Wien/Red. Die drei Herren waren vorgewarnt: Vor einer Woche berichtete die „Presse“ exklusiv von der bevorstehenden Anklage, gestern wurde sie offiziell. Die früheren Telekom-Vorstände Heinz Sundt, Rudolf Fischer und Stefano Colombo müssen sich wegen des Verdachts der Untreue bzw. wegen Beteiligung an der Untreue vor einem Strafrichter verantworten.
Angeklagt werden auch der Broker Johann Wanovits und ein weiterer ehemaliger Mitarbeiter der Telekom Austria AG, wie die Staatsanwaltschaft Wien mitteilte. Den Angeklagten drohen bis zu zehn Jahre Haft. Noch ist die Anklageschrift nicht rechtskräftig, die Betroffenen haben 14 Tage Zeit, Einspruch dagegen zu erheben.
Gegenstand der Anklage ist die mutmaßliche Kursmanipulation im Jahr 2004, die zu Provisionszahlungen an 100 Telekom-Manager in Höhe von insgesamt neun Millionen Euro geführt hat.
Die Ermittlungen gegen einen weiteren Verdächtigen, den ehemaligen Telekom-Vorstandsvorsitzenden Boris Nemsic, haben keine stichhaltigen Beweise geliefert. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Auch einer zentralen Figur der Affäre bleibt eine Anklage vorerst erspart: dem ehemaligen Telekom-Controllor Gernot Schieszler, der der Justiz bereitwillig und detailliert über die Hintergründe berichtete, weil er den Status eines Kronzeugen anstrebt.
Weitere 40 Beschuldigte
Die Staatsanwaltschaft betonte am Mittwoch, dass in der Causa Telekom in „verschiedenen Ermittlungssträngen“ wegen seltsamer Zahlungen an Parteien, Berater und Lobbyisten gegen etwa 40 Personen ermittelt wird.
Die jetzt angeklagte Affäre geht auf das Jahr 2004 zurück. Damals soll Broker Wanovits im Auftrag von Sundt, Fischer und Colombo Aktien der Telekom Austria AG gekauft haben, um so den Aktienkurs nach oben zu treiben. In das Gespräch, bei dem dies angeblich vereinbart wurde, war Nemsic dem Vernehmen nach nicht involviert. Das dürfte ihm eine Anklage erspart haben.
Eine Vereinbarung bei der Telekom besagte, dass Boni fällig werden, wenn der Aktienkurs am 26. Februar 2004 über 11,70 Euro liegt. Tatsächlich kletterte der Kurs an diesem Tag knapp vor Börseschluss auf 11,73 Euro. Zu verdanken war der Höhenflug einer Order von Wanovits. Er erklärte gestern in einer Aussendung seines Anwalts, dass jemand anderer den Kurs der Aktie nach unten manipuliert habe. Er selbst habe durch den Ankauf von Aktien den Kurs nur „auf das natürliche Niveau gehoben“.
Die angeklagten Vorstände haben jedenfalls stark profitiert. Sundt allein erhielt 196.359,74 Euro netto. Die Finanzmarktaufsicht prüfte die Vorgänge und kam zum Schluss, dass es „eindeutig Kursmanipulation“ gewesen sei. Das Problem: Nach dem damals geltenden Börsegesetz war das nicht verboten.
Wanovits soll als Gegenleistung für die Manipulation von der Telekom Austria mehr als 1,5 Millionen Euro erhalten haben, die zwischen 2004 und 2008 teilweise durch Bargeldzahlungen, teilweise über Scheingeschäfte transferiert worden sein sollen. Das Übergeben des Honorars an den Broker wird als Untreue bzw. Beteiligung an Untreue gesehen. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung.
Die Telekom schließt sich dem Verfahren als Privatbeteiligter an, man wolle Schadenersatz, erklärte ein Sprecher. Ob die Angeklagten ihre Boni zurückbezahlt haben, wollte er nicht sagen. Auch nicht, mit wie vielen der Manager man eine Rückzahlung vereinbart hat. Es gebe „verschiedene Lösungen“, man habe mit allen 100 Beteiligten (etwa 30 sind noch im Unternehmen) Gespräche geführt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.10.2012)
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