[WIEN] Wussten die früheren Telekom-Chefs Rudolf Fischer, Stefano Colombo und Heinz Sundt wirklich im Vorhinein von der im Februar 2004 erfolgten Manipulation des Kurses der Telekom-Aktie? Wussten sie von dem Manöver, das ihnen selbst und 92 weiteren leitenden Mitarbeitern willkommene Zusatzzahlungen einbrachten - insgesamt zirka neun Millionen Euro, basierend auf dem Aktien-Optionsprogramm? Sie wussten es. Mehr noch: Sie hatten eben dieses Manöver gemeinsam eingefädelt. Zu diesem Ergebnis kommt die nun fertig gestellte, der „Presse" vorliegende Anklageschrift.
Staatsanwalt Hannes Wandl schreibt unter dem Kapitel „Subjektive Tatseite": „Als Ing. Mag. Rudolf Fischer, Dr. Stefano Colombo und Heinz Sundt (letzterer indirekt über die anderen beiden Vorstände) gegenüber Mag. Gernot Schieszler (der nunmehrige potenzielle Kronzeuge, Anm.) die Zustimmung zur Beauftragung der Euro Invest Bank mit dem Ankauf von Aktien der Telekom Austria erteilten, wussten sie, dass sie ihre Befugnis, als Vorstände der Telekom Austria über deren Vermögen zu verfügen, damit missbrauchten." Weiter: „Ebenso hatten sie den Vorsatz, der Telekom Austria einen Vermögensnachteil durch zu zahlende Prämien an Mitarbeiter im Umfang von 8.870.114,73 Euro zuzufügen."
Zur Erklärung: Der Börsenmakler und Bankier Johann Wanovits von der Euro Invest Bank AG hatte, wie er angibt, „auf eigenes Risiko", aber (laut Anklage) nach Absprache mit der Telekom Austria (TA), zum entscheidenden Stichtag 864.381 TA-Aktien gekauft und damit den Kurs so weit nach oben steigen lassen, dass die Ausschüttung der Zusatzzahlungen schlagend wurde.
Zur Frage, inwieweit der TA-Vorstand (Sundt war damals Vorstandsvorsitzender) eingebunden war, geht Staatsanwalt Wandl auch auf die Angaben der Betroffenen ein: „Entgegen der tatsachengeständigen Verantwortung von Ing. Mag. Rudolf Fischer bestreiten Heinz Sundt und Dr. Stefano Colombo eine Involvierung in das Geschäft mit Mag. Johann Wanovits, widersprechen sich jedoch wesentlich in maßgeblichen Details."
Freilich gilt für sämtliche Genannten die Unschuldsvermutung, Sundt hatte zuletzt via Anwalt wissen lassen, die Vorwürfe seien völlig haltlos. Die Anklage wegen Untreue, Strafdrohung bis zu zehn Jahre Gefängnis, ist auch noch nicht rechtskräftig. Als Untreue-Schaden wird nun nicht nur die Auszahlung an die Mitarbeiter, sondern auch jene Belohnung eingestuft, die Wanovits kassieren sollte. Ihm sei eine Zahlung von 1.760.000 Euro zugekommen.
Angeklagter Broker bringt Anzeige ein
Wanovits selbst, vertreten durch Anwalt Rainer Rienmüller, stellt dies allerdings anders dar: Ja, er habe für die von ihm erbrachte „Leistung" Geld erhalten. Und zwar in den Jahren 2004 und 2005 in drei Tranchen - insgesamt 600.000 Euro. In bar, auf offener Straße oder in einem Auto. Dass er unter diesen Umständen bares Geld von der TA angenommen habe, bereue er, lässt Wanovits ausrichten. Den Vorwurf, er habe weitere Zahlungen der TA über die Firma Valora des Lobbyisten Peter Hochegger für Scheinstudien kassiert, lässt Wanovits nicht auf sich sitzen. Er habe tatsächlich Studien, etwa über erneuerbare Energie, ausgearbeitet, insgesamt habe er damit noch zusätzlich 375.000 Euro verdient.
Unter dem Eindruck der nun fertigen Anklage (außer den TA-Vorständen und Wanovits ist auch der frühere TA-Mitarbeiter Josef T. als Bote und Vermittler mitangeklagt) geht Wanovits nun in die Gegenoffensive. Er hat bereits eine Sachverhaltsdarstellung gegen unbekannte Täter bei der Anklagebehörde eingebracht. Darin zeigt er auf, dass der Kurs der Telekom-Aktie damals zunächst auffällige Sprünge nach unten machte. Und spricht vom „Verdacht auf manipulative Tätigkeiten", denen er mit seinen Aktienkäufen entgegen wirken habe wollen.
Aus der (ebenfalls der „Presse" vorliegenden Sachverhaltsdarstellung): „An einer Manipulation des Kurses nach unten (unter € 11,70) kann für Merrill Lynch, sowie weitere Banken, an welche das Risiko aus dem Optionsvertrag weiter gereicht wurde, Interesse bestanden haben." Inwieweit die Staatsanwaltschaft der Anzeige nachgeht, bleibt abzuwarten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2012)
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