Sölden. Gut gemeint ist meist das Gegenteil von gut. Das bestätigte sich auch am Wochenende in Sölden in Tirol. Jedes Jahr beginnt dort der Skiweltcup. Und traditionell geben sich nicht nur die Ski-, sondern auch die Tourismusprofis ein Stelldichein. Hier auf dem Gletscher sollen erste Winterimpressionen vermittelt werden. Dass diese diesmal ausgesprochen „authentisch“ ausfallen, war mehr als gut gemeint: Der heftige Schneefall stellte die Organisatoren der Skirennen vor große Probleme. Während eine Hundertschaft den Neuschnee aus der Piste karrte, pries Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner (ÖVP) die „komfortable Situation“ im heimischen Tourismus.
2011 verzeichneten Österreichs Tourismusbetriebe mit 126 Millionen Nächtigungen ein Rekordergebnis. Der Sommer war ebenfalls fulminant. Vor allem Österreicher machten vermehrt Urlaub in Österreich. Der Anteil des Heimaturlaubs stieg um 2,4 Prozentpunkte. Gründe sind die schwierigen wirtschaftlichen und politischen Situationen in Südeuropa und Ägypten. Der Tourismus steuert 7,1 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und präsentiert sich in Zeiten der Wirtschaftskrise als Fels in der Brandung.
Städtetourismus sei Dank
Doch die schönen Zahlen und Statistiken sind kein Grund „zur selbstzufriedenen Tatenlosigkeit“, sagt Mitterlehner. Denn die Rekordergebnisse sind einzig und allein dem boomenden Städtetourismus zu verdanken. Zieht man die enormen Zuwachsraten von Wien ab, so stagniert der Tourismus in Österreich – bestenfalls. Allerdings auf sehr hohem Niveau.
Im klassischen Sommer- und Wintertourismus gibt es kein Wachstum mehr. Trotz steigender Nächtigungszahlen stagnieren die Umsätze seit Jahren. In diesem Winter, so betont Mitterlehner, erwarte das Wirtschaftsforschungsinstitut endlich auch wieder ein Umsatzplus.
Und wenn hierzulande von Wintertourismus die Rede ist, dann ist der alpine Skilauf gemeint. Auch wenn diverse Trendforscher diesen seit Jahren zu Grabe tragen: „70 Prozent der Touristen machen in Österreich Winterurlaub, um Ski zu fahren“, sagt Österreich-Werbung-Chefin Petra Stolba. Und die Wintergäste seien mit dem Angebot äußerst zufrieden. „90 Prozent der Gäste geben an, Winterurlaub in Österreich ganz sicher oder sicher weiterzuempfehlen“, sagt Stolba. Sie kommen gern, aber sie bleiben kürzer. Blieb der Gast im Jahr 2008 noch im Schnitt 3,9 Tage, so verbrachte er 2011 noch 3,6 Tage im winterlichen Österreich. Billige Fernreisen im Winter sind längst zur ernst zu nehmenden Konkurrenz geworden. Der Wintertourismus in Österreich gilt als Globalisierungsverlierer.
Russen und Briten
Aber nicht überall. Gerade das Tiroler Ötztal mit den Tourismusorten Sölden und Obergurgl-Hochgurgl weist den Weg in die Zukunft. „Internationalisierung“, lautet die Devise. Der österreichische Gast war von jeher aufgrund der Abgeschiedenheit nicht so wichtig wie in anderen Regionen. In Sölden ist Russland bereits der drittwichtigste Herkunftsmarkt. Obergurgl hat traditionellerweise viele britische Gäste. Kein Wunder, dass Sölden seit einigen Jahren das US-Skiteam sponsert. Mit Bode Miller, Ted Ligety und Co. will man hier international punkten. Sehr zum Missfallen von ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel, der es lieber gesehen hätte, wenn seine Schützlinge finanziell unterstützt würden.
Dass der kommende Winter für den Tourismus gut ausgehen wird, davon sind Mitterlehner und Stolba überzeugt. Nicht nur, weil die Ski-Weltmeisterschaft im kommenden Februar in Schladming für weltweite Publicity und mehr Buchungen sorgen wird. Auch, weil die Feiertage einfach gut fallen: Es gibt weniger Überschneidungen mit Ferien in Deutschland und Holland als zuletzt, und die Osterferien sind 2013 bereits im März. Mitterlehner ist deshalb vorsichtig optimistisch wie seine Wortwahl zeigt. „Die Voraussetzungen sind relativ sehr gut“, sagt er im Stile eines Skirennläufers. [APA]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.10.2012)
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