"In Österreich ist nicht mal Nachdenken erlaubt"

21.12.2012 | 18:39 |  MATTHIAS AUER UND JAKOB ZIRM (Die Presse)

Die unbegründete Angst vor Schiefergas bringt Europa 20 Jahre Wettbewerbsnachteil, warnt OMV-Chef Roiss. Lagert genug Gas im Schwarzen Meer, baut die OMV die Gaspipeline Nabucco West zur Not auch allein.

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Die Presse: Die Internationale Energieagentur erwartet, dass die USA zum weltgrößten Ölproduzenten und Nettogasexporteur werden. Alles dank der Vorkommen im Schiefergestein. Verpasst Europa eine Energierevolution?

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Gerhard Roiss: Ich glaube, dass Europa energiepolitisch in eine Sackgasse geraten ist. Amerika und Asien haben eine klare, langfristige Ausrichtung. Die EU ist nicht in der Lage, eindeutige Prioritäten zu setzen. Das ist ein Problem, das weit über die Energie hinausgeht. Es geht hier auch um den globalen Wettbewerb. Europa hat nicht nur die höchsten Lohnstückkosten sondern auch die höchsten Energiekosten.

Jaap Huijskes: Das ist nicht über Nacht gekommen. Amerika hat diese Entwicklung in die Energieunabhängigkeit vor 20 bis 30 Jahren eingeleitet. Das Problem ist, dass viele Leute verängstigt sind, wegen dem, was am Anfang in den USA passiert ist. Aber wir sind heute auf einem ganz anderen technischen Stand. Die Entwicklung in der Branche ist oft nicht sichtbar. Der Stephansdom ist fünf Kilometer von hier entfernt. Wir können heute so genau bohren, dass wir von hier die Türklinke der Krypta treffen.

Kann man deshalb auch Schiefergas ohne Umweltgefahr fördern?

Huijskes: Als Ingenieur ist die Antwort eindeutig: Ja. Es ist technisch sehr schwierig, aber nicht so viel anders als das, was wir täglich machen. Man muss einfach sicherstellen, dass es kein Leck gibt, bevor man mit dem berüchtigten Fracking beginnt. Und auch das gibt es in der Industrie seit 70 Jahren. Worüber ich mich wirklich ärgere ist, wenn behauptet wird, dass das Grundwasser verschmutzt wird. Zwischen der Schicht, wo man frackt, und dem Grundwasser liegen 3500 Meter Gestein. Es ist physikalisch einfach nicht möglich, dass es hierbei zu einer Verschmutzung kommt.

Sie sagen, Europa ist in einer Sackgasse, auch weil es beim Thema Schiefergas zu sehr zaudert. Warum hat sich die OMV dann vom Schiefergasprojekt im Weinviertel zurückgezogen?

Roiss: Wir haben dem Land angeboten, Schiefergas zu fördern. Die Bevölkerung hat sich dagegen entschieden. Das akzeptieren wir. Für uns ist das kein Problem. Wir haben genug Möglichkeiten, Schiefergas zu fördern, wenn wir das wollen.

Ist der Plan, gemeinsam mit der Universität Leoben eine umweltfreundliche Förderung von Schiefergas zu entwickeln, auch gestoppt?

Roiss: Ja. Ich bedaure sehr, dass man es in Österreich nicht schafft, zumindest Probebohrungen abzuwarten. Wenn ich sogar dafür jahrelange Umweltverträglichkeitsprüfungen brauche, dreht man so nicht nur Schiefergas ab, sondern auch die technologische Entwicklung. Es ist schade, wenn ein Land sagt: Ich erlaube nicht einmal mehr das Nachdenken.

Was wird dieses Zögern bei Schiefergas Europa letztlich kosten? Laut IEA wird Gas in den USA künftig um zwei Drittel billiger sein als in Europa.

Roiss: Man sieht schon jetzt, dass die USA in ihren Kraftwerken Gas statt Kohle verbrennen. Die Kohle kommt nach Europa und treibt den CO2-Ausstoß nach oben. Die USA holen sich so einen Wettbewerbsvorteil für mehr als 20 Jahre. Der stille Abschied der Industrie aus Europa hat schon begonnen. Das ist eine Tragödie. Man kann nicht nur ökologisch diskutieren, man muss auch nachdenken, was es für die Wettbewerbsfähigkeit bedeutet, wenn man nur noch Windräder baut. Die Diskussion ist zu einseitig und kurzsichtig.

Zwei Drittel der Felder der OMV sind sehr alt. Seit Sie die Exploration übernommen haben, hat die OMV die Öl- und Gasreserven stark ausgebaut. Warum funktioniert es plötzlich?

Huijskes: Eines der besten Dinge, die mir mein Vorgänger hinterlassen hat, war ein Führungsteam, das knapp vor der Pensionierung stand. So konnte ich eine neue Mannschaft aufbauen. Wir sind jetzt auch ein bisschen mutiger als früher. Zudem haben wir im Vergleich mit ganz Großen wie Shell oder Exxon Vorteile: Viele Projekte, die ihnen zu klein sind, sind für uns interessant. Und wir sind weniger furchteinflößend. Wenn wir zu Verhandlungen mit nationalen Ölfirmen kommen, sind es nicht die Amerikaner, die in die Stadt einfallen. Es bin nur ich mit einer Sachertorte.

Laut Transparency International sind die meisten ölreichen Länder auch in Korruptionsrankings ganz oben zu finden. Sind Sie schon damit in Berührung gekommen? Oder hat die Sachertorte immer gereicht?

Huijskes: Ich war persönlich nie mit Korruption konfrontiert. Und wenn ich es wäre, würde ich einfach woanders hingehen. Das ist nicht der Weg, wie wir Geschäfte machen. Ich bringe nur die Sachertorte. Wir haben schließlich einen Ruf zu verlieren.

Nehmen wir das Beispiel Libyen. Das Regime Gaddafi hat jahrelang von den Ölmillionen profitiert. Muss eine Ölfirma zwangsläufig dorthin gehen, wo politische Strukturen nicht ideal sind?

Huijskes: Es gibt Länder, in denen die Strukturen mit Europa einfach nicht vergleichbar sind. Dort können wir nur in unserer Einflusssphäre darauf achten, dass wir korrekt handeln. Wir können aber keine Regierungen ändern. Das sollten wir auch gar nicht probieren. Wenn ich 350.000 Fass am Tag von der Küste von Monaco fördern könnte, wäre das der Ort, wo ich hingehen würde.

Herr Roiss, wir haben noch einen Satz aus unserem Gespräch vor einem Jahr, den wir Ihnen gern vorlesen würden. Sie sagten damals: „Wir brauchen Nabucco und ich werde dafür kämpfen.“ Seither ist einiges passiert. Was ist der heurige Satz?

Roiss: Es ist die gleiche Antwort: Wir brauchen Gas in Europa. Das ist bekannt. Heute wissen wir aber, dass wir im Schwarzen Meer selbst große Gasvorkommen haben. Daher hat sich der Schwerpunkt unseres Interesses von Aserbaidschan in diese Region verlagert. Deswegen habe ich auch die verkürzte Variante der Nabucco – die Nabucco West – ins Spiel gebracht.

Das heißt, Sie würden die Gaspipeline Nabucco auch allein bauen?

Roiss: Wir sind keine Pipelinefirma. Aber für das Gas, das wir im Schwarzen Meer fördern wollen, brauchen wir eine Pipeline, um es zu den Kunden zu bringen. Ab 2014 wissen wir, wie viel Gas in Rumänien ist. Dann wissen wir auch, ob eine kleine Pipeline innerhalb Rumäniens reicht, oder ob wir ein Rohr bis nach Mitteleuropa brauchen. Der Wert von Nabucco ist die internationale Trasse, die von den beteiligten Ländern unterstützt wird. Diese wird in jedem Fall bestehen bleiben.

Zu den Personen

Gerhard Roiss ist seit April 2011 Vorstandsvorsitzender der OMV. Zuvor war der 60-Jährige Marketingvorstand des Konzerns.

Jaap Huijskes ist seit April 2010 Explorationsvorstand der OMV. Der Holländer war zuvor bei Shell für weltweite Großexplorationen zuständig.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.12.2012)

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153 Kommentare
 
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Re: "Die Bevölkerung hat sich dagegen entschieden???"

Und noch eine Frage bitte:
Wann und wo hat sich
"die Bevölkerung" dagegen entschieden"
Der Ökotalibansender ORF ist sicher nicht "die Bevölkerung".
Das ist ein nur miserabel geführter, von Zwangsgebühren aufrechterhaltener
Chaotenverein, der von grünen Idioten gesteuert wird.

Re: Re: "Die Bevölkerung hat sich dagegen entschieden???"

Wenn sie mir die beiden Fragen nicht beantworten können, muss ich leider annehmen, dass sie nur ein Feigling sind, der vor ein paar korrupten Politikern und grünen Idioten in die Knie gegangen ist.

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eine rot schwarze

protektions karriere aus dem bilderbuch.

Er hat nicht unrecht

In Österreich und der EU ist man teils ideologisch derart eingeraucht das man langristig gegen die USA und die Asiatischen Staaten komplett ins hintertreffen geraten wird.

Weltweit wird über die Förderung von Schiefergas nachgedacht bzw. wird es schon getan.

Re: Er hat nicht unrecht

Vielleicht hat ja unser Lieblingskanzler Zeit für eine Pro Schiefergaskampagne in der Kronenzeitung!

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OMV hat keine Perspektive

Während andere Mineralölfirmen (zB die finnische Neste zu 100 %) zu einem hohen Anteil in neue, erneuerbare Energien investieren, tut die OMV nichts dergleichen. Die chemische Industrie wird für Polymere schon recht bald massiv auf erneuerbare Rohstoffe umsteigen, die Autoindustrie auf neue Antriebstechniken (BASF investiert nicht ohne Ziel in Elektrochemiefirmen). Viele europ. Chemiefirmen stossen petrochemische Produktionsteile ab - und an der staatlichen OMV geht der Zug der Zeit vorbei. Kodak lässt grüßen.

Re: OMV hat keine Perspektive

jetzt ist die OMV doch staatlich?

Re: OMV hat keine Perspektive

Schuster, bleib bei deinen leisten.

soll ein Schuster in holz investieren?

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Re: Re: OMV hat keine Perspektive

Noch nie etwas von Holzschuhen gehört?

Re: OMV hat keine Perspektive

Sie Ahnungsloser, als ob das Erdöl auch nur irgendwann in naher Zukunft ausgehen würde... Glauben Sie mir, das erleben Ihre Kindeskindeskindeskinder nicht!

Re: Re: OMV hat keine Perspektive

warum sollte ein endliches gut nicht zu Ende gehen;) ? oder nur so ein Bauch gefühl :p

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roiss ist ein unbelehrbarer, undemokratischer

idiot. wie oft muß man ihm das sagen: wir wollen kein schiefergas, und keine atomkraftwerke.

wir haben mit beidem recht. das volk hat immer recht. und der roiss soll abtreten.

ein undemokratischer steinzeit-elephant.

Re: roiss ist ein unbelehrbarer, undemokratischer

Bitte bitte, machen Sie Ihrem Nick alle Ehre und lassen Sie uns mit diesem unwissenden Geschwätz IN RUHE!

wie sprechen sie mit anderen?

sie ahnungsloser, unsinniges geschwätz, ...

dummheit jedenfalls ist unteilbar.

Re: wie sprechen sie mit anderen?

Ignoranz auch. es gibt eine nette liste von über 160 Peer reviewed paper und Studien die zum Schluss kommen, fracken sei ungefährlich

die Universität Leoben hat den standpunkt, fracken sei ungefährlich

die Gesellschaft Nord-und südamerikanischer Geologen sagt, fracken sei ungefährlich

aber sie, Youtube und ein pseudo"Dokumentar"Film sind anderer Meinung.

wer ist hier dumm?

Hier schreibt wohl die PR-Agentur der ÖMV

mit 10 Accounts (rote Stricherln) und wenig Sachverstand

Re: Re: wie sprechen sie mit anderen?

Die Glauwürdigkeit von Unis, Wissenschaftern,Studien, div. Gesellschaften in allen Bereichen hat dank Lobbying bis hin zu Bestechung schon so gelitten, dass wir einfach kein Risiko eingehen möchten.

Re: Re: Re: wie sprechen sie mit anderen?

wem Glauben sie dann?

Re: Re: Re: Re: wie sprechen sie mit anderen?

Ich halte es wie @waldifritzi:Hat nichts mit glauben zu tun. Jedenfalls lasse ich mir von keinem, weder von Befürwortern noch von Gegnern ein "Gschicht´l einidrucken".Ich werde mir pro- und contra -Argumente anschauen und bilde mir dann eine Meinung.

Re: roiss ist ein unbelehrbarer, undemokratischer

Was, bitte, ist undemokratisch daran, eine klare Meinung zu vertreten - auch wenn diese dank populistischer Meinungsbildner auf Stammtisch-Niveau (Krone, Österreich etc.) leider sofort runtergemacht wird, ohne eine seriöse Abwägung aller Argumente auch nur zuzulassen??

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nachdenken setzt hirn vorraus

und bei diesen umweltzerstörern dürfte das fehlen

Re: nachdenken setzt hirn vorraus

Dass bei den Arbeitsplatz-Zerstörern das Hirn noch viel mehr aussetzt, werden wir alle leider allzu bald merken!
Wenn in ganz Europa Millionen Arbeitsplätze verloren gehen, dann werden halt wieder die üblichen Verdächtigen als Schuldige identifiziert: die Kapitalisten und bösen Neoliberalen, die Globalisierer, die Spekulanten usw.

Mal schauen, ob diese primitive Weltsicht sich dann immer noch aufrecht erhalten lassen wird ...

Re: Re: nachdenken setzt hirn vorraus

und wer ist dann schuld;) ? ist ja gerade ein kapitalistisches Problem, nicht?

Re: Re: Re: nachdenken setzt hirn vorraus

Und wenn SIE persönlich Ihren Job verlieren, weil halt die Industrie aufgrund der niedrigeren Energiekosten in Asien und Amerika produziert und nicht mehr in Europa?

Mit vollen Hosen lässt sich's leicht stinken ...
Es war genau jener nun von uns so heftig kritisierte Kapitalismus, der uns den einzigartigen Wohlstand ermöglicht hat, in dem wir - derzeit noch - leben! Leider ist unsere Gesellschaft offenkindug schon zu saturiert, um dies zu erkennen und ernsthaft darum zu kämpfen, das Niveau auch nur einigermaßen zu halten.
Da sind Millionen Menschen, etwa in Asien, viel "hungriger" und werden uns rascher überholen als uns lieb ist.

Aus der warm beheizten Stube heraus ist es wahrlich leicht, den Moralapostel zu spielen ... wie sattgefressene Maden im Speck ...

Re: Re: Re: Re: nachdenken setzt hirn vorraus

und ich dachte wir würden uns den wohlstand aufgrund der Ausbeutung anderer länder leisten können;) egal ob kapitalismus oder Kommunismus- wenn man ganze kontinente ausbeutet hat man soviel dreck am stecken, dass das der Grund für die stinkende Hose sein könnte ;)

als Lösung die Zerstörung von noch mehr lebensraum zu fordern finde ich perspektiven los... sollen bei uns die menschen auch ohne sxhutzgewandt mit Quecksilber hantieren ;)

0 1

Meinen Sie die Art desKapitalismus' von Lehman Brothers, Golman Sachs bis zur Bawag??


Eines der besten Dinge, die mir mein Vorgänger hinterlassen hat, war ein Führungsteam, das knapp vor der Pensionierung stand.

Aha. Na dann.

Der Kurs der OMV-Aktie dümpelt jedenfalls seit 5 Jahren konstant bei der Hälfte des Kurses von 2008.

Währenddessen hat der Kurs von Shell das Niveau von 2008 schon übertroffen...

Re: Eines der besten Dinge, die mir mein Vorgänger hinterlassen hat, war ein Führungsteam, das knapp vor der Pensionierung stand.

der Kurs ist letztes Jahr um 25% gestiegen. lt. S

 
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