Es gibt Unternehmen, die rangieren auf der nach unten offenen Beliebtheitsskala im allerletzten Kellerabteil, irgendwo unterhalb des dritten Untergeschoßes. Zum Beispiel die staatliche Straßenbaugesellschaft Asfinag. Geht wohl nicht anders bei einem Unternehmen, das für Baustellen verantwortlich ist. Oder für den Verkauf von Autobahnvignetten. Zuletzt machte die Asfinag Schlagzeilen im Zusammenhang mit der Inseratenaffäre – auch nicht gerade ein „Feel good“-Thema.
Aber es gibt ja noch Klaus Schierhackl. Der ist Vorstand der Asfinag – in der ihm der Ruf vorauseilt, einen überaus strengen Ton an den Tag zu legen. Andererseits wird Schierhackl nicht müde, der Asfinag ein menschliches Antlitz verpassen zu wollen. Ohne Rücksicht auf Verluste – von Ansehen und körperlicher Befindlichkeit.
Wie das? Klaus Schierhackl kommt ins Fernsehen. Und zwar im Frühjahr. Dann strahlt der ORF nämlich die erste Folge von „Undercover Boss“ aus. Das TV-Format läuft beim deutschen Fernsehsender RTL schon in der vierten Staffel, wird also offenbar gern gesehen, und da dürfen die Österreicher dem natürlich um nichts nachstehen. Das Konzept ist ja auch verblüffend simpel: Ein Firmenchef wird bis zur Unkenntlichkeit „verkleidet“, mischt sich einige Tage lang unter seine Arbeitnehmer – und darf solcherart erfahren, wie beinhart der Alltag der Untergebenen tatsächlich ist. Der p. t. Zuschauer wiederum darf daheim im Wohnzimmer das seltsame Versteckspiel schenkelklopfend, mit einer guten Portion Schadenfreude verfolgen. Und alle sind glücklich.
Vor zwei Wochen war es für den Asfinag-Chef so weit: Er musste sich einen Bart wachsen lassen, dann wurde ihm noch eine Brille verpasst. Und dann startete die viertägige Tour in diverse Autobahnmeistereien. Dort wurde den verdutzten Mitarbeitern folgende Geschichte aufgetischt: Schierhackl, der selbstredend einen anderen Namen bekommen hat, sei ein Langzeitarbeitloser.
Und das ORF-Kamerateam habe er deswegen im Schlepptau, weil für die Sendung „Am Schauplatz“ eine Reportage über die Wiedereingliederung Langzeitarbeitsloser in den Arbeitsmarkt gedreht werde. Dann folgten die vier wohl anstrengendsten Tage im Berufsleben des Asfinag-Bosses: Er musste Tunnels waschen, Böschungen mähen, Nachtdienste absolvieren, Toiletten putzen. Und einen toten Igel von der Autobahn entfernen.
Schierhackl sagt trotzdem, dass er das Ganze ungeschaut wieder machen würde, „weil es für mich eine prägende, sehr interessante Erfahrung war“. Er habe „eine ganz andere Asfinag kennengelernt, mit vielen positiven Eindrücken“. Die Mitarbeiter, die vergangenen Freitag über die wahre Identität des „Langzeitarbeitslosen“ aufgeklärt wurden, sollen sich wiederum freuen, dass sie jetzt mit dem Boss per Du sind.
Und die ORF-Zuschauer werden sicher auch ganz happy sein.
E-Mails an: hanna.kordik@diepresse.com
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2012)
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