Schattenwirtschaft: Gewalt schadet dem Geschäft

27.09.2012 | 10:16 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Das Wissen über illegale Märkte ist gering, um Mafia & Co. ranken sich Mythen. Eine DiePresse.com-Serie soll mehr Licht ins Dunkel bringen.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Mehr zum Thema:

Illegale Märkte werden von großen, monopolistischen Organisationen beherrscht. Die Akteure sind effizient, machen gigantische Gewinne und setzen Gewalt bedingungslos ein. So sieht zumindest die Klischeevorstellung aus, wenn man an Mafia & Co. denkt. Die Realität ist aber eine andere, wie der deutsche Wissenschafter Frank Wehinger vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in seiner Studie "Illegale Märkte" zeigt. Und diese offenbart auch etwas anderes: Zwar sind Märkte ein zentraler Forschungsbereich von Ökonomen. Die Rolle illegaler Märkte aber wurde bislang schwer vernachlässigt.

Mehr zum Thema:

Das ist nach Ansicht von Wehinger "umso überraschender, als illegale Märkte eine erhebliche wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung haben". Die Gründe für die Vernachlässigung liegen aber auf der Hand: Illegales Handeln findet zumeist im Verborgenen statt, Vorgehensweisen und Strukturen sind daher schwer nachvollziehbar und erforschbar. Doch wer das Funktionieren von Märkten verstehen will, sollte auch besser über den "illegalen Zwilling" Bescheid wissen. Nicht selten ist der Übergang zwischen legalem und illegalem Markt fließend.

Um etwas mehr Licht ins Dunkel zu bringen, startet "DiePresse.com" daher die Serie "Schattenwirtschaft", die ab sofort einmal wöchentlich wissenswerte Aspekte illegaler Märkte beleuchten soll. Dabei werden namhafte Experten zu Wort kommen, aussagekräfte Studien herangezogen sowie relevante Bücher besprochen werden. Um gleich einmal mit Mythen aufzuräumen, erhalten Sie zum Auftakt einen ersten Überblick über die wichtigsten Merkmale illegaler Märkte und eine Definition davon, was illegale Märkte sind:

Merkmale illegaler Märkte

  • Illegale Märkte sind wenig effizient

"Unter normalen Umständen tendieren illegale Märkte in einer rechtsstaatlichen Umgebung dazu, weit von der Effizienz legaler Märkte entfernt zu sein", sagt Wehinger zu "DiePresse.com". Das liegt vor allem am staatlichen Verfolgungsdruck, dem die Akteure auf den illegalen Märkten ausgesetzt sind. Ständig droht Verrat, die Aktivitäten müssen daher im Geheimen ablaufen. Illegale Märkte sind intransparenter, ineffizienter und instabiler als legale Märkte.

"Als Kunde hat man so keinen echten Überblick, bei wem man die Ware oder die Dienstleistung zu guten Bedingungen einkaufen könnte, und als Anbieter darf man seine Ware nicht an jeden x-beliebigen absetzen und auch nur mit ausgewählten Partnern zusammenarbeiten", sagt der Experte. Der Wettbewerb sei daher oft nicht voll entwickelt und Zusammenarbeit bleibe unterhalb des Möglichen. "Illegale Märkte sind auch für die Beteiligten undurchsichtig", so Wehinger.

  • Große Organisationen sind die Ausnahme

Vor allem in Regionen mit unvollständiger oder fehlender Staatlichkeit können große kriminelle Organisationen entstehen. Mafia-Verbände wie in Italien sind aber die Ausnahme. "Normalerweise gilt, dass die Gefahr mit der Größe der Organisation zunimmt", führt Wehinger aus. "Einzelne Mitglieder sind dann schwieriger zu kontrollieren und man ist einer höheren Sichtbarkeit für die Strafverfolgungsbehörden ausgesetzt."

Laut Studie werden die meisten Geschäfte in lockeren  Netzwerken wechselseitig bekannter Geschäftspartner abgewickelt. Die Anzahl von beteiligten Personen, "die anlassbezogen mit wechselnder Zusammensetzung ein Projekt durchziehen", ist begrenzt. "Dass der Kern eines solchen Netzwerkes aus mehr als fünf bis acht Personen besteht, ist auf vielen illegalen Märkten selten", so Wehinger.

  • Gewinne werden überschätzt

"Die Gewinne aus illegalen Geschäften werden zumeist ins Phantastische überhöht", sagt Wehinger. Viele Akteure auf den illegalen Märkten seien "sozial randständige Personen", denen sonst keine Möglichkeiten offenstehen, "um mit legalen Tätigkeiten ein Auskommen zu erwirtschaften". Diejenigen, die illegale Handlungen ausführen und gleichzeitig das höchste Risiko der Entdeckung tragen, verdienen zudem in der Regel wenig.

Das große Geld wird von den Auftraggebern gemacht. "Die erfolgreichsten illegalen Operationen werden nicht von zwielichtigen Typen an irgendeiner Straßenecke vorgenommen, sondern von hochrangigen Führungspersonen in legalen Unternehmen", sagt Wehinger. Vor allem in der Finanzbranche würde das ganz große Rad gedreht. "Wobei hier die Grenze zwischen legal und illegal besonders schwierig zu ziehen ist", gibt der Ökonom zu bedenken.

  • Gewalt schadet dem Geschäft

"Gewalt wird weniger eingesetzt, als man oft denkt, denn Gewalt ist teuer", sagt Wehinger. Mit anderen Worten: Gewalt schadet dem Geschäft. "Man fällt der Polizei auf, verschreckt mögliche Kunden und jagt bisherigen oder zukünftigen Geschäftspartnern Angst ein, so dass diese nicht mehr mit einem kooperieren wollen." Meist bleibt daher eine Drohung im Hintergrund, die zum Beispiel zur Aufrechterhaltung der Zahlungsmoral angewandt werden muss.

Natürlich geht es dabei um den Ruf. "Wer als (potenziell) gewalttätig gilt, wird von den Geschäftspartnern weniger betrogen", heißt es in der Studie. Gewalt wird insgesamt also "wohldosiert und auf Grundlage rationaler Überlegungen" eingesetzt. Das liegt in der Eigenlogik wirtschaftlichen Handelns begründet: Man möchte das Vertrauen seiner Kunden und Partner nicht verlieren.

  • Komplett illegale Märkte sind selten

Häufig kommt es zu einer Vermischung von illegalen und legalen Märkten. Ein Beispiel ist der Holzmarkt. Durch das weit verbreitete Angebot aus illegalen Quellen werden die weltweiten Holzmarktpreise um sieben bis 16 Prozent gedrückt.

"Auf den höheren Stufen der Wertschöpfungskette ist der illegale Charakter des Geschäfts nicht mehr richtig sichtbar, beim Absatz an den Endabnehmer wird es sich oft schon um ein legales Geschäft handeln", sagt dazu Wehinger. "Ein illegaler Markt im eigentlichen Sinne ist dann oft nur am Anfang vorhanden. Durch und durch illegale Märkte wie der Handel mit verbotenen Rauschmitteln sind vergleichsweise selten."

  • Schattenwirtschaft hat wichtige soziale Rolle

Was heute noch illegal ist, kann schon bald als legitim eingeschätzt werden. Die Gesetze hinken Wehinger zufolge der gesellschaftlichen Entwicklung oft hinterher. Als Beispiel dafür nennt er die Auseinandersetzungen um das Urheberrecht.

Wehinger hält es für wichtig, zu unterscheiden, ob Akteure, die sich an illegalen Märkten beteiligen, überhaupt Alternativen haben. "In diesem Sinn erfüllt die Schattenwirtschaft in vielen Ländern eine wichtige soziale Funktion, da darin viele Menschen ein Auskommen finden."

Typen von illegalen Märkten

Die erwähnte Studie unterscheidet fünf Typen von illegalen Märkten:

Illegale Märkte
Typ I:

Das gehandelte Gut selbst ist verboten, also bereits seine Herstellung: Drogen, Menschenhandel, Kinderpornografie, Kinderprostitution.

Typ II:

Das Gut wurde gestohlen: Diebesgut (auch Autos, Kunst).

Typ II:

Das Gut wurde gefälscht: Fälschungen (auch Medikamente).

Typ IV:

Der Handel mit dem Gut ist verboten, also der Verkauf und meist auch der Kauf: Adoptionen, Organe, Ersatzmutterschaft, personenbezogene Daten (ohne Einwilligung).

Typ V:

Es wird gegen eine bestimmte Vorschrift, die die Herstellung des oder den Handel mit dem betreffenden Gut einschränken, verstoßen (Regulierungsverstoß; zum Beispiel Waffen, Zigaretten, Diamanten, Holz, Glücksspiel, Sicherheit).

Der nächste Teil der Serie "Schattenwirtschaft" erscheint am Donnerstag, dem 4. Oktober. Lesen Sie dann das Interview mit dem Korruptions-Experten Friedrich Schneider.

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Lesen Sie hier weiter zum Thema:

Mehr aus dem Web

12 Kommentare

Die Rolle das Staates

Schattenwirtschaft wird überall dort entstehen, wo idiotische Gesetze den Bedürfnissen von Menschen einen Riegel vorschieben. Der Wunsch nach spezifischen Leistungen geht nicht weg, nur weil diese verboten sind.

Die beste Fallstudie zu diesem Thema war die Prohibition von Alkohol in den USA. Kaum war Alkohol verboten, nahm sich die Mafia dieser Tätigkeit an und verdiente damit gutes Geld.

Das war ja auch nicht weiter verwunderlich. Hersteller und Verkäufer konnten sich für Regressforderungen nicht mehr an den Staat wenden, also musste jemand anders für "Recht und Ordnung" sorgen. Dabei wurde selbstverständlich Gewalt eingesetzt, genauso wie der Staat das auch tut. Der Mafia war allerdings auch nicht daran gelegen, schuldlose Parteien aufzumischen. Das wäre schlecht fürs Geschäft. Insgesamt ging der Alkoholkonsum nicht zurück, die damit verbundenen Schäden jedoch explosionsartig nach oben.

Genau diesen Effekt sehen wir heute auch in Bereichen anderer Drogen, die noch immer illegal sind. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass Cannabis- oder Heroin-Prohibition sich grundsätzlich von Alkohol-Prohibition unterscheiden. Wer sich selbst umbringen will, tut das so oder so. Und die Mafia profitiert.

Die Leistungen, die die Mafia liefert, erinnern verdächtig stark an die Rolle, die der Staat spielt: Anwendung von Gewalt zur Konfliktlösung, bei gleichzeitigem Ausbau des eigenen Wohlergehens auf Kosten von Unschuldigen - bloß niemals zu viel auf einmal, damit kein Aufstand entsteht.

Gast: Mario D.
30.09.2012 14:03
1 0

Der Internationale Währungsfonds (IWF) schätzt den Jahresumsatz, den kriminelle Organisationen weltweit machen, auf insgesamt 1.500 Milliarden US-Dollar.

Dieser Betrag setzt sich zusammen aus dem gesamten illegalen Handel – einschließlich Steuerbetrugs – sowie aus dem Ertrag ihrer Vermögen, die häufig in die legale Wirtschaft gelenkt werden. Jährlich werden zwischen 600 und 1.000 Milliarden Dollar gewaschen, zwischen 2 und 5 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts.

Gast: phj
30.09.2012 12:43
2 0

Ich erinnere mich noch an die Anfangszeit

von Novomatic.
Glückspielautomaten, dank der Gemeinde Wien, wurden legalisiert.

Gast: freiheit
27.09.2012 22:17
0 0

was nicht erwaehnt wird - illegale maerkte existieren

oder sind erst rentable wenn die politik mitmischt die schutz bietet oder diese sogar aktiv steuert wie man in den meisten laendern sieht. diese ganzen grossen organisationen haben dies nur durch politischen schutz erreicht. mal schauen ob das durch geht - auch in oesterreich haben wir politisch organisierte verbrecherorganisationen.

Illegale oder doch Finanz...

"Illegale Märkte werden von großen, monopolistischen Organisationen beherrscht. Die Akteure sind effizient, machen gigantische Gewinne und setzen Gewalt bedingungslos ein."

Gast: Lasse mich überraschen...
27.09.2012 16:37
1 2

Würde mich aber wundern...

Würde mich wundern, wenn die Zeitung den Mut aufbringt an dieser Stelle auch den Lebensmittelhandel in dem 4 Konzerne mehr als 90% de Marktes behrschen anzugreifen, und auch die Methoden die bis zur blanker Erpressung reichen, nicht ungenannt bleiben!

Im übrigen die 4 größten Lebensmittelkonzerne in Deutschland haben meines Wissens weniger als 30% Marktanteil, das derartiges in Ostereich möglich wurde, war nur durch eine Politik möglich die wie es die Jungend zu 91% sagt bis zu den Haarspitzen korrupt ist!

Fortgesetz könnte das werden mit den Baumärkten und den Möbelhäusern und seinem Einheitsbrei der schlimmer ist als zu den schlimmsten Zeiten der Sowjetunion!

Aber ich wette viel, die Angst vor Werbeaufträgen und den damit verbundenen Verlusten, sowie den Drohungen von Rechtsanwälten und Co. denkt man gar nicht daran, dieses Pulverfaß zu öffnen!

Nächstes Thema von Mafia und Co. wären die Tintenpatronenhersteller, die ihre Tinte zum Literpreis verkaufen um den auch ein deutscher Oberklassenwagen mit allem Pipapo und Panzerausführung zu bekommen ist, auch hier erwarte ich mir nichts anderes als schweigen...

Weiterreden, beim Markt für Unterhaltungsware, elektronische Buchlesegeräte, Mulitimediahandy, dazu eh klar so schmutzige Dinge wie Kinderarbeit, und Co, da paßt dann dazu das große Organisation nicht die Ausnahme sind sondern die Regel!!

Re: Würde mich aber wundern...

Gründen Sie doch Ihr eigenes Lebensmittelunternehmen, wenn Ihnen etwas am derzeitigen Markt nicht passt.

Es gibt keine nennenswerten natürlichen Marktschranken für den Eintritt in den Lebensmittelmarkt. Also entweder sind die derzeitigen Anbieter entsprechend effizient (und ich bin hochzufrieden mit Preis und Angebot in den Supermärkten), oder aber der Staat macht es durch seine schwachsinnigen Regulierungen mal wieder unattraktiv einzusteigen.

Letzteres findet sicher zu einem gewissen Ausmaß statt (wie in jeder Branche, leider), allerdings wohl kaum ausreichend stark, um dieses "Oligopol" zu begründen.

Sehr geehrte Redaktion

Das meinen Sie aber nicht ernst, oder doch?

"Mafia-Verbände wie in Italien sind aber die Ausnahme."

Sollte irgendjemand bei Ihnen Spanisch können, dann kan er ja mal hier nachlesen http://www.blogdelnarco.com/

Sinola Kartell, Golf Kartell, Los Zetas, Tijuana Kartell, Juarez Kartell
Noch nie gehört und sich noch nie über die Größe informiert?

Chicago Outfit welches noch immer existiert mit John Di Fronzo an der Spitze.

Die New Yorker Familien welche noch immer existieren und die La Cosa Nostra auch im Jahre 2013 repräsentieren.

Buffalo Crime Family, welche schon zu Zeiten von Lefty Rosenthal und den Teamstern gemeinsam mit Kansas City und Chicago das "skimming" in Las Vegas unter Kontrolle hatte und im jahre 2013 noch immer existiert.

Die albanische Mafia welche zusammen mit der Sacra Corona Unita den Menschenhandel betreibt und darüber hinaus noch eine große Nummer im Tabakschmuggel und Drogenschmuggel über die Balkanroute ist.

Yakuza und Triaden.

usw. usf.

Sie machen es sich schon sehr einfach mit der Ansage, dass es solche eine Organisation wie in Italien selten gibt.

Gast: Bestattungsinstitut Jean Todt
27.09.2012 14:16
0 0

Gewalt schadet dem Geschäft???.....

....ich weiss nicht, ob man das pauschal so sagen kann....wie ist es mit der Waffenindustrie, mit Besattungsunternehmen, Tischler(ihr Tischler machts persönlich) und nicht zu vergessen die Kirche und danach das Ghosthaus(Leichenschmaus), Regenschirmindustrie(oft regnet es beim Begräbniss), Apotheke(oft regnet es beim Begräbniss und danach braucht man ein Aspirin-C, der Schuster(oft sind es lange Wege beim Begräbniss), Schuhputzartikelherrsteller usw.....da würde es noch vieles geben, offensichtlich ist das Leben ein Kreislauf!

Gast: b745
27.09.2012 13:16
1 0

bei der überschrift dachte ich es geht um die politik in österreich


Gast: Ein MArkt
27.09.2012 11:50
2 0

wie jeder andere.

Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis.

Gast: Hans im Glück
27.09.2012 10:47
6 0

Schattenwirtschaft ist eine Notwehrmaßnahme...

Hätte man keine Schattenwirtschaft gehabt, wäre der Sozialismus in Osteuropa viel grausamer gewesen.

Hier und jetzt zeigt sie die hohe Steuerbelastung auf.

Umfrage

AnmeldenAnmelden