Wenn Kinder für ihr Recht auf Arbeit kämpfen

07.12.2012 | 13:10 |  Von Peter Huber (DiePresse.com)

Weltweit müssen 215 Millionen Kinder arbeiten. Verbote sind wenig hilfreich, Kauf-Boykotte fördern sogar Kinderarbeit, zeigen Ökonomen.

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Weltweit sind heute 215 Millionen Kinder im Alter von fünf bis 17 Jahren in Kinderarbeit gefangen. So lauten die aktuellsten Schätzungen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) aus dem Jahr 2010. Das ist eine leichte Verbesserung im Vergleich zu 2006. Die meisten Kinder, rund 60 Prozent, sind in der Landwirtschaft tätig. Das Ziel, die schlimmsten Formen der Kinderarbeit bis 2016 zu beseitigen, wird aber wohl nicht erreicht werden. "Der Fortschritt ist weder schnell noch umfassend genug", sagte ILO-Generaldirektor Juan Somavia. "Wir müssen bei der Kampagne gegen Kinderarbeit in einen höheren Gang schalten", forderte er.

Mehr Druck soll also mehr Erfolg bringen. Wer nun aber denkt, dass Boykott-Aufrufe hilfreich sind, der irrt. Im Gegenteil: Sie fördern Kinderarbeit letztlich, sind die beiden Ökonomen Matthias Doepke (Northwestern University) und Fabrizio Zillibotti (Universität Zürich) überzeugt. In ihrer Studie aus dem Jahr 2009 zeigen sie auf, dass Druck von außen im betroffenen Land kontraproduktiv wirkt.

Kinder als Konkurrenten

Doepke und Zillibotti nehmen die Industrialisierung Europas als Beispiel. Damals kam es aufgrund des Drucks der Gewerkschaften zur Abschaffung der Kinderarbeit. In der Gewerkschaft waren vor allem arme und schlecht ausgebildete Arbeiter organisiert, die in den arbeitenden Kindern Konkurrenten sahen. Und auch heute wieder sind schlecht ausgebildete Arbeiter in den Schwellenländern die größten Gegner der Kinderarbeit.

Befürwortet wird die Kinderarbeit hingegen oft von den Familien der arbeitenden Kinder. So kann etwa der Schulbesuch von zumindest einem anderen Kind finanziert werden. Kauf-Boykotte treiben die Kinder aber meist aus den Fabriken auf die Felder - oft der eigenen Familie. Das Fatale ist laut Doepke und Zillibotti, dass die erwachsenen Fabrikarbeiter nun keine Konkurrenz mehr haben und weniger Druck in Richtung eines Verbots der Kinderarbeit ausüben.

"Abhängigkeit von Kinderarbeit"

In vielen Entwicklungsländern greifen die bestehenden Verbote nicht. "Als Reaktion darauf entscheiden sich die Familien im Durchschnitt für eine große Zahl von Kindern, die dann überwiegend arbeiten und so zum Familieneinkommen beitragen", schreibt Doepke in seinem Working Paper "Humankapital, politischer Wandel und langfristige Wirtschaftsentwicklung" (2008). "Dies wiederum schafft eine wirtschaftliche Abhängigkeit von der Kinderarbeit, die dazu führt, dass ein Großteil der Bevölkerung einem Verbot der Kinderarbeit feindlich gegenübersteht", so der Ökonom.

"Kinderarbeit ist gut"
"Kinderarbeit ist gut", lautete 1984 der provokante Titel des Buches der beiden norwegischen Pädagogen Per Linge und Hans Petter Wille. Mit Blick auf die "lebensfernen" Schulen und Kindergärten in ihrem Land forderten sie: "Führt Kinderarbeit wieder ein." Sie wollten damit zeigen, dass die Arbeit von Kindern auch ihre guten Seiten haben und das Leben von Kindern bereichern kann.

Die beiden Ökonomen sind überzeugt, dass eine Lösung des Problems nur durch innenpolitische Reformen erreicht werden kann. Sie sprechen sich daher für mehr Anreize und weniger Verbote aus. So sei es sinnvoll, Familien zu belohnen, die ihre Kinder in die Schule schicken. Auch die Senkung der Geburtenrate - durch stärkere Aufklärung - sei äußerst hilfreich. Denn Doepke zufolge gibt es einen klaren Zusammenhang zwischen Kinderarbeit und Geburtsraten. Der Blick zurück in die Zeit der Industrialisierung zeigt: Besuchten in England im Jahr 1850 nur rund fünf Prozent der Kinder eine Schule, waren es 1910 bereits 70 Prozent. Im gleichen Zeitraum sank die Fertilitätsrate von 5,0 auf 3,2 Kinder pro Frau.

"Verbote helfen uns nicht"

Dass die Ächtung der Kinderarbeit durchaus problematisch sein kann, zeigt auch das Beispiel bolivianischer Kinder, wie das Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen" berichtet. Geschildert wird das Schicksal von drei Geschwistern (die Mutter ist tot, der Vater hat die Kinder verlassen), die stolz darauf sind, ihr Leben allein zu organisieren - sie arbeiten und gehen zur Schule. Tatsächlich ist die Kinderarbeit für viele Familien überlebensnotwendig. In dem Land lebt ein Drittel der Einwohner von zwei Dollar am Tag. "Verbote helfen uns nicht", zitiert das Magazin arbeitende Kinder. "Zuerst sollen die Erwachsenen die Armut und den Hunger abschaffen. Und dann die Kinderarbeit."

Da Kinderarbeit illegal ist, werden die Kinder leicht ausgebeutet. Die bolivianische Regierung hat daher als erste der Welt die Textpassage "Kinderarbeit ist verboten" aus der Verfassung gestrichen. "Die Ausbeutung von Kindern ist verboten", heißt es dort nun laut Magazin-Bericht. Was das genau bedeutet, soll in den kommenden Monaten in einem neuen Arbeitsgesetz festgelegt werden.

"Auch würdige Kinderarbeit bleibt Kinderarbeit"

"enorm" fasst die Problematik zusammen: "Auch würdige Kinderarbeit bleibt Kinderarbeit und damit ein Tabu: Sie würde die Spender verschrecken." Die bolivianische Sozialarbeiterin Luz Rivera hält viele fürsorgliche und zeitlich begrenzte Projekte zur Bekämpfung der Kinderarbeit für nutzlos. Wenn die befristeten Programme auslaufen, müssten die Kinder erst recht wieder arbeiten: "Dann haben sie nicht einmal mehr einen Job", sagt sie.

Die Präsidentin der bolivianischen Gesetzgebungskommission zum Thema Kinderarbeit ist zwar gegen eine Legalisierung von Kinderarbeit, doch sie bringt die Zwiespältigkeit gut auf den Punkt: "Was wir wollen, ist eine Sache. Eine andere ist die Realität Boliviens. Tausende Kinder arbeiten, und wenn wir ihnen die Arbeit nehmen, nehmen wir ihnen die Möglichkeit zu leben, zu essen und sich zu bilden."

 

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26 Kommentare
 
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lasst sie doch - besser als leimschnueffeln oder anschaffen! wer glaubt eigentlich die regierung zu sein, jemand vorzuschreiben, ab welchen alter man als arbeitsfaehig gilt!

waren die ganzen kinder "arbeitsfaehig" die mit den daheimgebliebenen frauen nach dem 2. weltkrieg alles wieder aufbauten?

was ist mit den zigtausenden kindern, die daheim jeden tag helfen?

bald wird geregelt werden, wer wieviel und wie lange atmen darf (wegen dem co2 ausstoss) - wie grotesk.


es geht nicht nur um die ächtung der kinderarbeit

sondern um die ächtung von konzernen, die diese ausnützen. und das wiederum geht nur um die lückenlose aufklärung der konsumenten (durch rigorose kennzeichnung der produkte). ich denke niemals national, aber ich sehe die chance darin, dass man wieder den slogan: kauft österreichische qualität neu belebt. textilien, die biologisch einwandfrei hergestellt werden, die hochwertig verarbeitet werden, das wäre die zukunft. gewinner sind produzenten und käufer.

Realistischerweise sind die Arbeitsbedingungen

bei den "Konzernen" immer noch viel besser als bei der lokalen Wirtschaft in den betreffenden Staaten.

Wenn wir also die Konzerne boykottieren nutzen wir vielen, aber nicht den Personen vor Ort.

Re: es geht nicht nur um die ächtung der kinderarbeit

jaja, jetzt sind wieder die konzerne schuld. und die spekulanten, richtig? under busch auch ...
ich glaub die f-ing gypsies sind schuld lol lmfao

genau . . . Standards & Normen schaffen und die Importeure verpflichten.


Das gibt es doch hier auch

Jedes Jahr zu Ostern beim Ratschen, zu Neujahr beim Geldsammeln für die Kirche, beim Gottesdienst als Ministranten, ...

Re: Das gibt es doch hier auch

sammelt lieber geld fuer die ganzen missbrauchten piempfe, die von den warmen bruedern im kittel im namen der roemischen kerzelschlucker angebehrt werden

. . . die Erziehung beginnt mit dem Taschengeld. Mein Sohn verdiente es mit jedem gelesenen Buch.


Der Freie Markt müsste kontrolliert und gemanagt werden.

. . . so der Finanzmarkt, das Fundament der globalen Spekulation. Mit dem Unfug Euro ging den Eurokraten ein Licht auf, dass der Finanzmarkt das Übel aller Spekulationen ist, was den Welthandel undurchschaubar und unkontrollierbar macht. Ein Trugschluss, dass Streuern die Spekulation verhindern, sie mindern nur den Gewinn der Spekulanten.

Der Mensch braucht eine sozial gerechte, demokratische Welt.
Weg mit dem Euro, nieder mit Schengen und Schluß mit Brüssel, dem Superstaat! Eine Gemeinschaft souveräner Länder, in welchen die Wissenschaften walten für ein einheitliches Steuer-, Budget- und Sozialsystem und gleiche Standards und Normen.

Ich bin einfach schockiert!!!


Einfach die Bankenhilfen durch 6 Milliarden teilen

Dieses dann weltweite Grundeinkommen in einer geringen Höhe hilft bestimmt, besonders den Kindern, auch hierzulande.

Da fällt mir ein.

Ein zehnjähriger Bub aus meiner Nachbarschaft hat sich sein Taschengeld mit Hundesitten aufgebessert. Der musste dann damit aufhören, weil es als Kinderarbeit gilt, sobald er Geld dafür nimmt. Unbezahlt wäre es also kein Problem gewesen.

. . . da zählt der Faktor regelmäßig, gewerbemäßig; dazu kommt Risiko und Haftung.


wirtschaft

ist eben komplizierter als sich das viele rosaroten Maxln vorstellen, und der Beispiele kontraproduktiver Folgen gutgemeinter Eingriffe sind viele. Natuerlich wissen es aber jene rosarote Maxln besser als Sozialarbeiter usw. vor Ort aber bitte.
Also wann kommt das erste Posting mit 'neo-liberal' im Inhalt ?
LOL.

. . . “A civilized person should no more tolerate the presence of a liberal than the presence of a member of the Ku Klux Klan. Indeed, it may be argued that liberalism is worse than the KKK insofar as Klansmen only hate some people while liberals hate them all.” _P.J. O'Rourke


aha.

und weil "die wirtschaft" halt so kompliziert ist, muss kinderarbeit eben in kauf genommen werden?

sind sie nicht der meinung, dass die (ich tu ihnen den gefallen) neoliberale sichtweise á la "die märkte regeln sich selbst" a bissl kurz greift?

Re: wirtschaft

Das traurige an der Sache ist ja, dass gutgemeinte Ansätze oder "Boykotte" nicht nur sinnlos sondern sogar kontraproduktiv sind: So ungustiös Kinderarbeit an sich ist, so können mit einer quasi Halblegalisierung gewisse Auflagen verbunden werden, z. B. zusätzlich Bildungsprogramme und Gesundheitsvorsorge.

Nimmt man aber den Familien diese (oftmals überlebensnotwendige) Möglichkeit, so erhöht sich die Chance, dass das Kind trotzdem arbeiten MUSS... nur unter viel widrigeren Umständen für noch weniger Geld. Sofern es nicht überhaupt in die Prostitution abrutscht.

wie wurde denn die kinderarbeit in europa abgeschafft?


hmmmm...ach, ja, durch VERBOTE, durch gesetze, durch staatliches handeln.

richtig. aber das darf man ja nicht machen, denn "verbote sind kontraproduktiv".

Verboten wurden immer nur Dinge,

die ohnehin schon am Aussterben waren - aus anderen Gründen.

Ein Verbot hat noch nie etwas geändert, es ist nur die Kodifizierung des status quo.

Re: wie wurde denn die kinderarbeit in europa abgeschafft?

Es müssen aber noch immer genug Kinder in Europa arbeiten, auch in Österreich.
Z.B. das "Helfen bei der Ernte" ist nichts anderes als Kinderarbeit, und damit mein ich jetzt wenn sie anstatt in die Schule zu gehen daheim helfen müssen. Ist jetzt zwar nur für ein paar Tage aber trotzdem, arbeiten aber dafür Schule saußen lassen ist Kinderarbeit.

"Verbote sind wenig hilfreich"


richtig. darum kinderarbeit in ö auch wieder erlauben. denn wie kommt der staat dazu, den eltern in die erziehung reinzupfuschen? das ist sozialismus! wenn der freie markt in seiner unendlichen weisheit es verlangt, sollen auch kinder arbeiten!

außerdem: früh übt sich, was ein meister weden will, daher ist es doch super schon so früh berufserfahrung zu sammeln. macht sich gut im lebenslauf...

Re: "Verbote sind wenig hilfreich"

Wenn man Kinderarbeit als die Arbeit von Personen von 5 bis 17 Jahre definiert, dann ist Kinderarbeit in Oesterreich ohnehin zu einem geweissen Grad erlaubt. Soweit ich mich erinnere, darf man ab 15 arbeiten.

Dann hoffen wir nehmen diese Länder nicht auch noch Österriech als Vorbild!

Denn hier werden Kinder sogar Zwangs bewegt und mit politisch korrekter Zwangsernährung großgezogen. Und wenn sie etwas größer sind werden diese zum Herr zur Zwangsarbeit übergeben. Ansonsten werden Ihnen Zwangsbeiträge für AK, ORF oder WK abgezogen.

So gesehen haben diese Kinder fast die gleiche Kindheit hinter sich, wie eines in Österreich.

Re: Dann hoffen wir nehmen diese Länder nicht auch noch Österriech als Vorbild!

Sie sind wohl auch ein armes Kind ohne Bildung (siehe Ihre Rechtschreibung).

Re: Re: Dann hoffen wir nehmen diese Länder nicht auch noch Österriech als Vorbild!

Aja, habe ich noch vergessen. Kinder werden heute ja auch noch von den Eltern ferngehalten und in Tages oder Gesamtschulen versaut.

Re: Re: Re: Dann hoffen wir nehmen diese Länder nicht auch noch Österriech als Vorbild!

PS. ich war etwas 'grumpy' heut Früh, also nicht persönlich nehmen ;)

 
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