Die Presse: Spanien und Italien sind für KTM traditionell zwei sehr starke Märkte. Wie stark spüren Sie eigentlich die Eurokrise?
Stefan Pierer: In Spanien nicht mehr. Das Land wurde schon vor zwei, drei Jahren komplett erwischt und ist heute nur mehr ein Schatten seiner selbst. Italien ist 2012 bereits um 30 Prozent geschrumpft. Man darf aber nicht vergessen, dass sich der globale Motorradmarkt in den vier Jahren seit Ausbruch der Krise bereits halbiert hat. Wir sind erfolgreich unterwegs, werden heuer einen Rekordabsatz schaffen. Aber das geht nur über Verdrängung und Wachstum in Asien.
Das heißt, es gibt in der Branche jetzt große Überkapazitäten, wie bei den Autoherstellern.
Bei den japanischen Herstellern, die ja bis auf den Marktführer Honda die Verlierer der Verdrängung sind, dürfte das so sein. Die europäischen Hersteller, die sich gut aufstellen – neben uns sind das BMW, Ducati oder Triumph – sind derzeit die Gewinner.
Was erwarten Sie sich vom Zukunftsmarkt Asien, auf dem Sie durch Ihre Kooperation mit Bajaj seit Kurzem aktiv sind?
Derzeit ist das Geschäft in Asien noch klein. Heuer werden es nur rund 15.000 Stück sein. Aber ich gehe davon aus, dass wir in drei bis fünf Jahren in Asien 100.000 Einheiten verkaufen werden.
Derzeit bauen Sie in Indien nur kleine Modelle mit 125 und 200 Kubikzentimetern Hubraum. Sollen langfristig auch größere Motorräder dort gebaut werden?
Wir haben eine Motorplattform, die von 125 bis 390 Kubikzentimeter reicht. Auf dieser Plattform soll es drei verschiedene Produkte geben. Alles andere wird auch künftig weiter hier gebaut werden. Denn es gibt technologisch noch Welten zwischen Österreich und Indien. Ein modernes Wettbewerbs-Offroad-Motorrad ist Hightech. Das schaffen außer uns nur die Japaner. Der Motor hat auf die Größe vergleichbare Werte wie ein Formel-1-Motor.
Es braucht sich also niemand Sorgen machen, dass der Standort in Mattighofen durch den indischen Partner geschwächt werden könnte.
Nein. Eher im Gegenteil. Durch den strategischen Volltreffer Bajaj ist es uns möglich geworden, komplett neue Kundengruppen anzusprechen. Denn das Auto wird das Motorrad in Asien – vor allem in Indien – noch lange nicht ersetzen. Der Markt ist rund zwölf Millionen Stück pro Jahr. Das sichert langfristig natürlich auch unsere Aktivitäten in Österreich ab.
Wie sind die Margen in Indien im Vergleich zu Europa?
Absolut sind sie natürlich viel geringer. Prozentuell sind sie jedoch gleich hoch wie bei den in Österreich produzierten Motorrädern.
Sie haben neben Motorrädern ja noch ein anderes Produkt im Portfolio – und zwar den vierrädrigen X-Bow. Dieser verkauft sich deutlich schlechter als erwartet. Würden Sie ihn im Nachhinein wieder machen?
Das Produkt würde ich wieder so machen. Denn er hat uns technologisch – etwa beim Thema Kohlefaser – deutlich nach vorne gebracht. Das Timing war natürlich schlecht. Wenn ich gewusst hätte, dass die Krise kommt, hätte ich das Projekt kleiner und stärker in die KTM integriert angelegt, also ohne eigene Entwicklung. Inzwischen machen wir das ja so. Und da wir die Kosten ohnehin bereits komplett abschreiben mussten, sieht es nun auch wirtschaftlich nicht mehr so tragisch aus.
Heuer haben Sie Ihr 20-Jahr-Jubiläum seit der Insolvenz und dem Neubeginn gefeiert. Was ist Ihre Zukunftsvision für KTM?
Wir sind mit den für heuer erwarteten 100.000 verkauften Stück derzeit der zweitgrößte Motorradproduzent in Europa (nach BMW, Anm.). Daher lautet einmal sicher das erste Ziel, der größte Hersteller Europas zu werden. Und schlussendlich sollen sich unsere Verkäufe in den nächsten fünf Jahren verdoppeln.
Vor allem durch Wachstum in Asien?
Nicht nur. Es ist vor allem die Erweiterung der Modellpalette nach unten – hin zu kleineren Hubräumen mit konkurrenzfähigen Preisen. Denn da hatten wir ja auch in Europa bisher kein Angebot. Aber natürlich geht es auch um jene Schwellenländer, in denen wir bisher überhaupt nicht reüssieren konnten. Länder wie Indonesien, Thailand, die Philippinen oder Kolumbien. Bis dato waren wir dort ein Spitzen-Rennsportprodukt für ein paar reiche Importeure. Künftig können wir dort in der Masse gegen die Japaner antreten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.09.2012)
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