UBS verteidigt Einkommensstudie

23.08.2012 | 18:24 |  NIKOLAUS JILCH (Die Presse)

Der Autor der UBS-Studie, derzufolge die Österreicher seit dem Jahr 2000 große reale Einkommensverluste erlitten haben, weist im Gespräch mit der „Presse“ die heftige Kritik zurück und verteidigt den Euro.

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Wien. Wie viel blieb den Österreichern wirklich von der letzten Erhöhung von Gehalt oder Pension? Was wurde von Inflation, Steuern und Abgaben aufgefressen? Eine Studie der Schweizer Großbank UBS gibt darauf drastische Antworten: Das ärmste Zehntel der Österreicher habe in den Jahren 2000 bis 2010 ganze 35 Prozent ihres „realen verfügbaren Einkommens“ eingebüßt, so die Studie. Die Mittelschicht mehr als 20 Prozent. Und die Reichen zehn Prozent. Österreich sehe im europäischen Vergleich „alarmierend schwach“ aus, heißt es in der Studie. („Die Presse“ berichtete.)

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UBS-Analyst ist sich „sicher“

Die Reaktionen auf die Studie waren nicht minder drastisch: Die Studie sei „nicht nachzuvollziehen“, so die Industriellenvereinigung: „Massive Rechen- und Datenfehler können nicht ausgeschlossen werden.“ Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) legte am Mittwoch ihre eigene Rechnung vor. Die realen verfügbaren Einkommen seien von 2000 bis 2010 nicht gefallen, sondern durchschnittlich um ganze 12,2 Prozent gestiegen, so die OeNB. Die Ergebnisse der UBS-Studie seien „nicht plausibel und mit erheblichen methodischen Datenproblemen behaftet“, hieß es in einer Aussendung der Nationalbank.

Auch die Bank Austria (BA) hat nachgerechnet und kommt wiederum auf ein anderes Ergebnis: Die Realeinkommen seien schon gesunken. Aber nicht so stark, wie die UBS behaupte, sondern nur um durchschnittlich 1,5 Prozent. Die ärmsten 20 Prozent hätten ihr reales Einkommen um neun Prozent schrumpfen sehen, so die BA. Die von der UBS ermittelten Zahlen seien somit „definitiv falsch“.

Paul Donovan, der Autor der UBS-Studie, weist die Vorwürfe aus Österreich im Gespräch mit der „Presse“ zurück. Die von ihm und seinem Team vorgelegten Daten seien mehrmals überprüft worden. „Ich bin sicher, dass diese Zahlen die Veränderungen beim realen verfügbaren Einkommen reflektieren“, sagt UBS-Analyst Donovan.

Es sei nichts Neues, dass Menschen mit niedrigen Einkommen stärker unter der Inflation zu leiden haben als jene mit höheren Einkommen, so Donovan.

Die UBS habe lediglich Daten aus dem harmonisierten Verbraucherpreisindex der Eurostat neu zusammengestellt und einkommensspezifisch angepasst – um lebensnahe Ergebnisse zu erhalten. Ein ärmerer Haushalt gibt prozentuell deutlich mehr für Nahrung und Energie aus als ein reicherer Haushalt – und diese Produkte steigen stärker im Preis als beispielsweise Smartphones oder Pauschalreisen. Die offizielle Inflationsrate spiegle aber eher das Einkaufsverhalten der Wohlhabenden wider. Deswegen habe man die Inflationszahlen je nach Produkt und Einkommensklasse neu berechnet.
„Wir wissen, wie sich die Schuhpreise in Österreich in den letzten 15 Jahren entwickelt haben“, so Donovan. Wichtig sei auch der Unterschied zwischen Haushalts- und Pro-Kopf-Einkommen. „In Österreich ist das Haushaltseinkommen ziemlich stark gefallen, das Pro-Kopf-Einkommen aber nicht.“ Grund sei die Zunahme von Haushalten, in denen nur junge Arbeitslose oder Pensionisten leben.

„Globales Phänomen“

Die Ergebnisse der Studie, wonach die Österreicher am deutlichsten reales verfügbares Einkommen eingebüßt haben, während Spanier, Portugiesen und Griechen dazugewonnen haben, seien auch nicht sonderlich überraschend. Dass reichere Länder verlieren, während ärmere aufsteigen, sei ein „globales Phänomen“, so Donovan.

Dass Österreich in der UBS-Studie auch im Vergleich mit Deutschland deutlich schlechter abschneidet, sei auf den Aufstieg der ostdeutschen Bundesländer zehn Jahre nach der Wiedervereinigung zurückzuführen. Und auf die Ausgangsposition: „Im Jahr 2000 hatte Österreich das höchste Einkommen in der Eurozone – und zwar in der Mehrheit der Einkommensklassen. 2010 stand Österreich bei keiner Einkommensklasse mehr an der Spitze“, sagt Donovan.

Der Euro sei aber nicht alleine für diese Entwicklung verantwortlich. Die Gemeinschaftswährung sei „ein Faktor von vielen“. Europaweit betrachtet könne man sogar sagen, dass zumindest die Ärmsten profitiert hätten – die Angleichung der Lebensstandards sei aber „nicht schnell genug“ vonstattengegangen. „Ich glaube, dass sich dieser Trend nach 2010 umgekehrt hat“, so Donovan.

Auf einen Blick

Zehn bis 35 Prozent ihres Einkommens nach Inflation und Steuern haben die Österreicher in den Jahren 2000 bis 2010 verloren, sagt eine UBS-Studie. Nationalbank, Industriellenvereinigung und Bank Austria kritisieren die Studie heftig und legen andere Zahlen vor. UBS-Analyst und Studienautor Paul Donovan antwortet gegenüber der „Presse“: Die Daten seien mehrmals überprüft. UBS hat in ihrer Studie eigens berechnete Inflationszahlen verwendet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.08.2012)

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226 Kommentare
 
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Auch bei der Nationalbank werden Parteigünstlinge von SPÖ+ÖVP im Proporz versorgt

Diese Leute berichten uns dann ihre "unabhängigen" Informationen.

Da kann sogar der Putin noch einges lernen.

Was ist jetzt wirklich los mit der Einkommensstudie?

Für Michael Hörl ist die Studie ein "Fake" (nachzulesen in seinem Kommentar für die EU-Infothek unter http://www.eu-infothek.com/article/oesterreichs-realeinkommen-stagnieren-die-haushaltseinkommen-steigen-dafuer-umso-staerker ).

Für Helmut Graser dagegen sind die Reaktionen der österreichischen Institutionen "durchschaubar" (nachzulesen unter http://www.conwutatio.at/index.php?option=com_content&view=article&id=94:who-wins-with-the-euro&catid=5:europaeische-politik ).

Mein Wunsch: WIFO und OENB sollen Gegenstudien erstellen und die Österreicher aufklären! Das hätten wir uns verdient!

Antworten Gast: globetrotterneu
27.08.2012 18:06
1

Re: Was ist jetzt wirklich los mit der Einkommensstudie?

aufklären in diesen land nicht möglich und von diesen verreinen schon gar nicht.

Gast: Gast_xyz
27.08.2012 12:48
0

man will die Warheit wohl nicht lesen

die Rechnung der UBS stimmt wohl eher - nur verschweigen das unsere Politiker und Witschaftsbosse gerne - sonst kann man den Arbeiter und Angestellten nicht weiter schröpfen und mit minimalen Lohnanpassungen abspeisen. Der Satz:
"Die UBS habe lediglich Daten aus dem harmonisierten Verbraucherpreisindex der Eurostat neu zusammengestellt und einkommensspezifisch angepasst – um lebensnahe Ergebnisse zu erhalten." zeigt woran es den anderen bei Ihrer Berechnung wohl fehlt.

Tja

wir leben in einem Paradies.

Mit einem Nettoeinkommen von 850 €

Die Lebensmittelpreise

Von einem Monat auf das andere 40€ Mieterhöhung

Mit kaputtem Körper auch mit 56 keine I-Pension

Unsere ehrlichen Volksvertreter

Unsere verständnisvollen Banken

WIR LEBEN IN EINEM SCHLARAFFENLAND

Sozialismus kostet....

eben Geld (Euro)

Neo-Liberalismus

Eine interessante Ausgangssituation, drei Studien und drei verschiedene Ergebnisse.
Auch ohne Ökonomie- und Politikexperten kann jeder Normalbürger beim täglichen Blick ins Geldbörsel feststellen, welche Studie seine eigene Lebensrealität wider gibt.

Die politische Clique, die zur Zeit das Ruder des Geschehens inne hat, wird auch dann noch von alternativlosen Vorteilen des Euro sprechen, wenn hunderttausende Menschen durch Armut ihren Platz in der Gesellschaft verloren haben werden.
Ein perfides System der Lügen-Verdeckung und gezielten Ausbeutung der untersten Einkommensschichten!

Ob Donovan Recht hat, weiß ich nicht, dass die offizielle Inflationsrate ein Schmarrn ist, weiß ich sicher!

Haben Sie sich auch schon gewundert, dass die Bäckersemmel kaum die Hälfte von anderen, vergleichbaren Gebäckstücken kostet? Der Grund ist, dass der Preis einer Bäckersemmel im Verbraucherpreisindex drinnen ist und sich damit auf die Inflationsrate auswirkt, der Preis eines Kornspitzes oder eines Wachauer Laberls aber nicht!

Wissen Sie, dass sich der Preis eines Computers für die Statistik verbilligt, wenn er mehr Speicherkapazität hat? Die Statistik rechnet so, als ob man früher mehrere Computer nebeneinander gebraucht hätte, um genug Speicherplatz zu haben und jetzt mit weniger Computern das Auslangen finden würde! Das ist doch völlig unrealistisch!

Das sind nur zwei Beispiele für die fragwürdige Methode, wie die Inflationsrate offiziell berechnet wird, es ist aber bei allen Positionen des Verbraucherpreisindex ähnlich.

Meine "gefühlte" Inflationsrate liegt viel näher bei Donovan als bei der Statistik Austria!

Gast: aufstand der umstände
24.08.2012 20:00
7

anscheinend brauche wir österreicher die hilfe von britischen journalisten

um zu erkennen wie verkommen die österreichische korruptionspolitik ist und eine aufklärung durch eine schweizer statistik, um die gefühlte wahrheit ihrer finanziellen ausbeutung bestätigt zu sehen.

Ist halt für die vereinigten österr. Gesundbeter peinlich, daß jemand den Finger in die Wunde legt.

Die Argumente Donovans sind richtig. Peinlich ist natürlich das Ergebnis vor allem für die Roten, deren gesellschaftspolitische Pleite sichtbar wird.
Daher auch das Gekläff aus der Nationalbank. Natürlich kann das alles dem roten Novotny nicht gefallen. Jemand der als Österreicher Eurobonds vertritt und eine höhere Verzinsung unserer Staatsschuld in Kauf nimmt verrät die Interessen der österr. Steuerzahler.

Gast: Martin_S
24.08.2012 18:36
2

Im

rot(-grünen) Staatsfunk war zu hören "ruderte zurück"--- Also eine glatte Falschmeldung des ORFs!

Gast: FH
24.08.2012 17:22
1

Nunja. Schon richtig

Reinigungskraft wird gesucht, zu 8.50.- Stunde . (heutige Zeitung) Was hat die 2000.- inflationsbereinigt verdient?
Natürlich drückt auch die hohe Zuwanderung der letzten 15 Jahre stark das untere Einkommensniveau.
Kann sich ein mittlerer Verdiener noch in Westösterreich ohne Erbschaft oder Mithilfe der Eltern eine Eigentumswohnung in den Städten leisten?
Nun. der Platz ist eng geworden. Die Ursachen sind allerdings vielfältig.
Nur gegenüber den Schweizern haben wir Österreicher jedenfalls ca. 30% (Kurs) an Kaufkraft verloren. In Griechenland ist der Öserr. und deutsche Euro nur mehr 1,1 wert. Ein zu geringer Unterschied. Das ist wohl ein Problem der südlichen Länder.

Verknüpft man Daten des österr. statistischen Zentralamtes, dann bestätigt sich UBS-Studie für unterste Einkommen

Die unterste Einkommensschit gibt ihr Geld vor allem für den wöchentlichen Einkauf aus, welcher sich laut Statistik Austria zuletzt um rund 8 % verteuert.

Sieht man sich zusätzlich den Anstieg der Working poors sowie der Ausgleichzulagenbezieher an (diese sind in diesem Zeitraum sowohl absolut als auch relativ gestiegen) ist es eindeutig, dass die ärmste Bevölkerungsschicht in Österreich seit der Euroeinführung draufgezahlt hat.

http://www.wienerzeitung.at/wzo/meinungen/gastkommentare/481935_panikmache_euro.html

Gast: krukdiwut
24.08.2012 16:31
1

Der Euro wars garnicht?

Die Reaktionen auf den ursprünglichen Artikel und das damit verbundene Euro-Bashing zeigt wieder mal das Versagen des Österreichischen Schulsystems auf:

Den Österreichern mangelt es leider total am Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge. Sobald dann ein vermeintlich passender Schuldiger, wie in diesem Fall der Euro, gefunden wird, wird unreflektiert losgehauen. Kaum jemand scheint zu wissen wie man das Real-Einkommen überhaupt berechnet bzw. wie da der Euro reinpasst, ansonsten hätte es kaum zu so negativer Reaktionen kommen können. Gut das jetzt zumindest etwas zurückgerudert wird.

Unsere Schulen bilden leider wirtschaftliche Voll-trotteln aus, die dann bestenfalls noch die einfachen Artikel der Kronenzeitung sinngebend lesen können. Für mehr oder sogar eine kritische Reflexion reicht das Wissen leider nicht mehr aus. Selbst so einige Journalisten, berichten auf einem Niveau, das besorgniserregend ist - aber woher sollten sie es auch gelernt haben?

Antworten Gast: globetrotterneu
27.08.2012 18:33
0

Re: Der Euro wars garnicht?

danke grosser meister.

Gast: advo
24.08.2012 16:19
3

ökonomisches Polittheater

Dieses Theater wird der Masse der Bevölkerung vorgespielt um von den eigenen Supergagen und Multifunktionärsgehältern abzulenken!
Die Stimmviehmentalität ist aber durchaus geeignet Verhältnisse wie in Griechenland entstehen zu lassen.
Hinzu kommen die Milliarden Euro für die der kleine Mann einstehen darf, weil die Milliardäre und die Oberschicht in den südlichen Ländern keine Steuern zahlen.
Der Staatsbürger in diesem Land entwickelt sich langsam aber sicher zum Staatstrottel, dank der eigenen Politik. Es wird versucht neue Steuern einzuführen, obwohl die Bevölkerung von diesem Politsystem ohnenhin bereits ausgeplündert wird.


Reallohnverluste

mich wundert das Studienergebnis gar nicht

brauche mir nur meine Lohnerhöhungen der letzten 10 Jahre anzuschauen - waren praktisch identisch mit der offiziellen Inflationsrate (mal auch ein, zwei Zehntel darüber)

stimmt es, dass im Bereich der Geringverdiener die wirkliche Teuerung 2-3 % über der offiziellen Inflationsrate liegt, ergibt sich daraus eben 15 bis 20 %iger Reallohnverlust in den letzten 10 Jahren

und weils so lustig ist hat der liebe Arbeitgeber für nächstes Jahr eine Nulllohnrunde verordnet

Konsumstütze wird aus mir da aber keine werden, gell

lg Berny

Gast: Markus Trullus
24.08.2012 14:19
3

Warenkorb????

Den derzeitigen Einkaufswarenkorb habe ich schon vor zig Jahrzehnten kritisiert, weil er von einer nicht mehr existierenden Mittelstandsfamilie ausging. Die Schichtung schaut heute bei kleinen Verdienern ganz anders aus. Lebensmittel, Energie, Verkehr sind massivste gestiegen. die "Laptops uA), die aus China kommen und uns auch noch Arbeitsplätze weggenommen haben, womit unser Sozialkostenaufwand stieg, sind auch gar nicht mit berücksichtigt...

Gast: Die Wahrheit macht frei
24.08.2012 13:57
13

Also wer hat eine andere Reaktion erwartet???

Volksverblödung ist doch das Geschäftsmodell der politischen Parteien.....

rabe abc

Die UBS Studie liegt richtig. Im Buch "Career 1997" habe ich noch die damaligen Akademikereinstiegsgehaelter. 2000-2500 Eur btto im Monat , aehnlich wie heute nur liegen da 15 Jahre Inflation dazwischen. Man muss heut deutlich mehr Monate fuer einen VW Passage arbeiten als damals, da hilft es nichts, wenn die Statistik Austria die Inflation herunterrechnet indem Qualitaetsverbesserungen der Preissteigerungen gegengerechnet werden (hedonischer Ansatz). Hier werden Buerger betrogen, damit Sie nicht merken dass wir seit 10 Jahren, seit Wirken der Globalisierung, in der Rezession sind.

Re: rabe abc

Ja, aber "Career" war schon immer weit von der Realität entfernt...

Ein Blick genügt

in meine Gelbbörse genügt mir, um zu erkennen, dass die UBS-Studie doch viel näher an der Realität liegt, als die lustigen Zahlen der offiziellen Stellen.

Toll

Jetzt gibts drei Studien mit drei unterschiedlichen Ergebnissen...

Antworten Gast: 1. Parteiloser
24.08.2012 13:22
0

Re: Toll

Logisch,
weil die 3 Studien verschiedenen Parametern zur Berechnung verwendet haben und daher verschiedene Resultate, mit verschiedenen Aussagen!, bekommen haben.

Jede Aussage stimmt irgendwie doch, die Deutung der Daten muss nur noch passend zu den Aussagen erfolgen.

Re: Re: Toll

Nicht nur das, sie gehen auch von unterschiedlichen Konzepten aus und sie aggregieren anders...

Gast: General Schnitzelsemmel
24.08.2012 12:47
8

Muss schon sagen

die OeNB hat vollkommen recht, die UBS hat mit ihrer komischen neumodischen Art einfach nicht beachtet was der Durchschnittsösterreicher tatsächlich kauf: Einen Diamantring hier, 3 neue Plasmabildschirme da, und obendrauf einen neuen Ferrari

 
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