„Die Kunden sollten bei den Firmen an erster Stelle stehen“

15.11.2012 | 21:11 |   (Die Presse)

Das vierte Peter-Drucker-Forum findet derzeit in Wien statt.

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[Wien/hie] Er gilt als der „Erfinder des Managements“, Börsenhändler standen bei ihm nicht hoch im Kurs und Firmen waren für ihn vor allem gesellschaftliche Veranstaltungen: der austroamerikanische Ökonom Peter Drucker. Seit gestern findet in Wien das vierte Peter-Drucker-Forum statt, in dem Manager über die Zukunft des Kapitalismus diskutieren. Einigen Rednern hätte Drucker wohl zugestimmt. Zum Beispiel Roger Martin, Dekan an der Rotman School of Management in Toronto. Er lehnt das Prinzip des „Shareholder Value“, also der Maximierung des Aktienwerts einer Firma, nicht komplett ab. Aber: „An erster Stelle sollten die Kunden stehen.“
Martin vergleicht das wirtschaftliche „Spiel“ mit der Politik einer Football-Mannschaft. Auch im Sport gebe es Eigentümerinteressen, doch: „Wenn die Fans glücklich sind, sind es die Eigentümer auch. Umgekehrt funktioniert das nicht besonders gut.“ Martin kritisiert, dass der beste Weg, um in den USA reich zu werden, sei, „mit dem Geld anderer Leute zu handeln“. Und viel von diesem Handel schaffe keinen Wert für die Gesellschaft.
„In den 1990er-Jahren war der Shareholder Value das Wichtigste. Jetzt gibt es eine absolut gegenteilige Entwicklung“, sagt Adrian Wooldridge, Kolumnist beim britischen „Economist“. Er sieht diese Bewegung kritisch: „Es gibt keinen Zweifel, dass der Kult um den Shareholder Value perverse Ergebnisse hervorgebracht hat.“ So sei etwa das Einkommen von Managern an den Preis der Aktie gekoppelt worden, was zu Manipulationen geführt habe. „Aber was mich beunruhigt, ist, dass wir uns von einem Extrem zum anderen bewegen“, so Wooldridge.

„Obsessives Kurzzeitdenken“


So sei der Shareholder Value ein Warnsignal für Fehlentwicklungen. „Aber wir müssen dieses Werkzeug besser nützen.“ Wooldridges Vorschlag: Der langfristige Aktienwert müsse über den kurzfristigen gestellt werden. 1960 hätten Investoren eine Aktie durchschnittlich acht Jahre gehalten, heute nur noch vier Monate. Manager müssten verpflichtet werden, ihre Aktien mehrere Jahre zu halten und sie nicht zu verkaufen, wann es ihnen passt. Das wäre ein Anreiz für Chefs, auf die langfristige Gesundheit der Firma zu achten. In vielen modernen Boni-Programmen sind diese Forderungen bereits erfüllt.
Rick Wartzman, Forbes-Kolumnist und Geschäftsführer des Drucker-Instituts in Kalifornien, bezweifelt, dass es schon eine echte Gegenbewegung zum Shareholder-Prinzip gibt. „Wenn man vor 50 Jahren einen Geschäftsführer gefragt hat, was sein Ziel ist, hat er gesagt, den Gewinn für die Aktionäre erhöhen, aber auch die Gesellschaft mit Produkten versorgen. Heute geht es nur noch darum, den Wohlstand der Investoren zu maximieren.“ Aber auch die damals gängige Philosophie habe bei Weitem nicht nur Gutes hervorgebracht, denn: „Wenn man jedem verantwortlich ist, ist man niemandem verantwortlich.“ Das folgende „obsessive Kurzzeitdenken“ sei aber noch schlimmer.
Auch Richard Straub, Gründer des Drucker-Forums in Wien, fordert ein Umdenken – und zitiert dazu Peter Drucker: „Die größte Gefahr der Turbulenzen von heute sind nicht die Turbulenzen selbst, sondern sie mit den Instrumenten von gestern zu bekämpfen.“

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