Der Metaller von damals und heute

Am Freitag einigte sich die Metallergewerkschaft mit den Arbeitgebern der Maschinenbauer auf eine kräftige Lohnerhöhung. In der jährlichen Lohnrunde werden gernKlischees bedient. Viele davon sind veraltet.

Metaller damals heute
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Metaller damals heute
Pappenscheller – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Sebastian Krepper trägt ein Poloshirt von Hugo Boss, seine Hände sind sauber, und an seinem Arbeitsplatz sprühen weder Funken noch lodert Feuer. Er verbringt viel Zeit an seinem Schreibtisch, im Computerraum und in Besprechungen. Oft sieht er auch in der Werkstatt nach dem Rechten, durch die Glaswand seines Büros hat er rund um die Uhr einen Blick darauf. Krepper arbeitet für die Firma Otto Bock, die Weltmarktführer bei der Herstellung von Prothesen ist. Eine deutsche Firma, deren zwei Firmensitze in Wien Neubau und Wien Simmering zu den wichtigsten Forschungsstandorten des Unternehmens gehören. Die Abteilung, die Krepper leitet, fertigt die Muster an.

Ein typischer „Metaller“, wie man ihn sich vorstellt, ist Krepper nicht. Laut Definition aber schon. Der Kollektivvertrag, auf den sich Gewerkschaft und Arbeitgebervertreter am Freitag nach 17 Stunden Verhandlungen geeinigt haben, gilt auch für ihn. Die Gewerkschaft hat für die 120.000 Beschäftigten in der Maschinen- und Metallwarenindustrie (FMMI) Lohn- und Gehaltserhöhungen von bis zu 3,4 Prozent herausgeschlagen. Je nachdem, ob Mindest- oder Besserverdiener. Die Einigung kam überraschend. Denn was die Industrie eigentlich wollte, hat sie wieder nicht bekommen: Flexiblere Arbeitszeiten, mehr Arbeit für jüngere und weniger für ältere Beschäftigte, Regelungen auf Betriebsebene. Doch es sieht aus, als wollten die Unternehmervertreter einen Streik – die Gewerkschaft hatte diesen von Beginn an angedroht – unbedingt vermeiden. Die Arbeitszeitdebatte wurde in einen Arbeitskreis verlegt.


Die Mär vom Hochofen.
Der FMMI ist der größte von sechs Fachverbänden, deren 180.000 Beschäftigte als „die Metaller“ gelten. Geht es nach den Vertretern des Fachverbands, ist dieser Terminus Geschichte. Die Chefs der 1200 Betriebe des FMMI wollen nicht mehr mit Bergbau, Gießereien und Fahrzeugbauern in einen Topf geworfen werden. 55 Prozent der Betriebe im FMMI sind Maschinenbaufirmen. „Und trotzdem werden wir immer mit dem Hochofenklischee in Verbindung gebracht“, sagt Christian Knill, der während der Verhandlungen für die Unternehmer gesprochen hat. „Wir wollen nicht mehr Metaller genannt werden“, so Knill. Deshalb hat der FMMI heuer den Verhandlungsverband verlassen und damit die Gewerkschaft erzürnt. Die Lohnrunde in den anderen Fachverbänden läuft noch.

Karl Pappenscheller hat die Lohnrunde genau verfolgt. Auch er ist Metaller. Aber auch er hat mit dem Bild, das viele zu „dem Metaller“ im Kopf haben, wenig zu tun. Kein glühend heißes Stahl, das in den Ofen geschoben wird, kein Sprühfeuer und kein Schmutz. Pappenscheller ist Monteur bei KBA-Mödling. Das ist ein Standort der deutschen Koenig-&-Bauer-Gruppe, die Druckmaschinen produziert. In Österreich lässt KBA laut eigenen Angaben den Großteil der Druckmaschinen für Banknoten und Wertpapiere herstellen. „Wir sind Weltmarktführer“, sagt Pappenscheller stolz. Er hat schon seine Lehre in dem Werk gemacht. Heute bildet er selbst Lehrlinge aus. Die Maschine, die er gerade zusammenbaut, ist etwa dreieinhalb Meter hoch, zwölf Meter lang und 65 Tonnen schwer. Sie besteht aus über 18.000 Einzelteilen. Pappenscheller kennt sie alle. „Es gibt Einsermonteure, die alle Maschinen perfekt können. Ich bin ein Einsermonteur.“


Mehr Verantwortung. Pappenscheller arbeitet seit 1975 bei KBA Mödling. Zweimal im Jahr verbringt er für seine Firma mehrere Monate im Ausland. Er reist in die USA, nach Südafrika, nach Chile – wo immer es Notenbanken oder Staatsdruckereien gibt, die Geld oder Wertpapiere drucken. Dort baut er mit seinen Kollegen die Maschinen auf, bis sie laufen, und schult das Personal ein. Die Zahnräder im Inneren werden auf Tausendstelmillimeter genau eingestellt, alles muss passen. „Man muss sich sehr konzentrieren. Wenn ich einen Fehler mache, kann es sein, dass die ganze Maschine nicht funktioniert“, sagt Pappenscheller. Mit seiner Ausbildung und Erfahrung ist Pappenscheller eine Schlüsselkraft.

Pappenscheller verarbeitet, was die Bergbau- und Stahlindustrie herstellt. In dieser Branche sind rund 16.000 Mitarbeiter beschäftigt, die Fachgruppe in der Wirtschaftskammer hat 90 Mitgliedsbetriebe. Roman Stiftner vertritt sie. Der klassische Metallerberuf habe sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, sagt Stiftner. „Er ist viel technologielastiger geworden.“ Prozeduren, die früher im Mittelpunkt standen, seien längst Nebensache. „Heute sind die Nachbearbeitung und das Know-how das Entscheidende“, sagt Stiftner. Und echte Hochöfen gebe es in Österreich sowieso nur eine Handvoll. Peter Schleinbach von der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, sagt: „Heute muss man viel mehr wissen. EDV- und Sprachkenntnisse waren früher ziemlich egal, ohne diese geht es immer weniger. Die Verantwortung der Mitarbeiter hat zugenommen.“

Die Grenzen zwischen Arbeitern und Angestellten, sagt Schleinbach, seien heute wesentlich fließender. „Früher hat man auf den ersten Blick gewusst, was ein Arbeiter und was ein Angestellter ist. Aber diese klassische Arbeitsteilung, dass sich einer etwas überlegt und der andere es macht, die gibt es nicht mehr.“ Im Jahr 1980 waren in der Metallindustrie 251.000 Menschen beschäftigt, davon waren 70Prozent Arbeiter, der Rest Angestellte. 2011 gab es 166.000 Beschäftigte, davon waren nur noch 60 Prozent als Arbeiter eingestuft.

Auch Alfred Piller würde man im ersten Moment wohl eher als Arbeiter einordnen denn als Angestellten. Im blauen Mantel steht er in der Kunstschlosserei Zach in Wien Liesing. Den Familienbetrieb gibt es schon seit mehr als hundert Jahren. Und Piller, heute 57 Jahre alt, arbeitet schon seit 1974 hier. Er ist der längstdienende Mitarbeiter. Piller ist gelernter Kunstschlosser. Heute sagt man dazuMetallbautechniker.
Secession und Burggarten. Ende der 1980er-Jahre hat er die Kuppel der Wiener Secession mitrestauriert, auch im Geländer des Burggartens steckt seine Arbeit. Jetzt arbeitet Piller an einem Stiegengeländer für ein Gebäude der Bundesimmobiliengesellschaft. Er ist Metaller, aber nicht im engen Sinn, sondern einer von 200.000 Beschäftigten im Metallgewerbe. Vor Kurzem einigten sich Gewerkschaft und Arbeitgeber auf eine Lohn- und Gehaltserhöhung von bis zu 3,4 Prozent – in der ersten Runde und ohne Streikdrohungen.

Piller hat die Lohnverhandlungen nur am Rande mitverfolgt. Es gibt in der 25-Mann-Werkstatt keinen Betriebsrat. „Wir machen uns das mit dem Chef aus“, sagt Piller. Seit den 1980er-Jahren hat er einen Angestelltenvertrag. „Den habe ich mir ausgehandelt. Man hat etwas mehr Sicherheiten, und damals gab es auch noch mehr Gehalt. Aber heute ist das nur noch Optik.“ Zum Beispiel, wenn man auf der Bank nach einem Kredit fragt – „dann schaut es einfach besser aus, wenn technischer Angestellter auf der Visitenkarte steht“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)

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