Wien/Eid. ] Post von der EU heißt nicht unbedingt etwas Schlimmes. Wenn man aber gerade in einem Übernahmeverfahren steckt, dann ist Gefahr im Verzug. Und so setzte sich Hutchison-Chef Canning Fok auch ins Flugzeug, um Krisenfeuerwehr zu spielen. Schließlich geht es um viel: Der chinesische Megakonzern Hutchison will über seine österreichische Handy-Tochter „3“ den größeren Mobilfunker Orange kaufen und damit an die großen zwei, Telekom Austria und T-Mobile, anschließen. Kaufpreis: rund 900 Mio. Euro.
Die EU-Wettbewerbshüter haben jedoch gröbste Bedenken, dass mit dem Verschwinden eines Anbieters der Wettbewerb leidet – ungeachtet des Plans, dass Hutchison die Orange-Billigmarke Yesss!, Frequenzen und Funkstandorte um 390 Mio. Euro an die Telekom Austria weiterreichen will. Dieses „Subgeschäft“ lässt die Bundeswettbewerbsbehörde (BWB) vom Kartellgericht prüfen.
„Die EU liegt falsch“
Auch der Vorschlag von „3“, kleinen Mobilfunkern ohne eigenes Netz zu erlauben, die „3“-Infrastruktur mitzubenützen, hat die EU nicht besänftigt, wie aus dem neuen „Statement of Objections“ hervorgeht. Wer glaubt, dass Fok nun nachbessern würde, der irrt: „Die EU liegt falsch, wenn sie eine Einschränkung des Wettbewerbs fürchtet“, betonte er am Montag. „Ein starker Dritter ist besser als zwei schwache Kleine.“
Er bekräftigte daher nur die schon signalisierten Zugeständnisse an die EU – nun aber verbindlich: „Wir werden in Österreich das beste LTE-Netz aufbauen, eines der besten weltweit.“ LTE ist die vierte Handygeneration, die superschnelles mobiles Internet ermöglicht. Darüber hinaus öffnet „3“ wie angekündigt sein Netz „virtuellen“ Mobilfunkern. UPC und Tele 2 haben dieses Angebot schon angenommen.
Hutchison sei kein Konzern, der so rasch aufgebe, meinte Fok, dessen Pokerface keine Emotion merken ließ. Gefühle seien bei einem solchen Geschäft – und in Verhandlungen mit Kartellbehörden – auch fehl am Platz, meinte der Chinese. „Ich lerne von meinen deutschen Kollegen – die kalkulieren hart und direkt.“
Wie die EU entscheiden werde, wollten weder Fok noch „3“-Chef Jan Trionow abschätzen. Auch wollten sie Gründe für die Skepsis in Brüssel nicht nennen. Fok will einzig von dem Gerücht gehört haben, dass die EU angesichts des derzeit in Deutschland laufenden Deals zwischen O2 und der KPN ein Exempel statuieren könnte. Das sei jedoch falsch, da die beiden Länder nicht miteinander verglichen werden könnten.
Sollte aus Brüssel doch ein Nein kommen, werde sich Hutchison nicht aus Österreich zurückziehen. „Dann werden wir halt so wie bisher nur um ein Prozent pro Jahr wachsen.“ Für Hutchison wäre ein Scheitern der Übernahme ein Prestigeverlust. Für Orange hingegen würde es finanziell eng werden. Der Mobilfunker, der France Telekom und dem Fonds Mid Europa Partners gehört, hat die von einem Bankenkonsortium unter Führung der Royal Bank of Scotland genehmigten Kreditlinien in Höhe von 1,263 Mrd. Euro Ende 2011 mit 1,207 Mrd. Euro so gut wie ausgeschöpft. Das geht aus dem Geschäftsbericht 2011 hervor.
Die Finanzierungsverträge enthalten Bedingungen, deren Bruch durch Orange die Fälligstellung zur Folge hätte. Diese dürften die Eigenkapitalquote (Ende 2011 lag sie bei zehn Prozent) und den Verschuldungsgrad betreffen.
Hutchison zahlt Orange-Kredite
Hutchison hat sich im Kaufvertrag verpflichtet, alle Verbindlichkeiten zurückzuzahlen – vorausgesetzt, der Deal wird genehmigt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Chinesen den Kaufpreis nicht nachbessern bzw. Yesss! weiterverkaufen wollen. Inklusive Schulden kostet Orange gut zwei Mrd. Euro.
Orange kündigt im Geschäftsbericht an, 2012 die Schuldendeckung nicht einhalten zu können. Die Mehrheit der Banken hat daher auf die Überprüfung der Schuldendeckung zum jeweiligen Quartalsende verzichtet. Sollte der Deal platzen, ist der Verzicht der Banken nichtig. Schlussfolgerung des Abschlussprüfers PWC: „Tritt dieser Fall ein, so besteht eine wesentliche Unsicherheit hinsichtlich des Fortbestands des Unternehmens.“
Die Übernahme des Mobilfunkers Orange durch Hutchisons „3“ steht auf der Kippe. Die EU-Kartellhüter fürchten eine Einschränkung des Wettbewerbs auf dem österreichischen Handymarkt. Das sieht Hutchison-Boss Canning Fok ganz anders. Deshalb macht er auch keine weiteren Zugeständnisse. Sollte der Kauf nicht zustande kommen, hätte Orange große finanzielle Probleme. Die Kreditlinien von 1,2 Mrd. Euro sind nahezu ausgeschöpft.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.09.2012)
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