Es ist jedes Mal spannend: Vier Mal im Jahr treten die beiden österreichischen Wirtschaftsforschungsinstitute Wifo und IHS gemeinsam vor die Presse, um ihre Konjunkturprognosen zu präsentieren. Die Zahlen versuchen Entwicklungen vorherzusagen – und beeinflussen diese mit. Denn Politiker, Unternehmer und Sozialpartner stimmen Budgets, Investitionsentscheidungen und Lohnforderungen auf die Prognosen ab.
Dabei ist längst bekannt, dass Wirtschaftsprognosen ungenau sind. Besonders im Angesicht dramatischer Umschwünge wird versagt. Das Ausmaß von Boom und Rezession wird ständig unterschätzt, zu dem Schluss kommt nicht nur eine Evaluierung der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) aus dem Jahr 2007. Es zeigte sich auch, dass Prognosen der verschiedenen Institutionen (auch international) stärker untereinander korrelieren als mit dem tatsächlich erreichten Wachstum.
Krise unterschätzt. Die Ökonomen seien sich dieser Problematik bewusst, sagt Marcus Scheiblecker, der die kurzfristigen Prognosen beim Wifo koordiniert. Vor allem die letzte Wirtschaftskrise hat das gezeigt: „Niemand hat damals mit einem Abschwung in diesem Ausmaß gerechnet.“ Österreichs Wirtschaft war im Jahr 2009 um 3,8 Prozent geschrumpft. Noch im Dezember 2008 waren Wifo und IHS von einem BIP-Rückgang von nur 0,5 bzw. 0,1 Prozent ausgegangen.
Das Wifo setzt bei seinen kurzfristigen Prognosen auf die Einschätzungen seiner Experten. Das sei ein international üblicher Ansatz, sagt Scheiblecker. Bevor sich die Wifo-Experten ans Prognostizieren machen, einigen sie sich auf das wirtschaftliche Umfeld, das ihren Vorhersagen zugrunde gelegt wird. Es geht hier zum Beispiel um den Euro-Dollar-Wechselkurs, den Erdölpreis und Wirtschaftsprognosen für die USA, Deutschland und andere wichtige Handelspartner. Diese Daten bestimmen zu einem großen Teil die österreichische Konjunktur – Exporte entsprechen mehr als der Hälfte der Wirschaftsleistung – und werden größtenteils von internationalen Institutionen übernommen.
Danach werden von den Experten Prognosen für elf wichtige Bereiche erstellt. Darunter befinden sich neben Preisniveau, Finanz- und Arbeitsmärkten auch die Entwicklungen im Tourismus, der Industrie und des Staatssektors. Die Experten sind dabei nicht verpflichtet, ein explizites Modell zugrunde zu legen, so Scheiblecker. Ob sie auf mit Erfahrung und Wissen angereichertes Bauchgefühl oder Modelle setzen, steht ihnen frei.
Die Schätzungen der einzelnen Ökonomen werden dann zusammengeführt und um Unstimmigkeiten bereinigt. Hier würden die „Sturen“ unter seinen Kollegen am ehesten ihre Meinung durchsetzen, wie Scheiblecker sagt. Bevor die Prognose veröffentlicht wird, wird sie noch einem wirtschaftspolitischen Kreis aus Ministerien und Sozialpartnern vorgelegt. Die Vorhersage wird dann an etwaig geplante politische Eingriffe angepasst.
Ökonomen sind keine Hellseher. Die Prognosen müssen sich immer an Daten aus der Vergangenheit orientieren, woraus sich Wachstumstrends ableiten lassen. Dabei ist problematisch, dass sich Konjunkturumschwünge erst relativ spät in den Trends niederschlagen. So lässt sich auch das Versagen in der Krise erklären. An einem möglichen Lösungsansatz arbeitet der Internetgigant Google. Seit 2009 beschäftigt der US-Konzern Hal Varian als Chefökonomen. Varian ist Professor an der renommierten Universität Berkeley und führt eine Reihe von Forschern an, die aus aktuellen Suchanfragen die Brüche in den Trends frühzeitig erkennen wollen. Damit könnten sich Prognosen zukünftig verbessern. In bisherigen Untersuchungen hat sich gezeigt, dass man anhand von Suchanfragen, zum Beispiel nach Stellenangeboten, regionale ökonomische Entwicklungen (z. B. am Arbeitsmarkt) in Echtzeit verfolgen kann.
Gerade dem IHS würde so ein Durchbruch helfen. Es verlässt sich bei seinen Prognosen weniger auf Experten und mehr auf Modelle. Für die kurzfristige Prognose wird eine Mischform aus Expertenprognose und diversen Modellen verwendet, erklärt IHS-Ökonom Helmut Hofer. Dabei wird – im Gegensatz zum Wifo – auf Feedback der Politik verzichtet. Er betont, dass es aufgrund der starken Handelsverflechtungen „relativ einfach“ sei, Prognosen für Österreich zu erstellen.
Die mittelfristige Prognose ergibt sich aus dem errechneten Wachstumstrend. Dieser wird als Durchschnittswert für die nächsten fünf Jahre angenommen und mit den Zahlen aus der kurzfristigen Prognose verglichen. Daraus ergibt sich dann, wie viel die Wirtschaft im dritten, vierten und fünften Jahr noch aufholen muss. Wenn also in der kurzfristigen Prognose ein Wachstum vorhergesagt wird, das unter dem Trend liegt, muss dieser Logik nach in den drei Jahren darauf ein Boom folgen, damit der erwartete Durchschnitt erreicht wird.
Im internationalen Vergleich haben Wifo und IHS den Vorteil, dass sie geringe Vorlaufzeiten für Prognosen haben. Bei der kurzfristigen Prognose des Wifo vergehen zwischen der ersten Sitzung und der Pressekonferenz zwei Wochen. In internationalen Organisationen wie dem Internationalen Währungsfonds (IWF) kann dieser Prozess Monate dauern – da geht es allerdings auch um die Weltwirtschaft.
Pionier der Konjunkturprognose. 1963 veröffentlichte das Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) seine erste Konjunkturprognose. Neun Jahre später folgte das Institut für Höhere Studien (IHS).
Tradition. Mittlerweile präsentieren beide Institute ihre Prognosen vier Mal im Jahr.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2012)
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