Wien/Jil. Der „normale“ Österreicher fährt ein Auto im Wert von 8000 Euro, hat 707 Euro auf dem Konto liegen und fast 12.000 Euro in Bausparverträge oder Lebensversicherungen investiert. Wenn er eine Immobilie besitzt, dann ist diese rund 200.000 Euro wert. Rund 23.000 Euro sind in Fonds, Aktien und Anleihen angelegt. Dazu hat der „normale“ Österreicher rund 40.000 Euro Schulden.
Das sind die Ergebnisse einer neuen und umfassenden Erhebung der Oesterreichischen Nationalbank zum Nettovermögen der österreichischen Haushalte. Die sogenannte HFCS-Studie (Household Finance and Consumption Survey) basiert auf Umfragen und wurde erstmals erhoben. Im März wird die Europäische Zentralbank (EZB) dann einen europaweiten Überblick vorlegen.
Der „normale“ Österreicher existiert freilich nicht – diese Zahlen spiegeln vielmehr Medianwerte für Haushalte (!) wider, die sich aus der Teilung der Bevölkerung in zwei gleich große Gruppen ergibt. Der Medianwert liegt genau in der Mitte. Die Durchschnittswerte sehen anders aus, sind aber nicht sehr repräsentativ, weil sie von besonders reichen oder besonders armen Bevölkerungsteilen verzerrt werden.
Der „Mittelwert“ eines österreichischen PKW beläuft sich demnach auf 13.088 Euro. Der „Mittelwert“ des in Anleihen investierten Geldes auf ganze 102.000 Euro. Der Anleihen-Medianwert liegt aber nur bei 14.000 Euro, was darauf schließen lässt, dass reiche Österreicher ihr Geld gerne konservativ anlegen – in Anleihen eben.
Singlefrauen sind reicher als Singlemänner
Fast 40 Prozent der Österreicher leben in Einpersonenhaushalten – deren Median-Vermögen liegt bei rund 19.000 Euro und ist damit um einiges niedriger als das Vermögen in Haushalten mit zwei Personen, die im Median rund 126.000 Euro Nettovermögen halten. Etwa 35 Prozent der Österreicher leben in Zwei-Personen-Haushalten.
Bei Singles ergibt sich ein interessantes Geschlechtergefälle: Singlefrauen halten im Median rund 19.000 Euro Nettovermögen und damit um 1000 Euro mehr als Singlemänner. Beim Mittelwert liegen wiederum die Männer vorne. Das zeigt, dass Singlemänner zwar insgesamt über mehr Vermögen verfügen, die „normale“ Singlefrau aber besser mit Geld umgehen kann.
Besondere Aufmerksamkeit haben die Daten zur Vermögensverteilung erregt. In der Studie ist von einer „ausgeprägten Rechtsschiefe der Vermögensverteilung“ die Rede. So haben annähernd 40 Prozent der Haushalte ein Nettovermögen zwischen null und 50.000 Euro, elf Prozent aber ein Vermögen von mehr als 500.000 Euro. Das Nettovermögen umfasst das Bruttovermögen (also Finanz- und Sachwerte) abzüglich Schulden.
Schulden stellen keine Gefahr dar
Auch die Analyse der obersten und untersten zehn Prozent der Haushalte zeigt die ungleiche Verteilung der Vermögen: Zehn Prozent der Haushalte verfügen über ein Nettovermögen von weniger als 1000 Euro. Am anderen Ende der Skala besitzen zehn Prozent der Haushalte hingegen jeweils mehr als 542.000 Euro Nettovermögen. Die Hälfte aller Haushalte besitzt weniger als 76.000 Euro (Medianvermögen).
Nun könnte man flapsig feststellen, dass die Studie lediglich offiziell bestätigt, dass Reiche reicher sind als Arme. Für jene Interessensgruppen, die sich das Stichwort „Verteilungsgerechtigkeit“ auf die Fahnen geheftet haben, sind diese Zahlen jedenfalls ein gefundenes Fressen. Der AK-Ökonom Markus Marterbauer nennt sie einen „Meilenstein für Versachlichung der wirtschaftspolitischen Diskussion“. Die Studie zeige deutlich, dass im Zentrum der künftigen Steuer- und Budgetpolitik mehr Verteilungsgerechtigkeit stehen müsse, so der SPÖ-Bundesgeschäftsführer Günther Kräuter.
Beruhigende Nachrichten kommen von der Schuldenfront. Nur 17 Prozent der Haushalte haben mit dem Hauptwohnsitz besicherte Schulden und nur 21 Prozent haben unbesicherte Schulden – also etwa überzogene Konten oder Kreditkartenschulden. Generell sind reiche Österreicher stärker verschuldet als ärmere. Das liegt vor allem daran, dass Schulden in erster Linie zum Kauf einer Immobilie aufgenommen werden – und weniger (wie beispielsweise in den USA häufig der Fall) für den privaten Konsum.
Der Schuldenstand der privaten Haushalte stelle daher ein „relativ geringes Risiko“ für die Finanzmarktstabilität dar, so die Studie. Als positiv wird auch hervorgehoben, dass Österreicher anders als Amerikaner mit ihrem gesamten Vermögen für Schulden haften und notfalls sogar das Einkommen gepfändet werden kann.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.10.2012)

Inflation, Hyperinflation oder Deflation?Mag. Zareh Mossessian, Trainer der Wiener Börse Akademie
Wenn Ökonomen irren ''Nach Öl bohren? Verrückt''
KreativDie Welt der Werbung
Cash-KaiserDiese Firmen horten am meisten Bargeld
''Plagiarius''Dreisteste Fälschungen ausgezeichnet

