Wien. Die Forderung wurde schon erhoben, als Markus Beyrer vor einem Jahr Chef der Staatsholding ÖIAG wurde. Und sie hat mit seinem Abgang und der Bestellung von Rudolf Kemler zu seinem Nachfolger an Vehemenz gewonnen: Die ÖIAG brauche ein Zukunftskonzept, heißt es immer wieder: Mit dem Verwalten der staatlichen Anteile an drei Unternehmen - nämlich OMV, Post und Telekom Austria - könne es wohl nicht getan sein.
Da ist was dran - und zwar mehr, als die zahlreichen ÖIAG-Kritiker denken. Denn es gibt bereits ein Grundkonzept, verlautet aus der ÖIAG. Und sie verweist auf Stefan Höffinger - den ehemaligen Österreich-Chef des Unternehmensberaters Arthur D. Little und nunmehrigen Geschäftsführer eines eigenen Unternehmens mit dem Spezialgebiet „Strategy Development".
„Industriebeteiligungskonzept"
Und tatsächlich: Höffinger hat, wie er der „Presse" bestätigt, gemeinsam mit der ÖIAG (und sicherlich mit dem Okay des Finanzministeriums) in den vergangenen Monaten Überlegungen über die Zukunft der Holding angestellt. Herausgekommen ist ein umfangreiches Papier mit dem Titel „Neue Wege für ein Industriebeteiligungskonzept der Republik Österreich".
Diesen Überlegungen liegt ein deklariertes Ziel zugrunde. Das da lautet: Österreich brauche dringend eine Grundsatzstrategie für die Weiterentwicklung staatlicher Anteile an Unternehmen. Immerhin gehe es um die Assets der Republik. Und: „Mit einem einheitlichen, professionellen Beteiligungsmanagement könnte Österreich in Europa eine Vorreiterrolle einnehmen", sagt Höffinger.
Was unter „professionell und einheitlich" zu verstehen ist, wird anhand einer in dem Papier gezeigten Grafik (siehe oben) deutlich. In Österreich gibt es 122 Unternehmen mit Bundesbeteiligung - doch sie alle in das Konzept aufzunehmen hätte wohl dessen Rahmen gesprengt. Also wurden ausschließlich die wesentlichen Beteiligungen des Bundes berücksichtigt. Also jene, bei denen ein strategisches Beteiligungsmanagement sinnvoll wäre - ausgenommen wurden Banken, Versicherungen und Pensionskassen sowie Klein- und Mittelunternehmen.
Herausgekommen sind vier „Schlüsselbranchen":
► Mobilität: Hier werden die ÖBB, die staatliche Straßenbaugesellschaft Asfinag sowie der Wiener Flughafen genannt. Bei Letzterem handelt es sich zwar nicht um eine Bundesbeteiligung, allerdings um eine Beteiligung der öffentlichen Hand: Die Länder Wien und Niederösterreich halten jeweils 20 Prozent am Flughafen.
► Energie: In diesen Bereich fallen der Stromkonzern Verbund sowie der Öl- und Gaskonzern OMV.
► Kommunikation: Dazu gehören laut der Expertise die Post sowie die Telekom Austria.
► Immobilienmanagement: Die Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) würde in diesen Bereich fallen, ebenso die Österreichischen Bundesforste.
Laut Höffinger könnte der Staat als Kernaktionär für diese vier Schlüsselbranchen „einen standortpolitischen und ökonomischen Mehrwert schaffen". Voraussetzung dafür ist aber offenbar ein einheitliches Beteiligungsmanagement. Wovon die ÖIAG derzeit noch weit entfernt ist: Sie verwaltet derzeit lediglich die Bundesanteile an Telekom, Post und OMV. Die anderen genannten Unternehmen haben diverse Ministerien als direkte Eigentümervertreter: Asfinag und ÖBB gehören zum Verkehrsministerium, der Verbund und die Bundesimmobiliengesellschaft zum Wirtschaftsministerium. Die Bundesforste ressortieren zum Landwirtschaftsministerium.
Politisches Gewohnheitsrecht
Die Logik hinter diesen verschiedenen Zuständigkeiten erschließt sich freilich den Wenigsten. Und sie sind auch so etwas wie politisches Gewohnheitsrecht. In der Vergangenheit haben sich jedenfalls die betroffenen Minister aller Couleurs mehr oder weniger lautstark dagegen gewehrt, die Macht über eines „ihrer" Unternehmen zu verlieren.
Dem hält das neue Konzept entgegen: Ein einheitliches Beteiligungsmanagement - zusammengefasst unter dem Dach der ÖIAG - würde zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnen. So wäre etwa eine „Think-Tank-Funktion" für sämtliche Schlüsselbranchen möglich. Soll heißen: Für die Bereiche Verkehr und Energie könnte beispielsweise ein übergreifendes Konzept für Elektromobilität entwickelt werden. Motto: Das Beteiligungsmanagement in einer Hand kann dies effizienter bewerkstelligen als mehrere Eigentümervertreter das tun können.
Darüber hinaus wird in dem Papier empfohlen, das Staatsfonds-Konzept wiederzubeleben. Etwa, indem ÖIAG-Dividenden teilweise für Start-ups zweckgewidmet werden. Zitat aus dem Konzept: „Vorstellbar wäre, Teile der Erträge für befristete Eigenkapitalspritzen an Wachstumsunternehmen und Betriebe von Zukunftstechnologien einzusetzen."
Das Konzept liegt also auf dem Tisch - was damit passiert, ist halt die Frage. Experte Höffinger gibt sich jedenfalls zuversichtlich: „Die Chance für die Realisierung einer überzeugenden Beteiligungsstrategie der Republik ist jetzt da", sagt er. Und: „Österreich wird davon profitieren. Vor allem mit gezielten Investitionen in die industriellen Initiativen der kommenden Generation."
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)

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