Kredit ohne Bank: „Nachfrage enorm“

13.11.2012 | 17:43 |  von Eva Steindorfer (Die Presse)

Nicht nur der Waldviertler Schuherzeuger Heini Staudinger kämpft mit der österreichische Finanzmarktaufsicht (FMA). Diese ermittelt in 39 Fällen. Betroffen sind die Solarbranche, NGOs und Biobauern.

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Wien. „David gegen Goliath, das kommt gut an bei den Leuten“, sagt eine Journalistin fast entschuldigend in Richtung FMA-Chef Helmut Ettl. Schließlich kommt es nicht alle Tage vor, dass die österreichische Finanzmarktaufsicht sich genötigt sieht, wegen eines eher unbedeutenden mittelständischen Unternehmens eine Pressekonferenz einzuberufen. Der Grund: Heini Staudinger, streitbarer Schuhproduzent aus dem Waldviertel und Eigentümer der Firma GEA, weigert sich seit Wochen medienwirksam, auf die Forderung der FMA einzugehen, entweder seinen Privatanlegern drei Mio. Euro zurückzuzahlen oder sich eine legale Alternative für sein Bürgerbeteiligungsmodell zu suchen. Staudinger blüht in letzter Konsequenz eine Gefängnisstrafe, wenn er sich, wie angekündigt, weigert, von der FMA auferlegte Strafzahlungen zu berappen.

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Nur die Spitze des Eisberges

Die Angelegenheit wäre für die FMA weniger brisant, wenn es sich bei Staudinger tatsächlich um einen Einzelfall handeln würde. Doch dieser ist nur die Spitze des Eisberges. In 39 ähnlichen Fällen ermittle die FMA derzeit in Sachen „illegale Bankgeschäfte“, sagt Ettl. Und das seien nur jene, die angezeigt wurden. Eine „Presse“-Recherche zeigt: Drei Branchen sind besonders betroffen: die Solarbranche, gemeinnützige Organisationen (NGOs) und Biobauern.

Hans Kronberger vom „Photovoltaik Austria Bundesverband“ bestätigt, dass das Modell der Bürgerbeteiligung in der Solarbranche gern praktiziert wird: „Die Materie ist noch relativ jung, aber die Nachfrage ist enorm.“ In Deutschland gebe es mit dem Genossenschaftsmodell eine legale Alternative. In Österreich bewege man sich derzeit mit fast allen Modellen im rechtlichen Graubereich: „Das Genossenschaftsmodell ist bei uns kompliziert und rechtlich nicht abgesichert.“ Die Finanzierung über Anleihen sei wiederum wegen der Prospektpflicht sehr kostspielig.

Ähnlich sieht das auch Norbert Miesenberger, Geschäftsführer der Helios Sonnenstrom GmbH. Seit Juni ermittelt die FMA gegen seine Firma: „Darlehensgeber beteiligen sich bei uns mit minimal 500 Euro für einen Sonnenbaustein, der einem ganz konkreten Dach zugeordnet ist. Unserer Meinung nach ist das kein Einlagenmodell. Das Geld verschwindet nicht irgendwo in der Firma, sondern wird transparent investiert.“ Auch Miesenberger sieht das Problem der rechtlichen Grauzone: „Deshalb haben wir unser Modell auch mit einem Anwalt entwickelt.“

Bei der NGO „Jugend eine Welt“ ist man indes erleichtert. Man habe sich mit der FMA auf das legale Finanzierungsmodell „Nachrangdarlehen“ geeinigt, hieß es am Montag. Damit haben private Anleger im Falle eines Konkurses im Vergleich zu anderen Gläubigern einen nachrangigen Anspruch auf die Konkursmasse. Mit dieser Lösung wird allerdings gerade jener Schutz der Privatanleger aufgeweicht, den die FMA als wesentliches Argument im Kampf gegen die bankenlose Unternehmensfinanzierung anführt.

Auch Biobauer Günther Achleitner hat bereits mit der FMA Bekanntschaft gemacht. Er finanzierte die Weiterentwicklung seiner „Biokiste“ mit Bürgerbeteiligung. Sein Darlehensmodell mit dreimonatiger Begrenzung sah für die Anleger vier Prozent Zinsen und einen „Naturalienrabatt“ vor. „Derzeit schaut es so aus, dass wir kurz vor einer Einigung mit der FMA stehen“, sagt Achleitner. Wie diese aussieht, will er vorerst nicht verraten. „Mein Eindruck ist, dass auch die FMA unschlüssig ist, wie man mit diesen Problemen umgehen soll.“

Robin Hood des 21. Jahrhunderts

Die FMA gab sich am Dienstag selbstsicher. Eine Gesetzesänderung sei nicht notwendig, es gebe genug legale Alternativen, so Ettl. Im Fall Staudinger sei undifferenziert berichtet worden. Straffällig habe er sich nicht mit seiner Solaranlagen-Finanzierung gemacht, die er in Form von Warengutscheinen zurückgezahlt habe. Illegal sei „nur“ Staudingers Sparverein. „Da wurden Gelder direkt auf das Firmenkonto eingezahlt und mit vier Prozent in Cash verzinst. Damit macht sich Staudinger strafbar“. Fotovoltaik-Spezialist Kronberger sieht die Sache etwas anders: „Für mich ist Heini Staudinger der Robin Hood des 21. Jahrhunderts.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2012)

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119 Kommentare
 
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Verbrecher

na und wenn der Bursche eingeht, und die Leute ihr Geld verlieren, soll der Staat wieder einspringen. Dann sitzt der schlaue Bruder in der Karibik. Der will's den Banken nachmachen

Re: Verbrecher

Nein, das sind die Konstrukte ab 1000 Mio aufwärts. Alles darunter ist nicht "Systemrelevant".

Re: Verbrecher

Nein, das sind die Konstrukte ab 1000 Mio aufwärts. Alles darunter ist nicht "Systemrelevant".

Gesetze

Für was gibt Gesetze?

Das Robin Hood aus schrems sie brechen kann, nur weil er nicht das nötige wissen hat wie man so ein Modell gesetzestreu leicht machen kann und das ohne zusatzkosten das ist halt ein hilfloser armer schuster.

Umbenennen!

Statt FMA (Finanzmarktaufsicht) in BSA (Banken-Schutz-Agentur)!
Und dann: Wie hoch war doch gleich der Anteil von Menschen mit Menstruationshintergrund in der Führungsebene der FMA?

Brandgefährliches Modell

Heini hat sich da sehr weit vorgewagt und Dank seines Marketiggenies hat er sich bereits ein große Öffentlichkeit geschaffen.
Trotzdem, das System aus Banken und Politik muß und wird mit aller Härte gegen ihn und seinesgleichen vorgehen.
Das etablierte System wird mit diesem privaten Anlagesystem massiv gefährdet:
- Anleger müssen sich nun selbst darum kümmern, dass ihr Geld einigermaßen sicher veranlagt wird. Das Abwälzen der Verantwortung an den Staat via Einlagensicherung entfällt. Und dadurch auch die Möglichkeit staatlicher "Rettungen" an denen vermutlich einige mitschneiden.
- 4% Realverzinsung ist eine tödliche Kampfansage an das staatlich unterstützte Finanzsystem. War es doch schon ausgemacht, die Staatsschulden über die kalte Enteignung, Pardon Inflation, abzubauen.
- die größte Gefahr liegt aber in der aktiven Beteiligung breiter Bevölkerungsschichten an wirtschaftlichen Prozessen. Das stört empfindlich die staatlich geförderte Volksverdummung die uns weismachen will, alles Gute kann nur vom Staat und seiner überbordenden Bürokratie kommen.

Re: Brandgefährliches Modell

Frei nach Kant sollten wir die "Befreiung aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit" anstreben.

In dem "Finanz-Fall" ist es nicht ganz einfach, aber wahrscheinlich würde eine Weiter/Aus-Bildung der Bevölkerung was helfen.

Vielleicht würde es was bringen, wenn man sich durch "Kenntnis" und Nachweis von Wissen mögliche gefählichere Anlageformen "freispielen" kann. Ein Anlageführerschein vielleicht.

Ist nur ein Vorschlag für eine freirere und leistungsfähigere Finanzierungswelt.
P2P, Crowdfunding, VentureCapital würde dann auf einem reflekierteren und auch sichereren Fuß stehen als es jetzt durch die auslegbare Gesetzeslage überhaupt geht.

Re: Re: Brandgefährliches Modell

Ja, brandgefährlich, wenn man sich gegen das Gesetz stellt, aber dringend notwendig um vernünftig wirtschaften zu können... Hier http://www.nahversorgungs.net/genossenschaft.html
wird an einer Genossenschafts-Lösung gearbeitet, die KEINE RENDITE verspricht, dafür aber Wertsicherung in Grund und Boden. Da kann sich die FMA "brausen gehen".

Re: Brandgefährliches Modell

Eigentlich haben Sie ja recht, aber bedenken Sie bitte, wie weit wir bereits fortgeschritten sind im Prozess der Volksverdummung und Entmündigung gekommen sind.

Da kann man nicht einfach von einem Tag auf den anderen die Privatanleger in die Eigenverantwortung nehmen. Leider.

Hier ist ganz schön was zu Bruch gegangen

Die FMA hat sich ganz schön in die Nesseln gesetzt, anstatt ihre Aufgaben zu erfüllen.
Wenn die Argentur leistungsfähig wäre, dann wäre ihr auch aufgefallen, dass die Rechtsunsicherheit, die sie verfolgt, sie selbst in Bedrängnis bringt. Sonst wäre so ein Blödsinn wie bei "JugendEineWelt" nicht passiert.

Die FMA hätte die Politik darauf aufmerksam machen müssen, dass es hier Handlungsbedarf gibt, der nicht sie, sondern die Entscheidungsträger betrifft.

Außerdem wüßte ich nicht, welche "Verbesserungen" die FMA selbst vorgeschlagen hat. Wäre doch auch ein Ansatz gewesen, oder nicht?

Da dies nicht passiert ist, und schon vorher einiges an Krügen zerbrochen sind ist es wieder ein Beweis, wie schlecht dieser Verein arbeitet.

Die Republik sollte sich definitiv überlegen ob die Zuständigen nicht wo anders der Gesellschaft mehr dienen würden.

Aus diesem Mißstand heraus bin ich ja froh, dass eine europäische Bankenaufsicht kommt. Die hat mehr Gewicht, wahrscheinlich auch mehr Kreativitiät beim Abgleich Schutz-Freiheit und kümmert sich zuerst um die großen Brocken.

Re: Hier ist ganz schön was zu Bruch gegangen

Danke für eine, wie ich finde, treffsichere Kritik an der Arbeit der FMA.

Sehr erfrischend im Vergleich zu den ganzen "hättats die Hypo gfangen" oder "lassts den lieben Heini in Ruh".

Deprimierend

Anstatt dafür zu sorgen, dass die Banken ihrer ureigensten Aufgabe - die Realwirtschaft mit Finanzmitteln zu versorgen - nachkommen, seckiert die FMA lieber jene Kleinunternehmer, die von den Banken keine oder nur äußerst schwer Kredite bekommen und sich deshalb um andere Finanzierungsmöglichkeiten umsehen.

Re: Deprimierend

vollkommen richtig
außerdem
wer Geld bei Staudinger anlegt bekommt "vier Prozent in Cash verzinst"
wieviel bekomm ich von den Banken???
und wenn die Banken das Geld verzocken, darf ich sie noch mit meinen Steuern "retten"

Sieht ganz so aus, als dürfte ich mit meinem Geld nicht machen, was ich will...

Re: Re: Deprimierend

natürlich können wir mit dem geld nicht machen, was wir wollen. es ghört uns ja nie wirklich, das geld bleibt eigentum des staates (scheine und münzen).

und der Staat darf machen was er will?!

liebe FMA-Fuzzis.

Das Sprichwort "Wer den Esel nicht schlagen kann, schlägt den Packsattel" habt ihr wahrscheinlich erfunden!

Nachdem ihr es nicht schafft, die Großen (Banken) zu kontrollieren, geht's jetzt einem kleinen, der noch dazu in einer Strukturschwachen Region Arbeitsplätze schafft am A..sch!
TOLLE LEISTUNG!

Vielleicht fangt ihr einmal an mit dem Arbeiten! -Dann wäre Euch schon längst das Projekt der Gemeinde Wien aufgefallen, dass nach dem selben Prinzip arbeitet:

buergersolarkraftwerk.at

Dieses Projekt gibt es schon seit Jahren, es wurde sogar in diversen Zeitschriften dafür geworben!
Hier gibt es auch mehr Geld zu holen, da die veranlagten Beträge größer sind!

Also, was ist?!
Wo ist die Anzeige?
Selbes Geschäftsmodell, nur größerer Gegner.
Oder trauts euch jetzt nicht?

Und das beste ist: Die Unterstützung der Bevölkerung wenn ihr es schafft ein paar Politiker in den Häfen zu bringen ist auch sicher!

ueber setzung

was das schutzgeld schon wiedeeer nicht bezahlt?

Wo ist eigentlich die FMA bei den IT-Problemen der Bank Austria,

und schützt die Kunden der BA?

Oder ist die FMA nur ein Verein, der wiederum die Banken schützt und die Kunden im Stich läßt?

Re: Wo ist eigentlich die FMA bei den IT-Problemen der Bank Austria,

na die Kunden der BA werden von den Italienern geschützt - lol

Echt krass, dass die FMA nichts wichtigeres zu tun hat, als

..kleinen erfolgreichen Unternehmen das Leben schwer zu machen. Man muss heute froh sein, wenn es Unternehmen trotz Bankenkrise noch schaffen zu überstehen. Aber dann kommt die FMA und... Würde mich interessieren welche Lobbys hinter der FMA stecken. Dass sie vor allem Firmen verfolgt, die im Alternativsektor positioniert sind, ist vermutlich kein Zufall.

Re: Echt krass, dass die FMA nichts wichtigeres zu tun hat, als

Dass das den Alternativsektor betrifft liegt wohl eher daran, dass die halt andere Finanzierungswege suchen als Banken. Die verfolgen offensichtlich einfach alles, was zusätzliches Geschäft für Banken sein könnte.

So viel ich weiß, ist es nicht verboten privat Geld zu verleihen; auch nicht gegen Zinsen. Ich hatte deswegen einmal beim Finanzamt nachgefragt und da ging es damals nur darum, dass man es nur speziell deklarieren muss, wenn Zinsen gezahlt werden weil dann Kreditsteuer fällig wird. Die gibt es aber mittlerweile auch nicht mehr. Ich habe das dann nicht gebraucht, aber so wurde mir das damals gesagt.

Dass man bei privat verliehenem Geld keinen Anlegerschutz wie bei einer Bank hat, ist doch eh klar, weil man borgt das Geld ja nicht einem Finanzinstitut.

So sind sie, die Linken.

Machen was sie wollen, wann sie wollen und wie sie es wollen, denn sie haben ja die Wahrheit gepachtet.

Aber wenn sie Regeln aufstellen, dann hat man sich daran zu halten. Buchstabengetreu.

Hoffentlich kickt ihn die FMA mit einem Rosa-Luxemburg-Stiefel.

Re: So sind sie, die Linken.

Kurze Einführung:

Wenn es um persönliche Freiheit, Möglichkeiten und Eigeninitiative geht, dann sind das die Bürgerlichen/Liberalen ... Rechte halt.
Für Marx ist der Staat die Institutionalisierung der Gesellschaft. Daher fordern die Linken immer die Steuerung/Regelung/das Service vom Staat.

So gesehen ist ihr erster Satz einfach falsch. Wo will man im Waldviertel überhaupt einen Linken hernehmen? Technisch gesehen ist für die das mostviertler Kernland die reinste Kolchose.

2. Die Regeln sind so verwirrend, auslegbar und wiedersprüchlich, dass man egal was man macht falsch liegt. Das Problem haben sogar "kleine Banken" mit Lizenz. (siehe Riegerbank, wobei hier auch andere Umstände wirkten).
Also wenn das Gesetz buchstabengetreu auslegt, müßte man alle Großbanken liquidieren, weil sie mit Privaten Geschäfte machen.
Also auch falsch!

Und das mit der Luxemburg und dem Stiefel sollte man sich vielleicht für abzockende Banker und deren Gehilfen und deren Wähler aufbehalten.

Gesetze haben dem Bürger zu dienen

Österreich ist schon ein ganz besonderes Land für Juristen : Wo sonst kann man legal (weil die Gesetze dies nicht verbieten) Anleger betrügen und wie die Hernderl ausnehmen und gleichzeitig die wenigen Ehrlichen dingfest machen ...... und all das staatlich unterstützt !

Ist die FMA jetzt Beschützer der Banken?

Dürfen künftig Menschen nicht mehr ohne Zustimmung der FMA über ihr Geld in Eigenverantwortung verfügen?

Ist das eine Folge, der neuen zentralistischen Bankenunion, die die nationalen Finanzmarktaufsichten degradiert? Zu einem Anhängsel macht?

Podiumsdiskussion "WIR SIND DAS VOLK" heute um 19:30

Wo?
GEA Waldviertler Werkstätten
Niederschremserstraße 4b
3943 Schrems

Die Diskutanten - fast alle werden bereits von der FMA verfolgt:
Markus Distelberger (Jurist)
Fred Ebner (SOLARier)
Reinhard Heisserer (Jugend eine Welt)
Alfred Klepatsch (Helios Sonnenstrom)
Hans Kronberger (Photovoltaic Austria)
Hans Schachner (Biohof Achleitner)
Andrea Schlehuber (EZA Fairer Handel)

Gastgeber: Heini Staudinger (GEA Waldviertler Werkstätten)
Moderation: Ursula Baatz

Es ist hilfreich, wenn Ihr Euch anmeldet:
https://docs.google.com/spreadsheet/viewform?fromEmail=true&formkey=dGRmdWRhR29xNlNmelJNZF8zNkJZSnc6MQ
Spontan Entschlossene sind natürlich auch herzlich willkommen!

Es wird nicht lange dauern

bis die EU das verbietet. Schon jetzt bekommt ein Schuhfabrikant Probleme, weil er von Bekannten sich Geld ausgeborgt hat.

 
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