Wien. Politik gegen Industrie – dieses Match prägt hierzulande seit Jahrzehnten wichtige Personalentscheidungen, vor allem im staatsnahen Bereich. Diesmal hat die Industrie obsiegt: Der neue Chef der Staatsholding ÖIAG heißt etwas überraschend Rudolf Kemler. Am Freitag hat ihn der ÖIAG-Aufsichtsrat mit Peter Mitterbauer an der Spitze einstimmig zum Nachfolger des vorzeitig ausgeschiedenen Markus Beyrer gekürt.
Kemler, bisher Chef von Hewlett Packard Österreich, hat sich mit Rückenwind der Industriellenvereinigung gegen den von ÖVP-Chef Michael Spindelegger favorisierten, ehemaligen steirischen ÖVP-Wirtschaftslandesrat Herbert Paierl durchgesetzt. Ex-AUA-Vorstand Peter Malanik überzeugte beim Hearing am Donnerstag nicht, obwohl er von Headhunter Egon Zehnder ex aequo mit Kemler auf Platz eins gereiht wurde.
Wer ist der neue ÖIAG-Boss, der als Außenseiter ins Rennen ging? „Erfolgsrezepte“ – so lautet der Titel eines Buchs, in der Spitzenköche mit Managern präsentiert werden. Die Koch-Ikone Helmut Österreicher plaudert mit Kemler über Zielorientiertheit, Kompetenz und Visionen – und natürlich auch über den Genuss der neuen Wiener Küche.
Streit um die Zukunft
Diese Eigenschaften – und vor allem Durchschlagskraft – wird der 56-jährige Manager jedenfalls gut brauchen können. Gilt es doch, der nach dem großen Privatisierungsschub in der Ära Schüssel auf die Beteiligungen an der Telekom Austria, der Post und der OMV geschrumpften Staatsholding ein neues Profil zu geben.
An dem Modell einer „ÖIAG neu“ hat sich nicht nur der glücklose Beyrer, sondern auch schon dessen Vorgänger Peter Michaelis die Zähne ausgebissen. Wobei es allerdings nicht nur an den ÖIAG-Chefs lag. Vielmehr liegen sich SPÖ und ÖVP seit Jahren über die Zukunft der „Verstaatlichten“ in den Haaren. „Zusperren und auflösen“ fordert die SPÖ, die sich über die zum „schwarzen“ Finanzministerium ressortierende ÖIAG ärgert. Zudem ist der SPÖ der Einfluss der Industriellenvereinigung ein Dorn im Auge.
In der ÖVP wird auch nicht über weitere Privatisierungen diskutiert, sondern über eine Holding mit erweiterten Kompetenzen. So könnten etwa Teile der E-Wirtschaft (Verbund) und der ÖBB eingegliedert werden. Etliche Anläufe für ein Konzept sind im Finanzministerium allerdings gescheitert – unter Wilhelm Molterer wie auch Josef Pröll und jetzt Maria Fekter.
SPÖ fordert „Standortholding“
In diesem politischen Spannungsfeld muss sich Kemler nun bewegen, will er etwas ändern. Möglicherweise hilft dem passionierten Segler und Golfer, was Kritiker Farblosigkeit nennen: dass er keine parteipolitische Punzierung aufweist. In einem ersten Statement machte Kemler jedenfalls deutlich, dass er mehr Kompetenzen für die ÖIAG will und die Konzerne dem direkten Einfluss der Politik entziehen möchte. Dass Kemler in einem Minenfeld agiert, zeigen die ersten Kommentare. „Ich erwarte mir von einem neuen Chef endlich sachliche Standort- und Wirtschaftspolitik statt Parteibuchwirtschaft und plumpen Privatisierungen“, sagt Finanzstaatssekretär Andreas Schieder (SPÖ) der „Presse“. Ihm gehe es um eine klare Definition der Aufgaben: „Eine Standortholding mit den wirtschaftspolitischen Schwerpunkten – Standort stärken, Beschäftigung sichern, Ausbildung garantieren, Innovation unterstützen“.
„Nur mehr Funktionäre“
Claus Raidl, langjähriger Böhler-Chef, Wirtschaftsberater der ÖVP und heftiger ÖIAG-Kritiker, kann sich Häme nicht verkneifen. „Offensichtlich können in der ÖIAG nur noch Angestellte und Funktionäre der Industriellenvereinigung etwas werden“, kritisiert Raidl. Diese Bestellung zeige, dass das Gesetz geändert gehöre. „Der Eigentümer sollte die Entscheidung treffen, und nicht ein paar Hobbyprivatisierer, die in der ÖIAG eine Spielwiese gefunden haben.“
Für ein neues Konzept braucht Kemler die Politik. Genug zu tun hat er allerdings bei den bestehenden Beteiligungen, wo er Aufsichtsratspräsident wird. Da dürfte Kemler seine langjährige Erfahrung bei internationalen Konzernen (neben HP waren das Siemens, Nixdorf und T-Systems) helfen. Kein Nachteil dürfte auch sein, dass er mit den Konzernchefs Hannes Ametsreiter, Georg Pölzl und Gerhard Roiss im Vorstand der IV Wien sitzt.
Die Telekom Austria und die OMV haben mit dem mexikanischen Milliardär Carlos Slim und der Ipic aus Abu Dhabi ausländische Großaktionäre, die eher früher als später ihre Anteile aufstocken dürften. Bei der Telekom stößt Kemler zudem auf Noch-Großaktionär Ronny Pecik, der sich vorgenommen hat, den Konzern kräftig umzubauen. Und nicht zuletzt gilt es, endgültig mit der Korruptionsaffäre aufzuräumen. Hintergrund – Seite 14
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)
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