009 verdreifacht. 250 Arbeitgeber, darunter McDonald's, Ikea und Microsoft, inserieren über die Plattform. Eine wichtige Aufgabe von Career Moves sei es, direkt an die Unternehmen heranzutreten und dort Aufklärungsarbeit zu leisten, so Demblin.
725 Mio. Euro für Barrierefreiheit
Mehr Geld für die Integration Behinderter in den Arbeitsmarkt verspricht Sozialminister Rudolf Hundstorfer (SPÖ). Von 2013 bis 2016 gibt es eine Geldspritze von 725 Mio. Euro für neue und verstärkte Förderungsmaßnahmen. Unter der Dachmarke „Netzwerk für berufliche Assistenz“ (Neba) sind sämtliche vom Sozialministerium geförderten Maßnahmen zusammenfasst: Vom „Clearing“, das behinderten Jugendlichen dabei hilft, ihre beruflichen Stärken herauszufinden, bis zu diversen Eingliederungshilfen, die Behinderte dabei unterstützen, sich am Arbeitsplatz zurechtzufinden. Neben diesen auf die Jugend ausgerichteten Initiativen dürfe man aber die Älteren nicht außer Acht lassen, so Hundstorfer am Montag vor Journalisten.
Umstieg für Schichtarbeiter
Wegen der demografischen Entwicklung müssten Arbeitgeber sich zunehmend mit älteren Beschäftigten auseinandersetzen, die trotz körperlicher Beeinträchtigung arbeiten wollen bzw. müssen. Hundstorfer will „weg von der befristeten Invaliditätspension“. Dafür müsse man rechtzeitige Aus- und Umstiegsmöglichkeiten für bestimmte Berufsbilder schaffen, etwa für Schichtarbeiter.
Die letzte Novelle des Behinderteneinstellungsgesetzes hat 2010 deutliche Erleichterungen für Arbeitgeber gebracht. So gilt seither der Kündigungsschutz für Mitarbeiter mit Handicap erst ab dem vierten Jahr und nicht, wie zuvor, schon ab sechs Monaten. An sich ist jedes Unternehmen verpflichtet, auf je 25 Arbeitnehmer einen Behinderten einzustellen.
Doch rund zwei Drittel der Betriebe ziehen es vor, statt einen Behinderten einzustellen lieber Strafgeld („Ausgleichstaxe“) zu zahlen. Jede nicht wie vorgesehen mit einem Behinderten besetzte Stelle kostet ein Unternehmen monatlich je nach Größe zwischen 232 und 345 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2012)
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