Die Presse: Die Europäische Zentralbank kauft mittlerweile unbeschränkt Anleihen europäischer Krisenländer auf, gleichzeitig ist der permanente Rettungsschirm ESM mittlerweile voll aufgespannt. Ist damit der entscheidende Schritt aus der Krise gesetzt?
Andreas Brandstetter: Alle, die glauben, alles wird wieder so werden, wie es vor der Krise war, werden irren. Wir werden einen längeren Zyklus von Krisen und Unsicherheiten erleben. Ich rechne damit, dass diese Phase noch drei bis fünf Jahre dauern wird. Dennoch darf nicht übersehen werden, dass diese Krise eine Jahrhundertchance für ganz Europa ist.
Wo sehen Sie denn die Jahrhundertchance?
Wir können jetzt jene Dinge nachholen, deren Umsetzung bei der Gründung der Währungsunion versäumt wurde. Etwa die gemeinsame Wirtschafts- und Fiskalpolitik. Wir haben erkannt, dass es ein Mehr an Europa braucht. Das derzeit größte Problem ist auch nicht die EZB, sondern der unglaubliche Mangel an Zuversicht. Alle blicken zurück, es gibt wenig Bereitschaft zu Lernfähigkeit.
Das könnte auch damit zusammenhängen, dass die EZB ungeniert Geld druckt, um die budgetären Probleme der Euroländer zu lösen. Da denkt man nicht gleich an Lernfähigkeit.
Es wird relativ viel vom Zauber des EZB-Chefs Mario Draghi abhängen. Und davon, welche Sparbedingungen die Staaten eingehen müssen, damit die EZB deren Anleihen kauft. Die Tatsache, dass die EZB Staaten unter die Arme greift, ist nicht so schlecht. Aber eines ist klar: Damit kauft man nur Zeit. Die Staaten müssen die Reformen umsetzen. Der Anleihenankauf ist keine endgültige Lösung.
Der französische EZB-Direktor Benoit Coeuré hat ja bereits klargestellt, dass die Sparvorgaben nicht so ernst zu nehmen sind. Warum sollte es dann ein Regierungschef tun?
Über die Rolle der EZB kann man trefflich streiten. Dennoch glaube ich, dass ihre Strategie funktionieren kann – wenn die Staatshaushalte in Ordnung gebracht werden. Wenn nicht, verschieben wir ein Problem um weitere Jahre.
Unbeschränkter Ankauf von Staatsanleihen heißt ja auch, dass jedes Krisenland gerettet wird. Nun hat aber die Uniqa unter hohen Verlusten alle Anleihen aus Krisenstaaten verkauft. Bereuen Sie diesen Schritt im Nachhinein?
Auf keinen Fall. Wir haben aus den Erfahrungen des Jahres 2011 gelernt (gemeint sind die Wertberichtigungen, die zu hohen Verlusten führten, Anm.). Wir richten unser Risikomanagement ungeachtet der EZB-Beschlüsse neu aus. Die Versicherungswirtschaft sucht intensiv nach neuen Veranlagungsmöglichkeiten, etwa im Bereich Alternative Energien oder Immobilienfinanzierungen. Auch wir investieren hier Personal und Know-how. Hier tut sich für Versicherungen eine neue Welt auf.
Das wiederum lässt darauf schließen, dass Sie vom Erfolg der EZB-Strategie doch nicht so überzeugt sind. Andernfalls würden Sie das Geld Ihrer Kunden ja wieder in Staatsanleihen stecken.
Meine persönlich bitterste Erfahrung in meiner beruflichen Laufbahn war, die Verluste des Jahres 2011 rechtfertigen zu müssen, die aus dem Abschreibungsbedarf griechischer Staatsanleihen entstanden sind. Ich musste den Aktionären sagen, dass sie deshalb keine Dividende bekommen werden. Das will ich nicht noch einmal erleben.
Nun sitzen Versicherungen traditionell auf hohen Bargeldbeständen: Die Kunden zahlen heute ein, um sich gegen Schäden oder niedrige Pensionen in ferner Zukunft abzusichern. Wie schützen Sie deren Gelder angesichts niedriger Zinsen vor steigenden Inflationsraten?
Wir suchen, wie bereits erwähnt, nach alternativen Veranlagungen. Bei Aktien sind wir zurückhaltend, wir investieren aber in Unternehmensanleihen. Zudem kaufen wir weiterhin Staatsanleihen, aber wir schauen uns sehr genau an, in welchen Ländern.
Also außerhalb des Euroraums?
Ja, wir investieren auch in Asien und Südamerika.
Die Wiener Städtische ist in Osteuropa Nummer eins, die Uniqa nur auf Platz sieben. Warum ist das so?
Es macht wenig Sinn, hier in die Vergangenheit zu schauen. Der Erfolg der Konkurrenz ist für uns Ansporn. Bis 2015 wollen wir im Osten die Nummer fünf sein. Es ist ein Marathon, den wir laufen. Wir sind aber erst bei Kilometer zehn.
In der Versicherungsbranche sind Kunden üblicherweise sehr treu. Das bedeutet, in Osteuropa sind die besten schon weg, oder?
Nein. Wir haben im Vorjahr in Osteuropa 600.000 Neukunden gewonnen. In Albanien gibt ein Erwachsener jährlich durchschnittlich 19 Euro für Versicherungen aus, in Österreich sind es 2000 Euro. Hier sehen wir das Potenzial. Man steigt über Pflichtversicherungen wie Autoversicherungen ein, dann geht es weiter über Kasko zu Eigenheim und Leben. In Osteuropa sind die Verträge im Autogeschäft Einjahresverträge. Es ist also leicht, in Osteuropa frische Kunden zu bekommen.
Sie wollen nicht nur an frische Kunden kommen, sondern auch an frisches Kapital. Die Uniqa hat für das Jahr 2013 einen zweiten Börsengang eingeplant. Bleibt es angesichts der wirtschaftlichen Unsicherheiten dabei?
Ja, wir wollen 2013 an die Börse. Nicht zuletzt, weil die Börsenkultur der Uniqa gut tun würde. Die Transparenz, die man für die Börse braucht, und die Tatsache, in den Ergebnissen quartalsweise gemessen zu werden, bringt eine Leistungskultur in das Unternehmen, die mir wichtig ist. Daher geht auch ein Schub durch die Mannschaft. Wir gehen aber nicht um jeden Preis an die Börse.
Wie viel Geld wollen Sie denn holen?
Genau lässt sich das noch nicht sagen, aber es geht um einen Betrag in der Höhe von 500 Millionen Euro aufwärts.
Gibt es einen Plan B, wenn es mit dem Börsengang nichts werden sollte?
Wenn das Umfeld nicht passt, dann warten wir. Unsere Strategie ist ja auf zehn Jahre ausgelegt. Wir sind aber gerade dabei, die Investmentbanken auszuwählen. Mit einer klaren Geschäftsstrategie haben wir reale Chancen. Wir wollen ein Unternehmen mit einem Streubesitz von bis zu 49 Prozent sein.
Die Mehrheit ist nicht zu haben?
Die Mehrheit wird immer in österreichischer Hand bleiben. Konkret bei den beiden Großaktionären, der Raiffeisen-Gruppe und dem Austria Versicherungsverein.
Uniqa-Chef Andreas Brandstetter übernahm im Vorjahr das Ruder von seinem langjährigen Vorgänger Konstantin Klien. Brandstetter begann seine berufliche Laufbahn im Kabinett des damaligen Vizekanzlers Erhard Busek. 1994 wurde er stellvertretender ÖVP-Generalsekretär. Von 1995 bis 1997 leitete er das EU-Büro des Raiffeisenverbands. Danach trat der heute 43-jährige Manager in den Uniqa-Konzern ein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2012)
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