Ist die Wiener Börse noch zu retten?

Seit fünf Jahren geht es mit der Wiener Börse bergab. Das Aktienforum präsentiert ein Maßnahmenpaket, um die Negativspirale zu durchbrechen. Geschadet hat auch die Einführung der Kapitalertragssteuer.

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(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien/Höll. Der September 2012 war für die Wiener Börse ein besonders schlechter Monat. Im Vergleich zur Vorjahresperiode gingen die Handelsumsätze um 39,3 Prozent auf drei Milliarden Euro zurück. Seit Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise vor fünf Jahren befindet sich der österreichische Aktienmarkt in einer Negativspirale: Noch 2007 kam die Wiener Börse auf ein jährliches Handelsvolumen von 88 Mrd. Euro. Im Vorjahr waren es bescheidene 30 Mrd. Euro (siehe Grafik).

Im gleichen Zeitraum sank der Wert aller an der Wiener Börse notierten Firmen um fast 60 Prozent. Die Liste der Unternehmen, die der Börse den Rücken kehrten, wird immer länger. Auf der anderen Seite fehlt es an Neuzugängen. „Seit 2007 zeigen fast alle wesentlichen Aktienmärkte rückläufige Tendenzen, allerdings ist der Rückgang in Österreich im internationalen Vergleich besonders drastisch ausgefallen“, klagt Robert Ottel, Präsident des bei der Industriellenvereinigung angesiedelten Aktienforums und Finanzvorstand der Voestalpine. „Der Kapitalmarkt wird zum Teil mutwillig zerstört“, so Ottel.

Steuer schadet der Börse

Besonders geschadet hat die Einführung der Wertpapier-Kapitalertragssteuer. Damit werden die Einnahmen aus Wertpapiergeschäften mit 25 Prozent besteuert. Zwar können Investoren Verluste und Gewinne gegeneinander aufrechnen. Doch das ist nur innerhalb eines Kalenderjahres möglich. Wer etwa bei einem Börsencrash viele Aktien verkauft, bleibt auf den Verlusten sitzen. Erzielt der Anleger mit den übrigen Wertpapieren im nächsten Jahr einen Gewinn, fällt die Kapitalertragssteuer in voller Höhe an. Ursprünglich sollte die Abgabe jährlich 70 bis 100 Mio. Euro für das Budget bringen. Doch angesichts der negativen Entwicklung der Börse dürfte es deutlich weniger werden.

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(c) DiePresse

Zahlreiche Lösungsansätze

Um die Abwärtsspirale zu durchbrechen, stellte das Aktienforum am Dienstag ein Maßnahmenpaket vor. Basis dafür ist eine Studie der „Contrast Management Consulting“. Dazu wurde die Situation der Wiener Börse mit anderen Handelsplätzen verglichen. „Der Entwicklungsstand des österreichischen Kapitalmarktes entspricht in keiner Weise dem Reifegrad der österreichischen Volkswirtschaft“, kritisiert Werner Hoffmann, Studienautor und Professor für Strategisches Management an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Die Studienautoren propagieren unter anderem folgende Lösungsansätze:
• Verbesserung des Angebots durch weitere Privatisierungen. Doch das ist in dieser Legislaturperiode schwer vorstellbar, weil die SPÖ dezidiert dagegen ist.
• Weiterer Rückzug von Banken aus Industriebeteiligungen: Vor allem den Raiffeisen-Landesbanken NÖ-Wien und Oberösterreich gehören viele Firmen. Doch diese können zum Verkauf nicht gezwungen werden.
• Anleihen sollten als Einstieg für einen Börsengang dienen. Zahlreiche Unternehmen haben sich in den vergangenen Monaten Geld in Form von Anleihen geholt. Vielleicht können einige bewogen werden, später auch Aktien an die Börse zu bringen.

Streubesitz erhöhen

•Börsenotierte Gesellschaften sollten den Streubesitz erhöhen. Bei vielen Unternehmen wie Raiffeisen Bank International, Strabag, Lenzing und Vienna Insurance Group sind weniger als 50 Prozent der Anteile an der Börse gelistet.
•Änderung der Besteuerung: Halten Privatanleger langfristig Aktien (zum Beispiel mehr als zehn Jahre), sollte die Kapitalertragssteuer wegfallen;
•neue Anreize für die Pensionsvorsorge: Als Vorbild dient hier Polen. Dort gibt es steuerliche Anreize für Pensionsfonds, die lokale Aktien kaufen. Auch der regulatorische Spielraum für Aktieninvestments von Versicherungen und Pensionskassen sollte vergrößert werden;
•Differenzierung des Leitindex ATX: Manche ausländische Investoren meiden österreichische Unternehmen wegen deren Aktivitäten in Osteuropa. Die Studienautoren empfehlen, einen zusätzlichen ATX zu entwickeln. Dieser sollte nur Firmen, die weltweit tätig sind, enthalten – wie Kapsch TrafficCom, Rosenbauer, Semperit und SBO;
•spezielle Betreuung des „Mid Market“-Segments. Die Wiener Börse sollte sich mehr um kleine und mittlere Firmen kümmern;
•steuerbegünstigte Exit-Optionen für in Stiftung gehaltene Familienunternehmen;
•Förderung von Beteiligungsmodellen für Mitarbeiter;
•steuerliche Gleichstellung von Fremd- und Eigenkapital.

Die Experten fordern zur Umsetzung der Maßnahmen einen Regierungsbeauftragten für den Kapitalmarkt. Diese Position, die der frühere OMV-Chef Richard Schenz innehatte, war 2009 abgeschafft worden. Seitdem berät Schenz das Finanzministerium.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.10.2012)

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