Richard Auer-Welsbachs Gut entspricht auf den ersten Blick nicht dem, was man sich gemeinhin unter einem Bauernhof vorstellt. Kühe oder Hühner sieht man keine, der Zugang führt über eine Hauptstraße. Ein guter Teil der großzügigen Schlossanlage ist Wohnfläche, die gerade saniert wird. Wirklich „bewohnt“ ist derzeit nur das Herz des Betriebes in Schwadorf bei Schwechat: das Büro. Von hier aus lenkt der 37-Jährige den Betrieb, der seit vielen Generationen in Besitz der Familie ist.
Mit 400 Hektar Land führt Auer-Welsbach eine der großen heimischen Landwirtschaften. Ein durchschnittlicher österreichischer Betrieb ist 19,5 Hektar groß. Von den 400 Hektar gehören 150 Auer-Welsbach selbst, dazu hat er 100 Hektar Biolandwirtschaft gepachtet. Weitere 150 Hektar sind Forstbetrieb. Auer-Welsbach baut Getreide, Raps und Zuckerrüben an. Dazu beschäftigt er nur einen Mitarbeiter. Den Anbau, die Ernte und den Großteil der forstwirtschaftlichen Arbeit erledigt die Organisationsgemeinschaft Maschinenring oder andere Landwirte.
Auer-Welsbach ist kein Bauer, der selbst den Mähdrescher lenkt. Sondern ein klassischer Agrarunternehmer: Seine Geschäfte führt er vom Schreibtisch aus. Die Arbeit auf dem Feld erledigt sein Mitarbeiter. „Um sieben in der Früh bespreche ich mit ihm, was zu tun ist. Dann stelle ich gemeinsam mit ihm die Maschinen ein, das Fahren übernimmt dann er. Ich bin im Büro und schaue, dass er alles hat, was er braucht.“ Vom Büro aus sorgt er auch dafür, dass sein Getreide auf den Markt kommt. Den Raps verkauft er über Termingeschäfte, den Weizen erst nach der Ernte. Alles läuft über zwischengeschaltete Händler.
Wie viel Auer-Welsbach damit genau verdient, will er nicht verraten. Kann er gar nicht, sagt er. Schwer vorstellbar – denn mit der Größe seines Betriebes muss er Buch führen. Anders als die meisten Klein- und Mittelbetriebe, die sich für die Steuer „pauschalieren“ lassen können und somit von dieser Pflicht befreit sind. Diese Rechnung sei nun mal nicht so einfach, so Auer-Welsbach. Das Vorjahr war gut. Aber heuer sei die Ernte katastrophal gewesen, Spätfrost und Trockenheit rissen ein Loch in die Bilanz. „Die Einkommen schwanken sehr“, sagt er.
Zweites Standbein. Auch deshalb braucht er das Geld, das die EU-Behörden und die österreichische Regierung als Subventionen an die Bauern verteilen. Über zwei Mrd. Euro sind das im Jahr, allein für Österreich. Für die gesamte EU fast 50 Mrd. Euro, rund die Hälfte des EU-Budgets. Oder ein Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Mitgliedsländer. „Es gibt keinen Betrieb in Österreich, der ohne Förderungen kostendeckend produzieren kann“, sagt Auer-Welsbach.
Deshalb wirtschaften auch zwei Drittel der heimischen Landwirte nur noch im Nebenerwerb. Anders zwar als Auer-Welsbach – aber auch er hat ein zweites Standbein. Mit seinem Immobilienbetrieb kauft er im nahen Wien Wohnungen, saniert und vermietet sie. Auch auf seinem Gut entstehen gerade vier Einfamilien-Wohnungen. Die Idee hatte schon sein Großvater: Damit die Mitarbeiter auch bei Regen beschäftigt sind. Beide Betriebe wurden über Generationen vererbt. Richard Auer-Welsbach baute zunächst die Immobilienfirma aus, dann die Landwirtschaft.
Denn eigentlich hatte Auer-Welsbach etwas anderes vor. Er studierte zwar Agrarmanagement, heuerte dann aber bei einer Unternehmensberatung an. Dann erkrankte seine Mutter und er wurde im Betrieb gebraucht. Zunächst wusste er nicht, ob er sich als Landwirt wohlfühlen würde, ob er so davon würde leben können, wie er sich das vorstellte. „Aber es hat mir so gut gefallen, dass ich nicht mehr aufhören wollte.“ Das eine, das er schätzt, ist die Arbeit mit der Jahreszeit und der Natur. Das andere die Unabhängigkeit. „Ein Landwirt ist ein selbstständiger Unternehmer. Das macht den Reiz an diesem Beruf aus.“
Zittern vor Reform. Das sehen wohl viele anders. Denn kaum ein Wirtschaftszweig ist so stark von Subventionen abhängig wie die Landwirtschaft. Viele Betriebe, vor allem in den ungünstigen Lagen, müssten ohne dieses Geld sofort zusperren. Darunter auch viele mittlere Höfe. Selbst von den Großen hört man, dass sie ohne Förderungen nicht positiv bilanzieren würden. Im Vorjahr machten die Förderungen im Durchschnitt rund 60 Prozent der landwirtschaftlichen Einkommen in Österreich aus.
Da dürfte Auer-Welsbach etwas mehr Spielraum haben. Pro Hektar bleiben ihm – nach Abzug aller Kosten – einmal 200 Euro in einem guten Jahr, in sehr schlechten Zeiten kann unterm Strich aber auch ein Minus von 300 Euro rausschauen. Das sei nicht gut. Aber auch nicht so schlimm, wie es klinge.
Er kann von seinem Betrieb leben, sagt Auer-Welsbach, und er möchte sich auch nicht zu den Jammernden gesellen. Ist das Ergebnis schlecht, seien seine eigenen Arbeitsstunden eben schlechter entlohnt, oder er könne ein Dach nicht sanieren oder eine Maschine nicht kaufen.
Ohne Förderungen würde die Rechnung aber gleich ganz anders aussehen: Die Landwirtschaftspolitik der EU gleicht ihm rund 500 Euro pro Hektar und Jahr aus. Würde man ihm die Förderungen kürzen, könnte er seine Kosten in keinem einzigen Jahr decken, sagt Auer-Welsbach.
Deshalb zittert er, wie die restliche Landwirtschaft, der Reform der EU-Agrarpolitik entgegen. Sie wird die Verteilung der Förderungen für die siebenjährige Finanzierungsperiode ab 2014 regeln. „Was da auf dem Tisch liegt hat das Potenzial zu enormen Verschlechterungen“, sagt Auer-Welsbach. Die Verhandlungen auf EU-Ebene laufen, noch ist alles möglich. Aber Auer-Welsbach hat schon einmal nachgerechnet: Laut dem aktuellen Stand würde er 200 Euro pro Jahr und Hektar verlieren, sagt er. „Dann müsste ich mir anschauen, ob ich den Betrieb weiterführen kann.“
So wie viele andere Betriebe wahrscheinlich auch. Deshalb pocht Auer-Welsbach auf den Erhalt des Fördersystems: „Wenn wir eine flächendeckene Landwirtschaft haben wollen, brauchen wir auch eine bestimmte Zahl an Betrieben. Und wir brauchen die Gemeinsame Agrarpolitik.“ Das müsse nicht heißen, dass jeder Kleinstbauer für seine zwei Hektar einen eigenen Traktor brauche. Aber die Landwirtschaft produziere Lebensmittel, erbringe Umweltleistungen und erfülle auch eine soziale Funktion. „Und es ist doch schon ein Wert an sich, dass wir in Europa eine eigene Landwirtschaft haben.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.09.2012)
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