Ruhig ist es geworden am See: Die aufgeplusterten C- und D-Promis, die die Gegend in den Wochen zwischen Beachvolleyball und Fête Blanche mit Partylärm kontaminiert haben, sind Richtung Wien und München abgerauscht. Jetzt „gehört“ er wieder Erholung suchenden Touristen und Anwohnern. Karibikblau (dafür sorgt schon der hohe Kalkgehalt des Wassers) liegt er da unter der heißen Spätsommersonne. Ein Idyll.
So empfinden das offenbar auch eine Menge Mitglieder des deutschen und österreichischen Geldadels. Denn hinter hohen Hecken, bewacht von elektronischen Sicherheitssystemen und Bodyguards, hat sich eine beachtliche Anzahl von Milliardären und Multimillionären an den Ufern der schönsten Badewanne Österreichs niedergelassen. Sie fallen nur nicht mehr so auf wie in den Sechzigern und Siebzigern des vorigen Jahrhunderts, als im Sommer der internationale Jetset zur Abwechslung – immer nur St. Tropez und Marbella Club werden auf Dauer ja auch fad – zwischen Velden und Krumpendorf die Sau rausließ. Als Gunter Sachs, der für zwölf Jahre sogar zum Besitzer des legendären Veldener Schlosses avancierte, bei den Dumbas auf Schloss Seefels vorbeischaute. Als Fernsehserien wie „Ein Schloss am Wörthersee“ Lieschen Müller im Ruhrpott zum Träumen brachten. Und als der deutsche Schnulzensänger Roy Black so häufig mit dem Wörthersee im Bildhintergrund in der Yellow Press erschien, dass ihm die vom Werbewert entzückte Gemeinde ein heute noch zu bewunderndes Denkmal in Form einer Büste an der Seepromenade setzte.
Wenig zu sehen am Südufer. Die wilden Reichen von damals sind zahm und ruhig geworden. Aber sie haben sich nicht vom See getrennt. Wer an einem Sommerabend durch Velden schlendert, dem kann es schon passieren, dass ihm der vom Supermarkt- zum Immobilien-Tycoon gewandelte neue Veldener Schlossherr Karl Wlaschek über den Weg läuft (wobei „laufen“ vielleicht nicht mehr der richtige Ausdruck ist). Oder dass Paul McCartneys „Ex“ Heather Mills, die sich ein Appartement in Wlascheks Schlosshotelkomplex zugelegt hat, am Nebentisch ihren Cocktail schlürft.
Weniger zu sehen gibt es ein paar Kilometer weiter am Südufer in Schiefling/Auen, wo Ingrid Flick, die Witwe des deutschen Milliardenerben Friedrich Karl Flick, hinter blickdichten hohen Zäunen, abgesichert wie Fort Knox, in ihrer „Flick Villa“ auf einer idyllischen Halbinsel residiert. Als Hauptsitz sozusagen, denn die Flick-Stiftung hat unterdessen eine ganze Reihe weiterer Wörthersee-Grundstücke erworben. Von dort nach Dellach ist es nicht allzu weit. Und damit zum See-Anwesen der VW-Familie Piëch. Der hat man zwar noch kein Denkmal gesetzt, dafür aber ihrem erfolgreichsten Produkt: Mitten in Reifnitz, dem Epizentrum des jährlichen GTI-Treffens, verblüfft den Besucher ein steinerner Golf.
Bevor man den erreicht, geht es aber noch vorbei an den Latifundien des Ulrichsberg-Besitzers und Ex-Hypo-Alpe-Adria Chefs Tilo Berlin und an Maria Wörth, wo KHGs Wörthersee-Haus steht. Genauer gesagt, das von Fiona Pacifico usw. gemietete Haus einer Grasser-Stiftung, auf die der nach Eigendefinition wohl schönste und intelligenteste Kärntner klarerweise keinerlei Einfluss hat, wie wir unterdessen wissen.
Linkerhand kommen wir dann zum wahrscheinlich schönsten Fleck am See: Einem vorspringenden Uferfelsen, auf dem ein Schlösschen im Stil des triestinischen „Miramare“ thront. Dort hat sich Neo-Parteigründer Frank Stronach niedergelassen. Bevor unser Promi-Spaziergang jetzt ausufert, nur noch eine kleine, willkürliche Auswahl: Die (nach der Hochzeit des Seniors mit einer um fünfzig Jahre Jüngeren heillos zerstrittenen) Glocks haben mehrere See-Anwesen am Nordufer, die frühere deutsche „Kaufhauskönigin“ Heidi Horten gehört schon zu den Urgesteinen unter den Seevilleneignern, die Kochs (Kika/Leiner) entspannen ebenfalls auf eigenen Wörthersee-Gründen.
Zur Standardausrüstung gehört klarerweise ein Motorboot samt der streng limitierten und deshalb unter Freunden mindestens 250.000 Euro teuren Wörthersee-Lizenz. Denn wie sonst soll man standesgemäß zum Abendcocktail auf die Seeterasse des jetzt dem Bau-Tycoon Hans Peter Haselsteiner gehörenden Schlosshotels Seefels bei Pörtschach kommen?
Aber nicht nur den Superreichen gefällt es am See. Speziell das Südufer ist übersät mit Zweitwohnungen, in denen Wiener, Steirer, Deutsche und – zunehmend – Italiener dominieren. Man muss nicht Millionär sein, um sich hier anzusiedeln: In der zweiten Reihe, mit schönem Seeblick, ist man so ab 300.000 für eine mittelgroße Wohnung dabei. Steht noch dazu ein kleines Fleckchen Privatstrand zur Verfügung, ist man freilich schnell beim Doppelten. Auf diesem „Privatstrand“ ist man dann aber nicht, wie nebenan bei Flicks und Glocks, von Bodyguards, sondern von zahlreichen Nachbarn aus der Appartementanlage umringt. Und oft auch noch von anderen, die sich unverschämt teure „Baderechte“ erworben haben.
Wer es individuell liebt, muss deutlich tiefer ins Säckel greifen. Bei Reifnitz gibt es derzeit etwa Baugründe in Seenähe (aber jenseits der Süduferstraße) um knapp 1000 Euro pro Quadratmeter zu kaufen. Wer dort bauen will, fängt mit einer knappen Million fürs Grundstück an. Wirklich abenteuerlich wird es direkt am See. Im Angebot der See-Makler findet sich derzeit beispielsweise ein 60 (!) Quadratmeter großes direktes Seegrundstückchen mit Badeplattform, bei dem einem das Auflegen von ein paar Badetüchern 170.000 Euro wert sein muss. Macht stolze 2833 Euro pro Quadratmeter. Es gibt auch Grundstücksdeals, bei denen die 3000-Euro-Grenze schon deutlich überschritten wurde.
Die Hautevolee vom Wörthersee kann darüber freilich nur milde lächeln. Denn so wie Steuerzahlen nur etwas für arme Leute ist, ist Grundkauf zum Marktpreis ein Vorgang, den man gern naserümpfend denen überlässt, die darauf sparen müssen. Zumindest dann, wenn – wie zuletzt öfters – die letzten schönen Grundstücke aus öffentlichem Besitz stammen.
Urlaub bei Freunden. Schließlich ist man ja, wie der Kärntner Tourismusslogan so schön lautet, „bei Freunden“. Man kennt einander, hat manchmal das eine oder andere gemeinsame Abenteuer – beispielsweise das Abcashen im Rahmen der legendären „Investorengruppe“ beim Verkauf der Hypo Alpe Adria an die Bayern LB – hinter sich und ist, das ist Part of the Game, auch bestens mit der Landespolitik vernetzt. Da muss man das alles nicht so eng sehen.
Die Deals verursachen zwar regelmäßig ein bisschen medialen Staub, aber der lässt sich leicht ohne Blessuren aussitzen. Gute Geschäfte zu machen ist ja nicht strafbar, oder? Und soll man vielleicht Nein sagen, wenn einem etwas günstig angeboten wird? Wie etwa dem Magna-Gründer Frank Stronach: Dem verkaufte die Gemeinde Maria Wörth 2005 das wunderschöne Schloss Reifnitz am Wörthersee samt sieben Hektar Grund um 6,4 Mio. Euro. Macht 91 Euro pro Quadratmeter. Ein anderer Investor hatte zwar deutlich mehr geboten (was jetzt Gegenstand einer Anzeige eines Immobilienmaklers ist), aber der damalige Landeshauptmann Jörg Haider machte starken Druck für Stronach. Schließlich war ja noch anderes Part of the Game: Stronach wollte zum Dank ein Magna-Werk mit 200 Beschäftigten in Klagenfurt ansiedeln und aus Schloss Reifnitz ein Erholungszentrum für Magna-Manager aus aller Welt machen. Für den Fall, dass daraus nichts wird, hätte die Gemeinde Maria Wörth ein Rückkaufsrecht gehabt.
Und was ist daraus geworden? Das Magna Werk in Klagenfurt gibt es tatsächlich, es ist allerdings wesentlich kleiner als versprochen. Aus den Hotelplänen wurde nichts. Statt Magna-Managern aus aller Welt planschen dort jetzt nur Stronach und sein Spezi Siegfried Wolf. Das Rückkaufsrecht hat sich die Gemeinde von Stronach um eine Million abkaufen lassen, obwohl es angeblich einen besser zahlenden Interessenten für das Schloss gegeben hätte. Blöd gelaufen. Aber vielleicht wird's noch: Der wahlkämpfende Stronach hat zuletzt wieder angekündigt, dass er sich doch noch Umbaupläne für ein Hotel überlegt. Immerhin war in den Deal mit Haider damals ja sogar die Kärntner Tourismusholding eingebunden.
91 Euro pro Quadratmeter – da kommt selbst die bestens vernetzte Flick-Stiftung nicht mit. Die hatte 2006 dem Bundesheer einen wenige Kilometer von ihrer „Stamm“-Villa in Dellach gelegenen 14.000 Quadratmeter großen „Wassserübungsplatz“ um 1,8 Mio. Euro abgekauft. Macht 128 Euro pro Quadratmeter. Auch günstig.
Der Grund hat freilich einen Makel: Die Wörthersee-Süduferstraße führt mittendurch. Die Flick Stiftung wird nun auf eigene Kosten die Süduferstraße nach hinten in den Berg verlegen, ein einstimmiger Landesregierungsbeschluss ermöglicht ihr das. Die alte Straße über das Grundstück, rund 5400 Quadratmeter, muss Flick dem Land abkaufen. Um 1,5 Millionen oder knapp 280 Euro pro Quadratmeter.
Der Landeshauptmann findet, das sei ein tolles Geschäft. Für die Flick-Stiftung auf jeden Fall: Aus bisher 1300 Quadratmetern Seegrund (der Rest lag hinter der Straße) werden nun 14.000. Jetzt noch die passende Widmung, und die Kosten der Straßenverlegung sind mehrfach herinnen.
Schwarzbau. Weniger günstig, aber doch deutlich unter „Normalo“-Preisen hatte 2009 Kika/Leiner Seniorchef Herbert Koch beziehungsweise dessen Frau zugeschlagen: sieben Mio. Euro für eine Villa samt 5700 Quadratmeter Seegrund bei Pörtschach. In der Nachbarschaft waren Gründe zwar teurer gewesen, richtig gschmackig wird die Sache freilich nicht durch den Preis, sondern durch den Verkäufer: Der ehemalige Hypo-Alpe-Adria-Aufsichtsrat kaufte das Juwel nämlich einer Hypo-Tochter ab. Und: Der Verkauf war nur möglich geworden, weil eben diese Hypo-Tochter vorher den Beschluss gefasst hatte, das Grundstück aus der geplanten Gesamtveräußerung herauszulösen. Praktisch. Allerdings fand, klarerweise, niemand etwas dabei.
Manchmal kann man es aber selbst in Kärnten ein wenig zu bunt treiben. Der Holzindustrielle Hans Tilly erwarb 2000 um umgerechnet 6,2 Mio. Euro Gut Walterskirchen bei Krumpendorf, um dort seinen Alterssitz zu errichten. Andere hätten zwar mehr geboten, aber Jörg Haider protegierte den Verkauf an Tilly. 6,2 Mio. waren trotzdem (der Verkäufer war ja auch eine Privatstiftung) kein wirkliches Schnäppchen, denn die Halbinsel, auf der Walterskirchen liegt, ist Naturschutz- und Natura-2000-Gebiet, da spielt sich mit Villenbau nicht viel ab. Genehmigt wurde schlussendlich der Umbau einer bestehenden Villa, tatsächlich kam es aber (mit der Begründung, die alten Gemäuer entsprächen den statischen Anforderungen nicht) zu einem – noch dazu deutlich größeren – Neubau.
Zehn Jahre zieht sich der Streit um den „Schwarzbau“ jetzt schon hin. Aber die politischen Verhältnisse in Kärnten sind am Zerbrechen – und das verkompliziert die Sache jetzt doch ein wenig. Dass die „Abrissbirne“ über der wahrscheinlich illegalen Luxusvilla im Naturschutzgebiet schwebt, wie die „Kleine Zeitung“ kürzlich schrieb, glauben Kenner der Kärntner Szene zwar weniger. Aber der Fall schlägt unterdessen Wellen über die Landesgrenzen hinaus – und das macht eine früher nicht unübliche „Sanierung“ über eine simple Änderung des Flächenwidmungsplans doch unwahrscheinlich.
So viel muss ein Privater für den Kauf eines Quadratmeters Grund direkt am See einkalkulieren.
338 Motorbootlizenzen
wurden für den See ausgegeben, mehr gibt es nicht. Wer sich das unverzichtbare Statussymbol zur Strandvilla zulegen will, muss also einem Lizenzinhaber das begehrte Stück abkaufen. Derzeit wird eine Lizenz mit rund 250.000 Euro taxiert. Normalerweise gibt es sie aber nur im Pack mit dem gebrauchten Boot. Dafür legt man von 350.000 Euro aufwärts hin.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.08.2012)

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