Der Metaller von damals und heute

20.10.2012 | 18:03 |  von Jeannine Hierländer (Die Presse)

Am Freitag einigte sich die Metallergewerkschaft mit den Arbeitgebern der Maschinenbauer auf eine kräftige Lohnerhöhung. In der jährlichen Lohnrunde werden gernKlischees bedient. Viele davon sind veraltet.

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Sebastian Krepper trägt ein Poloshirt von Hugo Boss, seine Hände sind sauber, und an seinem Arbeitsplatz sprühen weder Funken noch lodert Feuer. Er verbringt viel Zeit an seinem Schreibtisch, im Computerraum und in Besprechungen. Oft sieht er auch in der Werkstatt nach dem Rechten, durch die Glaswand seines Büros hat er rund um die Uhr einen Blick darauf. Krepper arbeitet für die Firma Otto Bock, die Weltmarktführer bei der Herstellung von Prothesen ist. Eine deutsche Firma, deren zwei Firmensitze in Wien Neubau und Wien Simmering zu den wichtigsten Forschungsstandorten des Unternehmens gehören. Die Abteilung, die Krepper leitet, fertigt die Muster an.

Ein typischer „Metaller“, wie man ihn sich vorstellt, ist Krepper nicht. Laut Definition aber schon. Der Kollektivvertrag, auf den sich Gewerkschaft und Arbeitgebervertreter am Freitag nach 17 Stunden Verhandlungen geeinigt haben, gilt auch für ihn. Die Gewerkschaft hat für die 120.000 Beschäftigten in der Maschinen- und Metallwarenindustrie (FMMI) Lohn- und Gehaltserhöhungen von bis zu 3,4 Prozent herausgeschlagen. Je nachdem, ob Mindest- oder Besserverdiener. Die Einigung kam überraschend. Denn was die Industrie eigentlich wollte, hat sie wieder nicht bekommen: Flexiblere Arbeitszeiten, mehr Arbeit für jüngere und weniger für ältere Beschäftigte, Regelungen auf Betriebsebene. Doch es sieht aus, als wollten die Unternehmervertreter einen Streik – die Gewerkschaft hatte diesen von Beginn an angedroht – unbedingt vermeiden. Die Arbeitszeitdebatte wurde in einen Arbeitskreis verlegt.


Die Mär vom Hochofen.
Der FMMI ist der größte von sechs Fachverbänden, deren 180.000 Beschäftigte als „die Metaller“ gelten. Geht es nach den Vertretern des Fachverbands, ist dieser Terminus Geschichte. Die Chefs der 1200 Betriebe des FMMI wollen nicht mehr mit Bergbau, Gießereien und Fahrzeugbauern in einen Topf geworfen werden. 55 Prozent der Betriebe im FMMI sind Maschinenbaufirmen. „Und trotzdem werden wir immer mit dem Hochofenklischee in Verbindung gebracht“, sagt Christian Knill, der während der Verhandlungen für die Unternehmer gesprochen hat. „Wir wollen nicht mehr Metaller genannt werden“, so Knill. Deshalb hat der FMMI heuer den Verhandlungsverband verlassen und damit die Gewerkschaft erzürnt. Die Lohnrunde in den anderen Fachverbänden läuft noch.

Karl Pappenscheller hat die Lohnrunde genau verfolgt. Auch er ist Metaller. Aber auch er hat mit dem Bild, das viele zu „dem Metaller“ im Kopf haben, wenig zu tun. Kein glühend heißes Stahl, das in den Ofen geschoben wird, kein Sprühfeuer und kein Schmutz. Pappenscheller ist Monteur bei KBA-Mödling. Das ist ein Standort der deutschen Koenig-&-Bauer-Gruppe, die Druckmaschinen produziert. In Österreich lässt KBA laut eigenen Angaben den Großteil der Druckmaschinen für Banknoten und Wertpapiere herstellen. „Wir sind Weltmarktführer“, sagt Pappenscheller stolz. Er hat schon seine Lehre in dem Werk gemacht. Heute bildet er selbst Lehrlinge aus. Die Maschine, die er gerade zusammenbaut, ist etwa dreieinhalb Meter hoch, zwölf Meter lang und 65 Tonnen schwer. Sie besteht aus über 18.000 Einzelteilen. Pappenscheller kennt sie alle. „Es gibt Einsermonteure, die alle Maschinen perfekt können. Ich bin ein Einsermonteur.“


Mehr Verantwortung. Pappenscheller arbeitet seit 1975 bei KBA Mödling. Zweimal im Jahr verbringt er für seine Firma mehrere Monate im Ausland. Er reist in die USA, nach Südafrika, nach Chile – wo immer es Notenbanken oder Staatsdruckereien gibt, die Geld oder Wertpapiere drucken. Dort baut er mit seinen Kollegen die Maschinen auf, bis sie laufen, und schult das Personal ein. Die Zahnräder im Inneren werden auf Tausendstelmillimeter genau eingestellt, alles muss passen. „Man muss sich sehr konzentrieren. Wenn ich einen Fehler mache, kann es sein, dass die ganze Maschine nicht funktioniert“, sagt Pappenscheller. Mit seiner Ausbildung und Erfahrung ist Pappenscheller eine Schlüsselkraft.

Pappenscheller verarbeitet, was die Bergbau- und Stahlindustrie herstellt. In dieser Branche sind rund 16.000 Mitarbeiter beschäftigt, die Fachgruppe in der Wirtschaftskammer hat 90 Mitgliedsbetriebe. Roman Stiftner vertritt sie. Der klassische Metallerberuf habe sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, sagt Stiftner. „Er ist viel technologielastiger geworden.“ Prozeduren, die früher im Mittelpunkt standen, seien längst Nebensache. „Heute sind die Nachbearbeitung und das Know-how das Entscheidende“, sagt Stiftner. Und echte Hochöfen gebe es in Österreich sowieso nur eine Handvoll. Peter Schleinbach von der Produktionsgewerkschaft Pro-Ge, sagt: „Heute muss man viel mehr wissen. EDV- und Sprachkenntnisse waren früher ziemlich egal, ohne diese geht es immer weniger. Die Verantwortung der Mitarbeiter hat zugenommen.“

Die Grenzen zwischen Arbeitern und Angestellten, sagt Schleinbach, seien heute wesentlich fließender. „Früher hat man auf den ersten Blick gewusst, was ein Arbeiter und was ein Angestellter ist. Aber diese klassische Arbeitsteilung, dass sich einer etwas überlegt und der andere es macht, die gibt es nicht mehr.“ Im Jahr 1980 waren in der Metallindustrie 251.000 Menschen beschäftigt, davon waren 70Prozent Arbeiter, der Rest Angestellte. 2011 gab es 166.000 Beschäftigte, davon waren nur noch 60 Prozent als Arbeiter eingestuft.

Auch Alfred Piller würde man im ersten Moment wohl eher als Arbeiter einordnen denn als Angestellten. Im blauen Mantel steht er in der Kunstschlosserei Zach in Wien Liesing. Den Familienbetrieb gibt es schon seit mehr als hundert Jahren. Und Piller, heute 57 Jahre alt, arbeitet schon seit 1974 hier. Er ist der längstdienende Mitarbeiter. Piller ist gelernter Kunstschlosser. Heute sagt man dazuMetallbautechniker.
Secession und Burggarten. Ende der 1980er-Jahre hat er die Kuppel der Wiener Secession mitrestauriert, auch im Geländer des Burggartens steckt seine Arbeit. Jetzt arbeitet Piller an einem Stiegengeländer für ein Gebäude der Bundesimmobiliengesellschaft. Er ist Metaller, aber nicht im engen Sinn, sondern einer von 200.000 Beschäftigten im Metallgewerbe. Vor Kurzem einigten sich Gewerkschaft und Arbeitgeber auf eine Lohn- und Gehaltserhöhung von bis zu 3,4 Prozent – in der ersten Runde und ohne Streikdrohungen.

Piller hat die Lohnverhandlungen nur am Rande mitverfolgt. Es gibt in der 25-Mann-Werkstatt keinen Betriebsrat. „Wir machen uns das mit dem Chef aus“, sagt Piller. Seit den 1980er-Jahren hat er einen Angestelltenvertrag. „Den habe ich mir ausgehandelt. Man hat etwas mehr Sicherheiten, und damals gab es auch noch mehr Gehalt. Aber heute ist das nur noch Optik.“ Zum Beispiel, wenn man auf der Bank nach einem Kredit fragt – „dann schaut es einfach besser aus, wenn technischer Angestellter auf der Visitenkarte steht“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2012)

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20 Kommentare

öffentliche Bedienstete bekommen null Erhöhung des Bezugs für 2013

Danke, liebe Bundesregierung und Landesregierungen

Re: öffentliche Bedienstete bekommen null Erhöhung des Bezugs für 2013

Das trifft zu, und das geht schon seit Jahren so: Als „Dank“ müssen sich die Staatsdiener (Lehrer, Exekutive, Krankenschwestern/Pfleger, Müllabfuhr, Spitalsärzte ... ) von der uninformierten Neidgesellschaft als "Privilegierte" diffamieren lassen. Es ist am einfachsten und populär, (notwendiges) öffentliches Sparen ausschließlich durch Lohnkürzung der Staatsdiener zu bewerkstelligen. Diese Unausgewogenheit muss zu Spannungen führen, denn das ist eine Ungerechtigkeit sondergleichen. Man vergleiche: Keine Berufsgruppe hat in den letzten Jahren mehr Reallohnverzicht geübt. Erwartet die Öffentlichkeit wirklich, dass damit die gleiche Leistung erhalten wird?
Unverständlich, dass die GÖD (sehr hohe Mitgliedsbeiträge) nicht in der Öffentlichkeit die beträchtlichen Benachteiligungen der Staatsdiener bewusst macht: Von wegen „Berufsschutz“als Privileg: Es gibt kaum mehr Pragmatiserungen, die Nulllohnrunden-Politik trifft Vertragsbediensteten genauso. Wegen des brisanten Disziplinarrechts (bei Fehlleistung: Verlust aller Rechte!) ist selbst dieses vermeintliche Privileg sehr zu relativieren, aber gut genug, um es als Rechtfertigung für Schandlöhne zu instrumentalisieren. Staatsbedienstete gehaltsmäßig zu diskriminieren ist NICHT Verwaltungsreform!


Antworten Gast: Gerstel
21.10.2012 14:31
2

Re: öffentliche Bedienstete bekommen null Erhöhung des Bezugs für 2013


auch das ist noch zu viel.

Eine 50-prozentige Kürzung zur Nivellierung an ASVG-Einkommen wäre angebracht.

Re: Re: öffentliche Bedienstete bekommen null Erhöhung des Bezugs für 2013

Unter den Öffentlich Bediensteten ist der Anteil der ASVGler längst größer als der von "Pragmatisierten".

Letztere sind keineswegs privilegiert; wie erklären Sie es sich sonst, dass zunehmend viele die Pragmatisierung ablehnen, sodass man der Tendenz zu Entpragmatisierung (z.B. bei Lehrerinnen) einen Riegel vorschieben musste? Denn ASVG ist teurer: Abfertigungen, Frauen treten um 5 Jahre früher Ruhestand an als Beamte, keine Selbstbehalte, kein Pensionsbeitrag auch im Ruhestand bis zum Tod wie bei Beamten etc.

Ihre neiderfüllte Forderung „Beamten auf ASVG-Niveau um 50 Prozent SENKEN!“ ist also Produkt einer mangelnden Recherche. Viele Beamte wären froh, wenn sie auf „ASVG-Niveau wären!. Also schreiben Sie nie mehr so einen primitiven Blödsinn!


Gast: Willkommen in der Realität
21.10.2012 12:31
2

"bis zu 3,4%" ...

bedeutet eine Reallohnsenkung.

Inflationsrate im Euroraum: 3,5%
Tatsächliche Inflation ohne "hedonistische Berechnung" und andere Tricks: 5-5,5%
Produktivitätsgewinn 2%

Ein "guter" Lohnabschluss wäre bei 5-6% gelegen.

Vor einiger Zeit war ein Artikel in der Presse, nachdem die Realeinkommen seit der EUR Einführung um 1/3 gesunken sind. Dieser "kräftige" Lohnzuwachs liefert die Erklärung, warum das so ist.


Re: "bis zu 3,4%" ...

Das ist gewiss richtig, und gehört noch ergänzt: 3,4 Prozent Bruttolohnerhöhung bedeutet nicht 3,4 Prozent mehr am Lohnzettel, sondern immer deutlich weniger. Denn: Durch die Progressionswirkung („kalte Progression“: Stufen werden nicht angepasst) landen erhöhte Bruttolohnanteile stets in der jeweils höchsten Progressionsstufe, mindern die de facto lukrierbare Erhöhung - während die Inflation real und ungemindert wirksam wird.

Nur: Was sage man dann erst recht zu den wiederholten Nulllohnrunden bei den Öffentlich Bediensteten. Man erstelle einen Langzeitvergleich mit den sonstigen Berufsgruppen, um zu ersehen, welchen vor allem relativen Kaufkraftverlust diese Gruppe seit Jahren hinnehmen muss: Mehrere Nulllohnrunden (auch nächstes Jahr), davor „Erhöhungen“ von 0,9 und 0,85 Prozent, dazu Beitragserhöhungen (Z.B. Neueinführung des Pensionssicherungsbeitrages bis zum Tod) bei unverändertem Weiterbestand aller spezifischen Nachteile.

Gast: Metaller
21.10.2012 09:43
4

Schlechter Witz

3,4% Lohnerhöhung bei einer realen Teuerung, (nicht Inflation denn die ist in Wahrheit die Aufblähung der Geldmenge, die steigenden Preise sind die Folge davon und nicht die Folge der Lohnerhöhung) von mindestens 8% sind eine Verhöhnung der Arbeitnehmer. Seit Verzetnitsch das gesamte Geld der Gewerkschaft zu seinen trilateralen Freunden verschoben hat kann man diesen Verein komplett vergessen und die EU samt € geben und den Rest. Demnächst werden wir auch den “ Kitt aus dem Fenster fressen“ in diesen Sinne Mahlzeit.

Gast: bald rian
21.10.2012 09:40
3

?

Was heisst da "kräftiger" Lohnabschluss. Wenn man die (ohnehin getürkte) Inflation (auch "Griechensteuer" genannt) abzieht -- was bleibt da noch über? Augenauswischerei!

Antworten Gast: matt03
21.10.2012 10:25
0

Re: ?

Na was haben sie denn geglaubt wer das alles bezahlen wird?

Lohnerhöhung

wenn ich von den Lohnabschlüssen lese kommt mir immer das Henne/Ei-Prinzip in den Sinn.

war zuerst die Teuerung und dann kam die Gehaltserhöhung (damit wir uns alles nach wie vor Leisten können) oder kam die Gehaltserhöhung und daher wurde alles teurer...

Spannende Frage wie ich denke!

Vielleicht kann mir ja jemand einen Tipp geben wie es wohl wirklich ist.

Danke, ein Angestellter dessen Chef meint ich bekomme mehr als den Kollektiv und daher muss ich keine Istlohnanpassung erhalten.


Gast: Johan Meltini
20.10.2012 21:45
0

kräftig - ein neuer Euphemismus

man sollte sich das merken: 3,4 % kann man als kräftig bezeichnen. Das nächste Mal, bei Teuerung, Anhebung wegen Rohstoffpreise, Mieten usw.

Re: kräftig - ein neuer Euphemismus

viele Berufsgruppen (Ärzte, Krankenschwestern, Lehrer, Polizisten etc,) bekommen 2013 gar keine Erhöhung. Also, ned raunzn!

Gast: Pepigramler
20.10.2012 19:18
5

Geht in Ordnung!

Aber alle andern, die Arbeiten gehen. ihre Leistung bringen ob Maler Bäcker Beamte etc. die wollen auch diese kräftige Lohnerhöhung.
Wir müssen alle unsere Zahlungen leisten.
Die Gehaltserhöhungen sollen für alle die Arbeiten gehen gleich ausfallen. Eine Gewerkschaft würde genügen für alle. Dann würden auch anstatt 1% Gewerkschaftsbeitrag 0,3% auch das gleiche Wert sein. Der nicht bei der Gewerkschaft ist frist genauso vom Kuchen mit. Ohne das er etwas dazu beiträgt. Der bekommt auch die Erhöhung. Egal wie die ausfällt.

Antworten Gast: AlterKämpfer
20.10.2012 22:06
0

Re: "Frist" (sic!)

Wer zahlt eigentlich die Erhöhungen?
Und warum gibt es in schlechten jahren keine Lohnkürzungen?

Re: Re: "Frist"

Es gibt auch Lohnkürzungen oder sind Nullohnrunden keine Lohnkürzungen ?

Antworten Gast: Popschi
20.10.2012 19:49
4

Re: nix geht in Ordnung!


Beamte gehen nicht arbeiten, sondern zum Anwesendheitsdienst.

Deren Einkommen gehören halbiert.

Antworten Antworten Gast: Johann S
21.10.2012 15:10
3

Re: Re: nix geht in Ordnung!

Pauschalurteile sind niemals sachlich.

Richtig: Anwesenheitsdienst ohne "d"

Re: Re: nix geht in Ordnung!

auch Turnusärzte, die ohnedies schlecht entlohnt werden, fallen heuer durch den Rost -ua... wollen Sie von wenig motivierten Ärzten und Schwestern behandelt werden?

außerdem sind Beamte nicht Schuld an der Misere!

Re: Re: nix geht in Ordnung!

Beamtenhasser, ätsch !!!!

Gast: Lachender
20.10.2012 19:07
8

"kräftige Lohnerhöhung"


der ist gut!

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