Die Presse: Herr Kraus, nach 13 Jahren an der Spitze der Kathrein Privatbank haben Sie sich mit einem sogenannten „Multi Family Office“ selbstständig gemacht. Was aber macht ein Multi Family Office eigentlich?
Christoph Kraus: Anfang des 20. Jahrhunderts wurden in den USA sogenannte Single Family Offices gegründet. Ein Family Office besteht im Wesentlichen aus Experten, die eine wohlhabende Familie bei der Verwaltung ihres Kapitals beraten.
Wie viele dieser Single Family Offices gibt es in Österreich und von welchen Beträgen sprechen wir?
In Österreich gibt es meiner Meinung nach ein halbes Dutzend bis zehn solcher Single Family Offices. Das bekannteste dürfte jenes der Familie Flick sein. Ein Single Family Office zahlt sich wahrscheinlich ab einem Vermögen von 500 Mio. Euro aus, ein Multi Family Office ab 30 Mio. Euro. In Deutschland gibt es etwa 6000 Familien, die ein solches Vermögen außerhalb des Unternehmens besitzen. In Österreich haben wir nicht mehr als 250 solcher Familien. Eine Bank betreut nur einen Teil des Vermögens, ein Family Office deckt das gesamte Vermögen ab.
Was hat Sie dazu veranlasst, ein Family Office zu gründen? Ist der Beratungsbedarf gestiegen?
Der Beratungsbedarf ist aufgrund der Komplexität und der Risiken enorm gestiegen. Wer hätte sich vor drei Jahren gedacht, dass der Euro auseinanderzubrechen droht, wer hätte an die Gefahr eine galoppierenden Inflation infolge der EZB-Politik gedacht? Die Leute wollen ihr Vermögen schützen.
Vermögende sind häufig darauf bedacht, ihr Vermögen in erster Linie zu erhalten, und es nicht zu vermehren.
Die riskanteste Anlage, die es gibt, ist ein Lottoschein. Da kann man sicher sein, Geld zu verlieren. Das ist typischerweise nicht das, was Vermögende machen. Je größer das Vermögen, desto mehr ist man daran interessiert, es zu erhalten und nicht zu verlieren.
Sind Vermögenden Renditen überhaupt noch wichtig?
Die Renditen stehen nicht mehr im Vordergrund. Es ist nicht die Gier, sondern die Angst, die dominiert. Sein Vermögen risikolos inflationsgeschützt zu erhalten ist heute nur schwer möglich.
Wie macht man es dann?
Mit Aktien, Währungen, Hedgefonds. Im Wesentlichen gibt es nur drei Möglichkeiten: Renditen erzielen, Vermögen erhalten oder Verlust minimieren. Derzeit sind wir eher bei Verlust minimieren.
Sind die Risken größer geworden?
Ja. Es gibt die Angst vor einer heißen Geldentwertung, also einer Währungsreform. Und es gibt die Angst vor kalter Enteignung über Inflation. Wenn man ein größeres Vermögen hat, muss oder will man für verschiedene Szenarien gerüstet sein. Es gibt einige Leute, für die das Vermögen nicht im Vordergrund steht. Das ist aber selten. Es gibt aber auch Leute, die sagen, sie haben ihre ganze Kreativität und Intelligenz in ihr Vermögen gesteckt und sie wollen es nicht nur für sich, sondern auch für ihre Nachkommen erhalten.
Angst vor Inflation haben alle. Wovor fürchten sich Vermögende im Besonderen?
Einerseits vor der Kapitalmarktentwicklung, andererseits vor den politischen Risken, weil auf Vermögende stärker losgegangen wird. In Deutschland wollen die Grünen eine einmalige Abgabe auf Vermögen, also eine Enteignung. Auch gibt es die Idee einer Zwangsanleihe. Es ist politisch rentabel, auf diese Schicht loszugehen. Das ist aber ein schwerer Fehler. Bei aller sozialer Einstellung muss man sagen: Wenn man Armut verringern will, muss man ein paar Leuten gestatten, reich zu werden. Warum? Wenn sie reich werden können, investieren sie, stellen ihre Fähigkeiten zur Verfügung, schaffen Arbeitsplätze. Daher ist es ein Fehler, auf diese Leute hinzuhauen.
Sie verstehen die Politik also nicht, wenn sie sagt, dass Reiche einen höheren Beitrag leisten müssen?
Natürlich können jene, die mehr verdienen, auch mehr zahlen. Die Frage ist nur: wie viel mehr? Sehen wir uns die Steuern an. Ist die progressive Steuerbelastung eine Sache, die gerecht ist? Wirtschaftlich gesehen ist die effizienteste Besteuerung eindeutig eine Flat Tax, bei der alle 25 Prozent Steuern zahlen. Das wäre das Klügste, was man machen könnte. Das geht politisch aber nicht, weil man der Ansicht ist, dass die Reichen zur Kasse gebeten werden müssen. Je höher der Grenzsteuersatz ist, desto weniger Anreiz gibt es, dieses Geld zu verdienen und desto höher ist der Anreiz, in Steueroasen zu gehen. Österreich ist bis zu einem gewissen Grad auch eine Steueroase. Die Tatsache, dass wir keine Erbschafts- und Vermögensteuern haben, führt dazu, dass Ausländer hierher kommen.
Was würde passieren, wenn die Steuern weiter angehoben werden?
Natürlich gibt es eine Schmerzgrenze. Eine Vermögensteuer – je nachdem wie sie ausgestaltet ist – wird dazu führen, dass Vermögen abfließt. Das Steuersystem ist ein Resultat der Arbeit von Lobbys. Am meisten zahlt der, der sich am wenigsten verteidigen kann, das betrifft die breite Masse. Wer zahlt am wenigsten: die, die am besten organisiert sind. Das Steuersystem ist davon getragen, dass sich Politiker das Geld dort holen, wo es am leichtesten ist. Das ist weder gerecht noch rational. Aber die Arbeit kann sich weniger wehren als das Kapital. Ja, Kapital ist wenig besteuert, aber Kapital kann sich bewegen und abwandern, es ist daher besser, man hält das Kapital mit niedrigen Steuern im Land.
Vermögende haben sich in der Krise auch aus Angst vor der Inflation mit Immobilien eingedeckt. Die Preise in in dem Bereich sind enorm gestiegen. Hat sich eine Blase gebildet?
Blasen sind schwer vorherzusehen. Aber das, was sich im Wiener Immobilienmarkt abspielt, ist etwas, was ich als Blase bezeichnen würde. Wer Häuser im ersten Bezirk mit zwei Prozent Bruttorendite kauft, wird es schwer haben, das Ganze rentabel zu machen. Die großen Investoren halten sich deshalb auf dem Wiener Markt zurück.
Gehen die Preisanstiege weiter?
Es gibt hier einen gewissen Herdentrieb. Im Immobilienbereich sind den Leuten die Risken nicht so bewusst. Man darf aber nicht vergessen, dass die Preise im US-Immobilienmarkt um 40 Prozent gefallen sind.
Versuchen Sie Ihre Kunden auch davon zu überzeugen, Kapital in riskantere Anlagen zu stecken?
Ich versuche den Leuten klarzumachen, dass sie ihre Anlageziele konsequent einhalten sollen. Sehr oft ist es so, dass Leute ihr Vermögen ausgewogen erhalten wollen und dann das eine oder andere Klumpenrisiko eingehen. Dann sagen wir ihnen: Gehen Sie zurück zu Ihren Zielen, Vermögenserhalt auf Generationen. Aber sehr häufig ist ein Unternehmer von seinem Urteil überzeugt.
Wie kann man Patriarchen trotzdem umstimmen?
Das ist nicht einfach, aber es gibt gewisse Prinzipien, an denen man festhalten muss. Viele sagen dann doch auch, dass sie lieber auf den Rat des Beraters hören sollten. Sonst muss man einfach fragen: Gehen Sie zum Zahnarzt oder bohren Sie sich die Zähne selber?
Christoph Kraus steht seit 1999 an der Spitze der Kathrein Privatbank und hat sich nun mit einem „Multi Family Office“, das mit dem Vermögensverwalter Feri zusammenarbeitet, selbstständig gemacht. Offiziell wird Kraus per Jahresende aus der Bank ausscheiden. Nachfolgen wird ihm Privatbankerin Susanne Höllinger.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2012)
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