Franz Wirl: „Es gibt kein Paradies“

Der Mathematiker Franz Wirl ist der forschungsstärkste Betriebswirt im deutschsprachigen Raum. Und er ist Österreicher. Ganz leicht gemacht hat es die hiesige Ökonomenschar dem Querdenker aber lange Zeit nicht.

Schließen
(c) Uni Wien

Die Ökonomie ist eine trostlose Wissenschaft“, wusste schon der viktorianische Historiker Thomas Carlyle. Franz Wirl kann dem nur zustimmen: „Verglichen mit der Quantenmechanik gibt es kaum überraschende Ergebnisse, und man sagt den Menschen letztlich nur, dass sie hart arbeiten müssen, um etwas zu bekommen. Es gibt kein Paradies.“ Wer will das schon hören?

Franz Wirl selbst hat sich die Erkenntnis offenbar zu Herzen genommen. Der heute 60-jährige Österreicher ist eben erst zum forschungsstärksten Betriebswirt im deutschsprachigen Raum gekürt worden. Seit sieben Jahren wählt das deutsche Handelsblatt die produktivsten deutschsprachigen Wirtschaftswissenschaftler gemessen an ihren Publikationen in wissenschaftlichen Journalen. Mit über 200 Arbeiten hat es der Professor für Industrie, Energie und Umwelt am Betriebswirtschaftlichen Zentrum der Universität Wien (BWZ) schon zum zweiten Mal auf den ersten Platz geschafft. „Dabei sagen die Hardcore-Betriebswirte immer, dass ich gar kein Betriebswirt bin“, lacht der strohblonde Forscher.


Ein Grenzgänger. Ganz unrecht haben sie damit nicht. Denn der gebürtige Wiener ist eigentlich der Mathematik verfallen und musste sich seinen Platz unter den Wirtschaftswissenschaftlern hart erkämpfen. Schon der erste Versuch Ende der Siebzigerjahre, als Assistent in der akademischen Welt zu reüssieren, schlägt fehl. Stattdessen landet Wirl nach seinem TU-Studium bei der wissenschaftlichen Abteilung der Organisation erdölexportierender Länder (Opec). Sechs Jahre lang erstellt er hier Analysen und Modelle für den Erdölmarkt. Er verdient damit zwar dreimal mehr als seine Kollegen, die an der Universität geblieben sind, für die akademische Karriere waren die Jahre aber „verschenkt“, sagt er heute.

1983 ist der Drang, in die akademische Welt zurückzukehren, stärker als der Reiz des Geldes. Wirl kündigt bei der Opec und wird Assistent für Energiewirtschaft und Elektrotechnik an der Technischen Universität Wien. Sechs Jahre später habilitiert er sich und stellt fest: Es ist nicht einfach, in der Welt der Ökonomen Fuß zu fassen. Schon 1995 zählt er zu den zehn produktivsten Volkswirten im deutschsprachigen Raum. Bewirbt er sich aber für Professorenstellen, wird er zu der Zeit oft nicht einmal eingeladen.

„Ich bin ein Grenzgänger“, erklärt der drahtige Hobbybergsteiger. Wer wie er in kein Konzept passen will und keine Lobby hinter sich hat, der habe es eben doppelt schwer. Erst ein fünfjähriges Zwischenspiel als Professor an der deutschen Universität in Magdeburg öffnet ihm auch in der Heimat die ersten Tore – zur Jahrtausendwende kehrt Wirl ans BWZ nach Wien zurück.


Auf dem Basar mit Elias Canetti. Blickt man aus dem Fenster in seinem Büro, bekommt man einen Eindruck davon, wie es sein muss, lange Jahre an den Rand der wissenschaftlichen Community gedrängt zu werden. Denn die Uni Wien versteckt ihre fleißigsten Forscher fernab der historischen Innenstadt. Dabei forschen hier, jenseits der Donau, zwischen Großbaumärkten, Autobahn und Textildiskontern immerhin jene Betriebswirte, die für ihre Uni den zweiten Platz im Ranking geholt haben.

Dass Wirl täglich zwanzig Kilometer mit Fahrrad und S-Bahn „in die Pampa“ fahren muss, stört den zweifachen Vater nicht. Prunk und Ansehen bedeuten dem hemdsärmeligen Denker wenig. Ihn begeistern andere Dinge. Seine große ökonomische Leidenschaft sind „Anreizsysteme“, oder einfacher gesagt: die Frage, wie man Menschen dazu bringt, dass sie tun, was sie tun sollen. „Eines der wenigen Gebiete der Ökonomie, in dem die Ergebnisse nicht trivial sind“, sagt er – und sofort beginnen seine hellen Augen zu funkeln.

Vieles, wofür die Ökonomen später Nobelpreise bekommen haben, hätten andere schon viel früher kapiert. Elias Canetti zum Beispiel. In seinem Buch „Die Stimmen von Marrakesch“ gibt es eine Szene, die es dem Wissenschaftler besonders angetan hat. Canetti streift durch die Souks auf dem Basar von Marrakesch und schreibt: „Natürlich bezahlen die Armen am meisten und die Reichen am wenigsten.“ Auf den ersten Blick erscheint das unlogisch, schließlich wäre bei den Reichen viel mehr zu holen. Ist es aber nicht, und um seinem Gegenüber das zu beweisen, malt Wirl emsig Blätter mit Formeln und Kurven voll. Angenommen, die Händler wissen, dass sie mit unterschiedlichen Preisen den meisten Profit machen können. Warum orientieren sie sich dann nicht an der Zahlungsfähigkeit der Kunden, fragt er. Die Armen etwas weniger und die Reichen eben ein wenig mehr? „Weil es nicht funktioniert“, ruft Wirl triumphierend. „In dem Moment gehen alle nur noch im Kartoffelsack einkaufen und die Händler müssen stets den niedrigsten Preis akzeptieren.“ Umgekehrt sei etwa ein Armani-Anzug als Voraussetzung für Rabatt „anreizkompatibel“. Für einen Armen würde es sich einfach nicht rechnen, einen so teuren Anzug zu kaufen, nur um billiger Reis zu kaufen. Anekdoten wie diese hat der Ökonom haufenweise parat. In Windeseile ist er von dort mitten in aktuellen politischen Debatten. In der Sozialpolitik, in der Umweltpolitik, im „Förderwirrwarr“, überall würden wir genau dasselbe beobachten. Keine einzige Subvention sei „anreizkompatibel“.

Beispiel gefällig? Nehmen wir etwa das Klimaabkommen von Kyoto. Reichen Industriestaaten wurde dort das Recht eingeräumt, ihre Emmissionsreduktionsziele auch mit Klimaschutzprojekten in ärmeren Ländern zu erreichen. „Das ist aufgelegter Schwindel“, sagt Wirl. Sobald das ärmere Land wisse, dass es mit Unterstützung aus dem Ausland rechnen kann, werde es nie das volle Einsparungspotenzial im Land selbst abrufen. Die reichen Länder sind ebenso zufrieden, kommen sie doch so zu vergleichsweise billigen Einsparungen.


Boykott gegen Ranking. Wenn Österreichs produktivster Wirtschaftswissenschaftler spricht, klingt vieles anders als das, was die omnipräsenten Haus- und Hofökonomen in TV und Zeitung von sich geben. Wirl stand nie in der ersten Reihe, wenn es darum ging, einen Kommentar zur wirtschaftlichen Lage der Nation abzugeben.

Um Aufmerksamkeit zu erregen und in der Fachwelt ernst genommen zu werden, sah er immer nur einen Weg: „Ich musste so viel publizieren wie möglich.“ Genau daran stoßen sich viele seiner Kollegen. Zum ersten Mal in sieben Jahren haben heuer 339 Ökonomen das Ranking boykottiert. Das Punktesystem würde die Forscher nur verleiten, ihren Namen unter möglichst viele Aufsätze zu schreiben, kritisieren sie. Das Niveau sei auf einer Stufe mit der TV-Castingshow „Deutschland sucht den Superstar“, höhnten etwa Alfred Kieser von der Zeppelin Universität Friedrichshafen und Margit Osterloh von der Universität Zürich. Entscheidend für das Ranking sind Publikationen in rund 1000 internationalen Fachzeitschriften. Je höher die wissenschaftliche Qualität des Journals, desto mehr Punkte gibt es pro Aufsatz. Erstellt wird es von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich.

Wirl nimmt die Kritik gelassen. „Man kann zu Rankings stehen, wie man will“, sagt er. Eines hätten sie gebracht: Der „antielitäre Geist“ an den Unis sei langsam verschwunden. Früher hätten sich die Universitäten leisten können, Professoren einzustellen, die kaum international publiziert haben. Heute ginge das nicht so einfach, da auch die Universitäten selbst ohne forschungsstarke Wissenschaftler in den Rankings abrutschen würden. Den persönlichen Wert des Preises kalkuliert der Ökonom hingegen nüchtern: „Ein Blumentopf ist wertvoller.“

starke Forscher

Betriebswirte der Uni Wien auf dem zweiten Rang
Die Uni Wien liegt beim Ranking der 25 besten deutschsprachigen Fakultäten für Betriebswirtschaftslehre (BWL) auf dem zweiten Rang hinter der Universität St. Gallen. Die Wirtschaftsuniversität (WU) Wien landete auf Platz vier, die Uni Innsbruck auf Platz 13, die Uni Graz auf Platz 19.

Herausragende Einzelkämpfer
Wie bereits 2009 führt Franz Wirl das Ranking der besten 250 Forscher in der Kategorie „Lebenswerk“ an, auf Platz vier, sieben und acht liegen seine Kollegen Adamantios Diamantopoulos, Richard Hartl und Rudolf Vetschera. Bester WU-Forscher ist hier Josef Zechner auf Platz 22. Bei den „Top 100 Forschern Aktuell“ belegen Diamantopoulos und Wirl als beste Österreicher Rang zehn und elf, bei den „Top 100 Forschern unter 40 Jahren“ scheint Jan Mendling von der WU auf Platz zehn auf, Marc Reimann (Uni Graz) belegt Rang 21.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.09.2012)

Kommentar zu Artikel:

Franz Wirl: „Es gibt kein Paradies“

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen