IHS zur Krise: Der Tiefpunkt ist bereits erreicht

Österreich muss unbedingt seine Schulden abbauen, fordern die obersten Wirtschaftsforscher des Landes. Für unsinnige Wahlgeschenke dürfe 2013 kein Geld fließen.

IHS-Chef Christian Keuschnigg
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IHS-Chef Christian Keuschnigg
IHS-Chef Christian Keuschnigg – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien/Hie. „Wir haben 2012 so wenig revidiert, wie schon lange nicht mehr“, sagt Karl Aiginger. Darüber dürfte der Chef des Österreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung (Wifo) recht froh sein. Wenn die aktuelle Prognose hält, dürften Österreich und der Euroraum in puncto Krise bald das Schlimmste überstanden haben. „Es besteht die Chance, dass die Rezession so kurz war wie erwartet“, sagt Aiginger. Im zweiten Halbjahr dürfte die österreichische Wirtschaft stagniert haben. Trotzdem sollte sich laut Wifo für das Gesamtjahr ein Wachstum von 0,6 Prozent ausgehen. 2013 werde das Wachstum ein Prozent, 2014 1,8 Prozent betragen.

Das Institut für Höhere Studien (IHS) sieht das fast genauso: 2012 prognostiziert es 0,7 Prozent, für 2013 allerdings nur 0,8 Prozent Wirtschaftswachstum. Für 2014 liegt die Prognose gleichauf mit jener des Wifo. „Wir sehen 2014 eine Rückkehr zum normalen Wachstumspfad“, so Christian Keuschnigg, Chef des IHS, bei der Präsentation der Winterprognosen der beiden heimischen Institute. „Den Tiefpunkt haben wir im vierten Quartal 2012 erreicht.“

Laut Aiginger muss man aber davon ausgehen, dass das Wirtschaftswachstum in den kommenden Jahren deutlich niedriger sein wird als in den Jahren vor der Krise. Die Zuwachsraten werden eher bei 1,7 bis 1,8 Prozent liegen, statt wie zuvor bei zwei bis zweieinhalb Prozent. Und natürlich gilt: keine Prognose ohne ernsthafte Vorbehalte. So geht etwa das Wifo davon aus, dass sich die Staatsschuldenkrise nicht mehr wesentlich verschärft und die Investoren ihr Vertrauen zurückgewinnen. Auch das IHS legt seiner Prognose zugrunde, dass sich die Krise „zurückbildet“. Allerdings sehr langsam. Das Institut rechnet damit, dass die Wirtschaftsleistung in der Eurozone 2013 stagniert, nachdem sie heuer um 0,5 Prozent zurückgegangen ist. 2014 werde es im Euroraum wieder ein Wachstum geben, mit 1,4 Prozent aber ein geringeres als in Österreich.

Um die Krise zu überwinden, müssten die Euroländer ihre Wettbewerbsfähigkeit stärken. Keuschnigg und Aiginger mahnen außerdem zu einem Abbau der Staatsschulden. Spekulationen über ein Abgehen vom Konsolidierungskurs könnten die Finanzmärkte verunsichern und steigende Risikoaufschläge für Staatsanleihen bedingen, so das IHS. Die Schulden müssten zurückgeschraubt werden, damit nicht der Staat selbst zum Risiko für das Wirtschaftswachstum wird, so Keuschnigg. Schließlich gehe es um die Wahrung der Interessen der nachfolgenden Generationen. Auch Aiginger zufolge sei eine Erhöhung des Defizits „nicht ratsam“.

 

Echte Schulden bei bis zu 200 Prozent

Zumal die Auslandsschulden allein ohnehin nicht die geeignetste Form seien, um die tatsächlichen Staatsschulden abzubilden, wie Keuschnigg sagt. Berechnet man alle Schulden mit ein, also auch ausgelagerte Schulden und Rückstellungen für zukünftige Verbindlichkeiten wie Pensionen, komme man leicht auf eine Schuldenquote von 150 bis 200 Prozent des Bruttoinlandsproduktes.

Deshalb sind sich die obersten Wirtschaftsforscher auch einig: Für Wahlzuckerln gibt es keinen Spielraum. Es dürfe kein Geld in die Hand genommen werden, um eine Klientel zu bedienen, „die laut schreit“, sagt Aiginger. Auch Konjunkturpakete seien derzeit keine nötig. Bernhard Felderer, Leiter des Staatsschuldenausschusses und ehemaliger Chef des IHS, warnte auch bereits vor teuren Wahlgeschenken wie dem Pendlerpauschale. Stattdessen müsse man in die Zukunft des Landes investieren, fordern Aiginger und Keuschnigg. „Wenn 25 Prozent der Österreicher nach der Schule nicht lesen können, dann ist das die wahre Krise“, so Aiginger.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2012)

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