Wien/jil. Spätestens seit das deutsche Magazin „WirtschaftsWoche“ die relativ gute wirtschaftliche Lage Österreichs zum Coverthema gemacht hat, scheint festzustehen: Österreich kann auch während der Schulden- und Finanzkrise seinen Status als „Insel der Seligen“ verteidigen. Zumindest bisher.
Neue Daten von Wirtschaftskammer und Oesterreichischer Nationalbank (OeNB) untermauern diese Annahme. Die Unternehmen der Alpenrepublik hätten demnach im Gegensatz zu europäischen Mitbewerbern kaum Probleme, an Kredite zu kommen. Im Gegenteil: Nie zuvor waren die Zinsen für Unternehmenskredite so niedrig wie heute (siehe Grafik). Zudem seien heimische Unternehmen mit ihren Banken großteils zufrieden. Von Kreditklemme keine Spur.
Wachstum bei Firmenanleihen
Nach einem starken Einbruch der Kreditvergabe im Zuge der Krise in den Jahren 2008 und 2009 ist seitdem eine deutliche Erholung zu erkennen. Im Euroraum hielt diese Erholung aber nur kurzfristig an. Seit dem Aufflammen der Schuldenkrise im Oktober 2011 ist die Kreditvergabe wieder eingebrochen. „Wir sehen eine deutlich bessere Entwicklung der Kredite in Österreich als im Euroraum“, sagte OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny am Montag. Während die Unternehmenskredite im Euroraum seit Beginn 2010 bis August 2012 um 0,8 Prozent gesunken sind, ist in Österreich ein Anstieg um 3,4 Prozent zu beobachten.
Nowotny erwartet auch einen weiteren Sinkflug der variablen Zinssätze. Getrieben wird die Kreditvergabe zusätzlich durch die Leitzinsen der Europäischen Zentralbank, die sich ebenfalls auf einem historischen Tiefstand befinden. Für Unternehmen ergibt das ein Risiko: Zieht die Wirtschaftslage an und steigen die Leitzinsen, so können die Banken nach einer gewissen Zeit auch die Zinssätze variabel verzinster Kredite anheben. Dies könnte ein Grund dafür sein, dass die Beliebtheit von Unternehmensanleihen wächst, bei denen die Banken als Vermittler dienen, das Kreditrisiko aber nicht in die Bücher nehmen. Ein steigendes Inflationsrisiko durch die rege Kreditvergabe vermag Nowotny jedenfalls nicht zu erkennen.
Laut einer neuen Umfrage der Wirtschaftskammer (WKÖ) sind die heimischen Unternehmen mit ihren Banken derzeit sehr zufrieden – was auch an der problemlosen Geldversorgung liege. „Eine Kreditklemme gibt es Gott sei dank in Österreich nicht“, sagte Kammer-Präsident Christoph Leitl.
86 Prozent der von der WKÖ im Rahmen ihres „Bankenbarometers“ befragten Betriebe geben an, keine Probleme beim Zugang zu Krediten zu haben. „Für Banken-Bashing gibt es keinen Grund. Die Banken leisten in Österreich ordentliche Arbeit“, so Leitl. Die Institute würden allerdings bei der Kreditvergabe wieder verstärkt Sicherheiten verlangen.
Leitl will Mittelstand unterstützen
Leitl und Nowotny betonten die Bedeutung der Klein- und Mittelbetriebe in Österreich (KMU). Der Wirtschaftskammer-Chef wünscht sich die Wiederbelebung der Idee einer Mittelstandsfinanzierungsgesellschaft. Durch den Einsatz von Garantien und Haftungen (insbesondere auch auf EU-Ebene) könnte der Zugang zu Krediten erleichtert werden. Mit fünf Mrd. Euro könnten durch eine Hebelwirkung von eins zu zehn EU-weit KMU-Kredite von 50 Mrd. Euro aktiviert werden, rechnete der Kammer-Präsident vor.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.10.2012)

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