Wien/Auer/Hie. Die wirtschaftliche Lähmung in der Eurozone steckt auch Österreich langsam an. Mit Italien, Spanien und Großbritannien sitzen drei große europäische Volkswirtschaften in der Rezession fest. Frankreich stagniert, nur aus Deutschland kommt noch Rückenwind für Österreichs Unternehmen.
Für die heimische Konjunktur ist das zu wenig. Nach starkem Jahresbeginn trat sie im zweiten Quartal auf der Stelle (0,1 Prozent), wie das Wifo berechnet hat. In den kommenden Monaten dürfte sich die beginnende Stagnation zu einem tiefen Winterschlaf auswachsen. Österreich muss sich bis Jahresende zumindest auf ein, wenn nicht sogar auf zwei Quartale mit schrumpfender Wirtschaftsleistung einstellen. Das Land könnte also in der Rezession landen. Noch Ende Juni ging das Institut für heuer noch von 0,6 Prozent und für 2013 von 1,3 Prozent realem Wachstum aus.
Die Ursachen für den Abschwung verorten die Ökonomen jenseits der Grenzen im Rest Europas. Schon von April bis Juni schrumpfte die Wirtschaftsleistung der Eurozone um 0,2 Prozent. Und auch wenn sich der wichtigste Handelspartner, Deutschland, noch halbwegs über Wasser hält: Österreichs Unternehmen gehen die Kunden aus. Im zweiten Quartal exportierten sie um 0,6 Prozent weniger als ein Jahr zuvor. Die Nachfrage im Inland konnte das nicht ausgleichen. Die öffentliche Nachfrage stieg deutlich langsamer als zuletzt, die Privaten gaben im zweiten Quartal sogar weniger aus als vor einem Jahr. Langsam macht sich die trübe Wirtschaftslage auch auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar. Im August waren 233.000 Arbeitslose vorgemerkt, 6,1 Prozent mehr als 2011.
So wie die Probleme sieht das Wifo auch die Lösungen vorwiegend auf europäischer Ebene. Nationale Konjunkturpakete seien nicht notwendig. Stattdessen klatschen die Ökonomen der Europäischen Zentralbank Beifall. Die EZB hatte vergangenen Donnerstag angekündigt, wieder Staatsanleihen von den schwer verschuldeten Mittelmeerländern aufzukaufen – diesmal ohne offizielles Limit. Während sich das Wifo dadurch positive Effekte auf die Schuldenkrise erhofft, warnen andere Wirtschaftsforscher vor den Folgen einer Geldpolitik, die zu hoher Inflation führen könnte. Vor allem aus Deutschland kommt heftige Kritik. Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer rechnet damit, dass die Politik der EZB die deutsche Wirtschaft langfristig „zum Absturz bringen“ könnte. Der Druck auf die Südländer würde durch höhere Inflation und einen schwächeren Euro zwar sinken, auch in Deutschland könnte sich das im ersten Moment „gut anfühlen“. Gleichzeitig drohe die deutsche Wirtschaft angesichts der niedrigen Zinsen aber zu überhitzen und an Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Den programmierten Absturz erwartet Krämer in „fünf bis zehn Jahren“.
Unangenehme Position für Gewerkschaft
Die Wifo-Ökonomen teilen die Inflationssorgen nicht. Offiziell betrug die Teuerungsrate in Österreich im Juli 2,1 Prozent. Die gefühlte Teuerung liegt allerdings weit darüber. Das Institut rechnet damit, dass der ökonomische Winterschlaf spätestens in zwei Quartalen vorüber ist. Für die Gewerkschaften könnte das zu spät kommen. Sie bringt die Mischung aus Rezessionsgefahr, Arbeitslosigkeit und niedriger offizieller Inflationsrate kurz vor den anstehenden Lohnrunden in eine unangenehme Position.

Trotzdem gibt man sich in der Gewerkschaft kampflustig. „Das Wirtschaftswachstum ist nur ein Parameter“, so Karl Proyer, stellvertretender Chef der Gewerkschaft der Privatangestellten, zur „Presse“. Der anstehenden Metaller-Lohnrunde liege die Inflation der vergangenen zwölf Monate zugrunde: 2,8 Prozent. Eine konkrete Forderung wollte Proyer nicht auf den Tisch legen. Aber unter dem Strich müsse ein Reallohnzuwachs stehen. Also mehr als die Inflationsrate. Die Unternehmervertreter wollten das nicht kommentieren.
Nach dem Wunsch der Arbeitgeber hätten die Verhandlungen der Metaller gestern, Montag, starten sollen. Doch weil die Arbeitgeber angekündigt hatten, künftig nicht mehr in einem Verband verhandeln zu wollen, nahmen die Arbeitnehmervertreter den Termin nicht wahr. Die Gewerkschaft will frühestens am 19. September verhandeln.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.09.2012)
WirtschaftswachstumDas Plus und Minus der EU-Länder im ersten Quartal
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet

