Die vertrackte Ökonomie der Drogen

40 Jahre "Krieg gegen die Drogen" zeigen: Das Verbot von Drogen funktioniert nicht. Prominente Ökonomen fordern die Legalisierung.

vertrackte oekonomie Drogen
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vertrackte oekonomie Drogen
(c) EPA (JOERG CARSTENSEN)

Vor zwei Wochen berichtete DiePresse.com-Serie "Schattenwirtschaft" über die Alkohol-Prohibition und deren Auswüchse in den USA der 1920er Jahre ("Als Sauerkraut eine illegale Droge war"). Das Alkohol-Verbot scheiterte und wurde 1933 wieder aufgehoben. Heute gibt es die Prohibition vor allem in einem Bereich: der Drogenpolitik. Und wieder zeigt sich, dass diese nicht funktioniert. Der weltweite - mittlerweile 40 Jahre andauernde - "War on Drugs" hat zu einer Verschlimmerung des Problems geführt: Die Drogenumsätze sind gestiegen und die Drogenpreise langfristig sogar gefallen. Erhofft hatte man sich durch das Verbot das Gegenteil.

Das Beispiel Drogenmarkt zeigt, dass die Ökonomie der Drogen ziemlich vertrackt ist. Der folgende Beitrag soll einen Einblick in die Logik des Drogenhandels und dessen volkswirtschaftliche Folgen gewähren.

Die verquere Logik des Drogenhandels

1990 kostete ein Gramm Kokain in Europa laut UNO rund 175 Dollar. Heute sind es "Handelsblatt" zufolge weniger als 100 Dollar. Die europäischen Ökonomen Claudia Costa Storti und Paul de Grawe haben die Gründe für diese Entwicklung zu entschlüsseln versucht. Ihr Ergebnis: Angebot und Nachfrage spielen auf "normalen" Märkten eine wichtige Rolle, am Drogenmarkt aber nur bedingt. Schlüsselfaktor ist demnach vielmehr die Handelsspanne der Dealer. Als Folge der Globalisierung sei wohl die Risiko-Prämie für Drogendealer gesunken. Das Angebot armer, niedrig qualifizierter Arbeiter, die sich als Händler verdingen, sei gestiegen.

Eine Tonne Kokain zu produzieren kostet rund 3000 Dollar, hat die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" im Mai errechnet. An die Konsumenten gebracht, bringt diese Tonne den Drogenhändlern zwischen 30 und 50 Millionen Dollar ein. Selbst spektakuläre Drogenbeschlagnahmen von 200 Tonnen Kokain durch Polizei oder Militär kosten also gerade einmal 600.000 Dollar in der Herstellung. Und: Sämtliche Störungen in der Drogen-Kette lassen die Preise steigen, die Gewinnspanne der Dealer wird größer und die Beschaffungskriminalität nimmt ebenfalls zu. Bleibt hingegen der Nachschub gesichert, dann sinkt der Preis. Eine mögliche Folge laut "FAZ": "Es lohnt sich für manche Bauern nicht mehr, Mohn anzubauen, man wechselt zu legalerem Gemüse."

Kosten des Drogenkonsums

Die Kosten des Drogenkonsums lassen sich in zwei Gruppen zusammenfassen:

Ausgaben des Gesundheitswesens für die Behandlung des Drogenmissbrauchs und dessen Folgen.

Andererseits kommt es aufgrund des Drogenkonsums zu einer verminderten Produktivität, die der Volkswirtschaft Schaden verursacht. "Dabei entstehen der Volkswirtschaft Kosten durch einen vorzeitigen Tod des Konsumenten und durch die verminderten Erträge der Konsumenten, die aufgrund des Drogenkonsums weniger arbeiten, geringere Gehälter erhalten oder stationär medizinisch behandelt werden", wie Benedikt Hüppe in seiner Studienarbeit "Besteuerung versus Verbote illegaler Drogen" (2007) schreibt.

"Verbot von Drogen verursacht die Probleme"

Eine Gruppe von Ökonomen rund um US-Nobelpreisträger Gary Becker kam daher bereits 2004 zu dem Schluss, dass es besser wäre, Drogen zu legalisieren. In "The Economic Theory of Illegal Goods" empfahlen sie, den Handel staatlich zu regulieren.

An der Sinnhaftigkeit des Drogenkriegs zweifeln auch Insider, wie der Veteran der US-Drogenbekämpfung (er war beim US-Grenzschutz, jagte in Südamerika Drogenbosse und war Stratege im Heimatschutzministerium) Terry Nelson: "In den 20er- und 30er-Jahren hatten wir Al Capone und seine Gangster, die auf unseren Straßen herumballerten. Heute profitieren Verbrecher-Banden, Drogenkartelle, die Taliban und al Qaida vom Rauschgiftverbot. Sie richten weltweit Schaden an. Das ist nicht nur ein amerikanisches, es ist ein universelles Problem. Drogen an sich verursachen keine Kriminalität. Die entsteht durch das Verbot von Drogen", sagte er in einem "Deutschlandradio"-Interview.

US-Autor Don Winslow wies kürzlich im "DiePresse.com"-Interview auf die zahlreichen Profiteure des US-Kriegs gegen die Drogen hin: "In erster Linie sind das natürlich die Drogen-Dealer, wie die mexikanischen Kartelle. Aber dann haben wir da auch eine große Anti-Drogen-Bürokratie, die jedes Jahr Milliarden von Dollar erhält. Zusätzlich haben wir Gefängnisse, die voll sind mit Drogen-Verurteilten. Drogen- und Anti-Drogen-Establishment sind symbiotische Kreaturen, die von der Existenz ihres Gegenübers profitieren."

"Legalisierung würde Gewalt beenden"

Der Harvard-Ökonom Jeffrey Miron ist einer der prominentesten Vertreter, die sich für die Legalisierung von Drogen einsetzen. Mit der Legalisierung aller Drogen könnte die US-Regierung pro Jahr 41,3 Milliarden Dollar einsparen, rechnet er vor. Zudem würden 46,7 Milliarden Dollar an Steuereinnahmen in die Kassen gespült. Einer seiner Studien zufolge hat die Drogen-Prohibition zudem zwei unerwünschte Folgen: Die Kriminalität steigt und der Schwarzmarkt wächst. Denn umso konsequenter die Verfolgung durch die Behörden, desto weniger Möglichkeiten bleiben den Abhängigen, Konflikte gewaltfrei zu lösen.

Miron erinnert an die Alkohol-Prohibition und empfiehlt, daraus Lehren zu ziehen: "Ein Grund, warum die Nation sich 1933 besann, war die Wirtschaftskrise, die Große Depression. Sie brauchten mehr Steuereinnahmen, der Alkohol brachte sie. Aber das ist nur ein Grund für die Legalisierung von Drogen. Viel wichtiger ist: Die Legalisierung würde die Gewalt beenden, die wir in Mexiko beobachten."

Miron hat dabei einen unerwarteten Mitstreiter gefunden: Mexikos ehemaligen Staatschef (2000 bis 2006) Vicente Fox. Dieser hatte nach Amtsantritt noch versprochen, den Drogenkartellen "die Mutter aller Schlachten" zu liefern. Heute gibt er sich bekehrt. Legalisierung sei der einzige Weg. "Prohibition hat schon im Garten Eden nicht funktioniert", sagt er laut "FAZ". Denn: "Adam aß den Apfel."

Legaler Rausch aus medizinischen Gründen

Indes ist bereits in 19 US-Bundesstaaten der medizinische Konsum von Cannabis legalisiert worden, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet. 2010 hatten demnach 370.000 Patienten - der Großteil (69 Prozent) davon in Kalifornien - die Erlaubnis für den legalen Rausch. Die Staaten bewegen sich damit allerdings im Graubereich, denn ihr Handeln steht im Widerspruch zum Bundesrecht. Man vertraut darauf, dass Washington Mittel und Personal zum Durchsetzen dieses Recht fehlen.

Für die Staaten hat die Legalisierung gerade in finanziellen Krisenzeiten einen fiskalpolitischen Reiz. Allein der Staat Colorado verdiente laut "Süddeutsche" im Jahr 2011 rund 8,4 Millionen Dollar Unternehmenssteuer am Geschäft mit Marihuana. Das waren mehr als zehn Prozent der Gesamteinnahmen durch diese Steuer.

Es dürfte wohl auch der einzige Weg sein, über den es gelingen könnte, Drogen US-weit zu legalisieren: die Hintertür der Steuereinnahmen. Jährlich 6,4 Milliarden Dollar könnte eine Legalisierung von Marihuana bringen, rechnet Ökonom Miron. Weitere 13,7 Milliarden Dollar könnten durch die Aufhebung eines Verbots eingespart werden, so Miron.

Österreich gegen Legalisierung

Und wie steht Österreich dazu? Österreichs Drogenkoordinator Michael Dressel sagte 2010 zur "Presse", dass er Legalisierung in Österreich für keine gute Idee halte: Es gäbe mehr Konsumenten und höhere Gesundheitskosten, die am Ende der Steuerzahler trage. Auch bei Tabak und Alkohol seien die Folgekosten höher als die Steuereinnahmen. Legalisierung mache nur auf europaweiter Basis Sinn, sonst drohe eine Überschwemmung mit Drogentouristen wie in Holland.

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