Wenn Kinder für ihr Recht auf Arbeit kämpfen

Weltweit müssen 215 Millionen Kinder arbeiten. Verbote sind wenig hilfreich, Kauf-Boykotte fördern sogar Kinderarbeit, zeigen Ökonomen.

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(c) EPA (PIYAL ADHIKARY)

Weltweit sind heute 215 Millionen Kinder im Alter von fünf bis 17 Jahren in Kinderarbeit gefangen. So lauten die aktuellsten Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2010. Das ist eine leichte Verbesserung im Vergleich zu 2006. Die meisten Kinder, rund 60 Prozent, sind in der Landwirtschaft tätig. Das Ziel, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2016 zu beseitigen, wird aber wohl nicht erreicht werden. "Der Fortschritt ist weder schnell noch umfassend genug", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. "Wir müssen bei der Kampagne gegen Kinderarbeit in einen höheren Gang schalten", forderte er.

Mehr Druck soll also mehr Erfolg bringen. Wer nun aber denkt, dass Boykott-Aufrufe hilfreich sind, der irrt. Im Gegenteil: Sie fördern Kinderarbeit letztlich, sind die beiden Ökonomen Matthias Doepke (Northwestern University) und Fabrizio Zillibotti (Universität Zürich) überzeugt. In ihrer Studie aus dem Jahr 2009 zeigen sie auf, dass Druck von außen im betroffenen Land kontraproduktiv wirkt.

Kinder als Konkurrenten

Doepke und Zillibotti nehmen die Industrialisierung Europas als Beispiel. Damals kam es aufgrund des Drucks der Gewerkschaften zur Abschaffung der Kinderarbeit. In der Gewerkschaft waren vor allem arme und schlecht ausgebildete Arbeiter organisiert, die in den arbeitenden Kindern Konkurrenten sahen. Und auch heute wieder sind schlecht ausgebildete Arbeiter in den Schwellenländern die größten Gegner der Kinderarbeit.

Befürwortet wird die Kinderarbeit hingegen oft von den Familien der arbeitenden Kinder. So kann etwa der Schulbesuch von zumindest einem anderen Kind finanziert werden. Kauf-Boykotte treiben die Kinder aber meist aus den Fabriken auf die Felder - oft der eigenen Familie. Das Fatale ist laut Doepke und Zillibotti, dass die erwachsenen Fabrikarbeiter nun keine Konkurrenz mehr haben und weniger Druck in Richtung eines Verbots der Kinderarbeit ausüben.

"Abhängigkeit von Kinderarbeit"

In vielen Entwicklungsländern greifen die bestehenden Verbote nicht. "Als Reaktion darauf entscheiden sich die Familien im Durchschnitt für eine große Zahl von Kindern, die dann überwiegend arbeiten und so zum Familieneinkommen beitragen", schreibt Doepke in seinem Working Paper "Humankapital, politischer Wandel und langfristige Wirtschaftsentwicklung" (2008). "Dies wiederum schafft eine wirtschaftliche Abhängigkeit von der Kinderarbeit, die dazu führt, dass ein Großteil der Bevölkerung einem Verbot der Kinderarbeit feindlich gegenübersteht", so der Ökonom.

"Kinderarbeit ist gut"

"Kinderarbeit ist gut", lautete 1984 der provokante Titel des Buches der beiden norwegischen Pädagogen Per Linge und Hans Petter Wille. Mit Blick auf die "lebensfernen" Schulen und Kindergärten in ihrem Land forderten sie: "Führt Kinderarbeit wieder ein." Sie wollten damit zeigen, dass die Arbeit von Kindern auch ihre guten Seiten haben und das Leben von Kindern bereichern kann.

Die beiden Ökonomen sind überzeugt, dass eine Lösung des Problems nur durch innenpolitische Reformen erreicht werden kann. Sie sprechen sich daher für mehr Anreize und weniger Verbote aus. So sei es sinnvoll, Familien zu belohnen, die ihre Kinder in die Schule schicken. Auch die Senkung der Geburtenrate - durch stärkere Aufklärung - sei äußerst hilfreich. Denn Doepke zufolge gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und Geburtsraten. Der Blick zurück in die Zeit der Industrialisierung zeigt: Besuchten in England im Jahr 1850 nur rund fünf Prozent der Kinder eine Schule, waren es 1910 bereits 70 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank die Fertilitätsrate von 5,0 auf 3,2 Kinder pro Frau.

"Verbote helfen uns nicht"

Dass die Ächtung der Kinderarbeit durchaus problematisch sein kann, zeigt auch das Beispiel bolivianischer Kinder, wie das Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen" berichtet. Geschildert wird das Schicksal von drei Geschwistern (die Mutter ist tot, der Vater hat die Kinder verlassen), die stolz darauf sind, ihr Leben allein zu organisieren - sie arbeiten und gehen zur Schule. Tatsächlich ist die Kinderarbeit für viele Familien überlebensnotwendig. In dem Land lebt ein Drittel der Einwohner von zwei Dollar am Tag. "Verbote helfen uns nicht", zitiert das Magazin arbeitende Kinder. "Zuerst sollen die Erwachsenen die Armut und den Hunger abschaffen. Und dann die Kinderarbeit."

Da Kinderarbeit illegal ist, werden die Kinder leicht ausgebeutet. Die bolivianische Regierung hat daher als erste der Welt die Textpassage "Kinderarbeit ist verboten" aus der Verfassung gestrichen. "Die Ausbeutung von Kindern ist verboten", heißt es dort nun laut Magazin-Bericht. Was das genau bedeutet, soll in den kommenden Monaten in einem neuen Arbeitsgesetz festgelegt werden.

"Auch würdige Kinderarbeit bleibt Kinderarbeit"

"enorm" fasst die Problematik zusammen: "Auch würdige Kinderarbeit bleibt Kinderarbeit und damit ein Tabu: Sie würde die Spender verschrecken." Die bolivianische Sozialarbeiterin Luz Rivera hält viele fürsorgliche und zeitlich begrenzte Projekte zur Bekämpfung der Kinderarbeit für nutzlos. Wenn die befristeten Programme auslaufen, müssten die Kinder erst recht wieder arbeiten: "Dann haben sie nicht einmal mehr einen Job", sagt sie.

Die Präsidentin der bolivianischen Gesetzgebungskommission zum Thema Kinderarbeit ist zwar gegen eine Legalisierung von Kinderarbeit, doch sie bringt die Zwiespältigkeit gut auf den Punkt: "Was wir wollen, ist eine Sache. Eine andere ist die Realität Boliviens. Tausende Kinder arbeiten, und wenn wir ihnen die Arbeit nehmen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit zu leben, zu essen und sich zu bilden."

 

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