Gewerkschaft droht Magna: „Streik ist Thema“

Magna will seine Unternehmensstruktur in Österreich verändern, um den Metallerkollektivvertrag umgehen zu können. Betroffen ist hauptsächlich das Puch-Werk in Graz. Ein Lokalaugenschein in Thondorf.

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Gewerkschaft droht Magna
Gewerkschaft droht Magna – (c) APA/MARKUS LEODOLTER (MARKUS LEODOLTER)

Graz. Neben dem Tor LH, einem der Eingänge des Magna-Werks in Graz-Thondorf, steht immer noch das Steyr-Puch-Emblem. Einst drehte es sich auf dem Dach des Puch-Hochhauses. Es ist Relikt aus einer Zeit, in welcher in Graz Haflinger und Pinzgauer vom Band liefen. Hilde Tragler könnte man ebenso als Puch-Urgestein bezeichnen. Seit 1985 arbeitet sie hier. Es war eine Zeit, in der den Arbeitern hohe Wertschätzung entgegengebracht worden ist. „Da hat sich die Geschäftsführung für unsere Leistungen noch bedankt“, sagt die Betriebsrätin im Gespräch mit der „Presse“.

„Heute geht es nur mehr um geringere Löhne oder flexiblere Arbeitszeiten. Aber was heißt flexiblere Arbeitszeiten“, fragt Tragler, um im nächsten Atemzug selbst zu antworten. „Wir sollen für weniger Geld länger arbeiten, immer mehr Arbeit mit weniger Personal bewältigen.“

Jetzt sei die Stimmung in der Belegschaft fürchterlich: Magna-Europa-Chef Günther Apfalter hat gedroht, die Produktion in Richtung Osteuropa abzuziehen. Außerdem wurden Umstrukturierungspläne bekannt: Einige Bereiche von Magna sollen ausgegliedert werden, um den Metallerkollektivvertrag zu umgehen. „Alle haben wir Angst um unseren Job“, sagt Tragler.

 

2000 Mitarbeiter zittern

Bis zu 2000 Mitarbeiter sind von Magnas geplantem Ausstieg aus dem Metaller-Kollektivvertrag betroffen. Laut einem Bericht des „Standard“ sollen für die Bereiche Services und Engineering neue Gesellschaften gegründet werden. Für diese würden die günstigeren Gewerbe- und Handelskollektivverträge gelten. Für die Mitarbeiter könnte das eine Erhöhung der Arbeitszeit sowie Einbußen bei Zuschlägen bedeuten.

Auf Nachfrage der „Presse“ sagte Magna-Konzernsprecherin Lea Treese: „Magna Steyr führt aktuell konstruktive Verhandlungen mit dem Betriebsrat zu einer möglichen Umstrukturierung der Magna Steyr Fahrzeugtechnik AG & Co. KG. Solange Gespräche laufen, wäre es verfrüht, diese zu kommentieren.“ Von Gesprächen hat Betriebsrätin Tragler wenig mitbekommen. Das meiste erfahre sie aus den Medien. „Wenn man Informationen bekommt, ist eh schon alles gelaufen.“

Halb zwei Uhr nachmittags: Das Drehkreuz beim Tor LH bewegt sich in höherer Frequenz. Der Schichtwechsel steht bevor. Die meisten Mitarbeiter wollen nichts zur Stimmung im Puch-Werk sagen. Jene, die das doch tun wollen, möchten ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. „Der Wechsel in den anderen Kollektivvertrag wird nur auf dem Rücken der Arbeiter ausgetragen, wir müssen das halt fressen, damit der Konzern ein paar Millionen mehr verdient.“

Die Zahlen für das dritte Quartal hat Magna International am Donnerstag präsentiert. Eintausendundzweiundachtzig Millionen Euro hat der Konzern weltweit in diesem Jahr als Gewinn eingefahren. In Graz allerdings sind die Produktionszahlen im dritten Quartal im Vergleich zum Vorjahr um neun Prozent auf 29.153 Fahrzeuge zurückgegangen, der Umsatz ist um zehn Prozent gesunken.

 

Schwierige Auftragslage

Mit der Auftragslage steht es nicht zum Besten. Die Produktion des Aston Martin Rapide ist heuer ausgelaufen; ein sicher geglaubter Auftrag der japanischen Nobelmarke Infiniti wurde nach England vergeben. Derzeit werden im Puchwerk der Mercedes G, der Mini Countryman sowie der Peugeot RCZ gefertigt.

Vor dem Tor LH sprechen ein paar Mitarbeiter von Streik, sollte die Magna-Führung die geplanten Umstrukturierungen durchziehen. Die Gewerkschaft hat der Magna-Belegschaft Unterstützung zugesichert. Gegen Kollektivvertragsflucht werde man gerichtlich vorgehen, wenn notwendig bis zum Europäischen Gerichtshof. „Wenn Arbeitsbedingungen nicht passen, dann ist Streik immer ein Thema“, sagt Karl Proyer, der Vizevorsitzende der GPA-djp, im Gespräch mit der „Presse“.

Der Schichtwechsel ist fast beendet. Einer der letzten Arbeiter, der durch das Drehkreuz geht, merkt an, es sei zu verstehen, dass ein Unternehmen gut wirtschaften möchte. „Aber die Manager müssen auch uns verstehen. Wir leisten gute Arbeit. Mit unserem Gehalt müssen wir unser Leben bestreiten. Und das wird für uns immer schwieriger.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.11.2012)

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