ÖBB wollen Güterverkehr gesundschrumpfen

Unrentable Dienststellen der Staatsbahn sollen geschlossen werden, so ÖBB-Chef Kern. Die Zahl der Mitarbeiter, die keine Aufgabe haben, werde sich von derzeit 250 „deutlich erhöhen“. Kern rechnet mit Widerstand.

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ÖBB wollen Güterverkehr gesundschrumpfen
ÖBB wollen Güterverkehr gesundschrumpfen – (c) OeBB/RCA/Archiv PG (OeBB/RCA/Archiv PG)

Wien/Jaz. Es ist ein drastisches Beispiel, das Bahn-Chef Christian Kern am Freitag im Klub der Wirtschaftspublizisten vorbringt. So koste der Transport eines Containers von Salzburg nach Wien per Lkw 400 Euro. Soll derselbe Container per Bahn transportiert werden, würde der Vor- und Nachlauf – also der Transport von und zum Bahnhof sowie das Be- und Entladen des Zuges – ebenfalls 400 Euro kosten. „Für den wirklichen Transport auf der Schiene haben wir dann nur noch null Euro zur Verfügung. So etwas ist wirtschaftlich einfach nicht darstellbar“, so Kern.

 

Aufsichtsrat tagt am 30. Oktober

Daher müsse die zum Teil unrentable Struktur der heimischen Güterbahnhöfe durchforstet werden. Von den 500 Dienststellen solle ein „Gutteil“ geschlossen werden. Auch die rollende Landstraße stehe auf dem Prüfstand. Dies werde auch die Zahl jener unkündbaren ÖBB-Mitarbeiter, deren Job eigentlich wegrationalisiert wurde, von derzeit 250 „deutlich erhöhen“. Konkrete Zahlen wollte Kern jedoch auch auf mehrmalige Nachfrage nicht nennen, da das Thema erst am 30. Oktober im Aufsichtsrat der ÖBB-Güterverkehrssparte RCA abgehandelt werden soll und Kern auch mit Widerstand von betroffenen Kunden und Gemeinden sowie Mitarbeitern rechnet.

„Die laufen dann sofort zur Wirtschaftskammer oder zur Gewerkschaft und wollen unsere Pläne verhindern“, so Kern. Ähnliche Erfahrungen hat der ÖBB-Chef ja bereits vor rund eineinhalb Jahren gemacht, als er das Güterverkehrsnetz das erste Mal auf unwirtschaftliche Teile überprüfen ließ. Damals wurden vor allem entlegene Anschlussstellen für die Holzindustrie geschlossen, was zu einem Aufschrei bei dieser führte.

Die bevorstehende Strukturbereinigung sei eine notwendige Maßnahme, um das Ziel des Unternehmens – ab dem Jahr 2015 ein Ergebnis vor Steuern von 200 Mio. Euro – zu erreichen. „Nur mit diesem Ergebnis können wir unsere eigenen Kapitalkosten verdienen und dadurch die Substanz langfristig erhalten“, so Kern. Für heuer peilen die ÖBB ein Vorsteuerergebnis von 60 Mio. Euro an, im Halbjahr gab es ein Plus von 79 Mio. Euro.

Darin werden allerdings – wie jedes Jahr – auch staatliche Zahlungen für gemeinwirtschaftliche Leistungen, bestellte Verkehre, die Infrastruktur und Kreditrückzahlungen in Höhe von rund 2,5 Mrd. Euro enthalten sein (zusätzlich zahlt der Steuerzahler für die ÖBB-Pensionisten 1,7 Mrd. Euro und haftet für die ÖBB-Schulden). Die Verbesserung des Ergebnisses gegenüber den Verlustjahren 2010 und 2011 basiere aber vor allem auf Steigerungen im Marktabsatz und Einsparungen, so Kern.

Sparsamer sollen die ÖBB auch durch die nun geplanten Einschnitte im Güterverkehrsnetz werden. Dazu müssten aber auch jene Mitarbeiter abgebaut werden, die durch die Restrukturierung ihren Job verlieren. Bei zwei von drei Eisenbahnern handelt es sich jedoch um unkündbare Beamte. Da die ÖBB laut Kern nun keine Pensionierung aus betrieblichen Gründen mehr durchführen, sollen freiwillige Austritte über Sozialpläne die gewünschte Mitarbeiterreduktion bringen.

Dabei wird den pragmatisierten Mitarbeitern in der Regel ein Jahresgehalt von durchschnittlich 50.000 Euro angeboten, wenn sie das Unternehmen verlassen. Heuer haben bereits 100 der in Summe knapp über 40.000 ÖBB-Mitarbeiter ein solches Angebot angenommen. In Summe wurde die Zahl der Mitarbeiter heuer um 1600 Personen gesenkt, darunter auch mehrere Kündigungen von nicht pragmatisierten Mitarbeitern.

 

Kein Geld für ÖBBler bei Polizei

Eine Regelung wie bei Telekom oder Post, wo pragmatisierte Mitarbeiter zur Justiz oder Polizei wechseln, wäre für Kern zwar vorstellbar, aber nicht finanzierbar. „Wir müssten dabei jedem Mitarbeiter ja noch fünf Jahre lang sein Gehalt zahlen. Dieses Geld müssten wir in der Bilanz rückstellen.“ Da dies pro Kopf rund 250.000 Euro wären, ergäbe dies bei 1000 Mitarbeitern bereits eine Summe von 250 Mio. Euro. „Das wäre mehr als das gesamte Eigenkapital der Rail Cargo Austria, das bei 150 Mio. Euro liegt“, so Kern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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