Gewerbeordnung: "Das hat sich bewährt"

29.12.2012 | 18:04 |  von Jeannine Hierländer (Die Presse)

Die österreichische Gewerbeordnung stand einst im Zeichen der wirtschaftlichen Freiheit. Heute steht sie vor allem für strenge – und zahlreiche – Zugangsbeschränkungen.

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Martina Ganahl arbeitet viel, aber für ihren Geschmack noch nicht genug. Seit vier Jahren ist sie selbstständig, sie führt einen Reinigungsbetrieb mit vier Mitarbeitern. Irgendwann haben auch Büros um ihre Putzdienste angefragt. Aber sie musste ablehnen. Denn das freie Reinigungsgewerbe, das sie angemeldet hat, erlaubt nur das Putzen „nach Art der Hausfrau“. Um auch in öffentlichen Gebäuden sauber zu machen, bräuchte sie einen Befähigungsnachweis. Denn die „Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereinigung“ ist ein reglementiertes Gewerbe. „Ich wollte nur Büros zusätzlich reinigen, an der typischen Gebäudereinigung bin ich gar nicht interessiert“, so Ganahl. Um die Prüfung abzulegen, fehlt ihr die Zeit. „Ich bin ja auch so den ganzen Tag arbeiten.“

Die Gebäudereinigung ist eines von rund 80 Gewerben, die in Österreich „reglementiert“ sind, für die man also einen Befähigungsnachweis – im klassischen Fall die Meisterprüfung – braucht. Auf der Liste stehen unter anderem die Arbeitsvermittlung, Fremdenführer, Gärtner, Maler und Anstreicher, Reisebüros. Ein anderes Beispiel ist der Beruf Nageldesigner, ein sogenanntes Teilgewerbe. Die Auflagen für ein Teilgewerbe sind weniger streng als für die reglementierten Gewerbe, aber auch dafür muss ein Befähigungsnachweis erbracht werden. Und auch dieser gilt nur eingeschränkt.

So darf eine Nageldesignerin zwar Nägel lackieren und Kunstnägel anbringen, aber keine Fußnägel lackieren und auch nur eingeschränkte Maniküre machen. „Dazu bräuchte sie eine zusätzliche Ausbildung“, erklärt Margit Riebenbauer von der Wiener Landesinnung der Fußpfleger, Kosmetiker und Masseure. „Wenn sie die Fußnägel lackieren möchte, muss sie einen extra Kurs für das Design von Fußnägeln machen“, so Riebenbauer. Dann könne sie ein zweites Teilgewerbe anmelden. Riebenbauer zufolge kostet das meistens um die 360 Euro.

Laut Erwin Czesany, Geschäftsführer sowohl der Bundesinnung der Kosmetiker als auch der Gebäudereiniger- Innung, dient die Regulierung dieser Gewerbe dem Schutz des Konsumenten. So lerne ein Gebäudereiniger in der Ausbildung etwa verschiedene Steine und chemische Reinigungsmittel kennen. „Wenn ich das falsche Mittel auf Naturstein verwende, wird der fleckig und ich muss den ganzen Boden herausnehmen. Das kann sehr teuer werden.“ Deshalb hält er den Schutz der Gewerbe auch „absolut nicht“ für übertrieben. „Das hat sich bewährt und es gibt auch keine Intention, das zu ändern.“


Reform gefordert. Die „bewährte“ Gewerbeordnung geht auf das Jahr 1859 zurück und stand einst im Zeichen wirtschaftlicher Freiheit: Der Habsburgermonarchie drohte der Bankrott, das freie Unternehmertum sollte für den Aufschwung sorgen. Nur für 14 Gewerbe brauchte man damals eine Konzession. Zugangsbeschränkungen wurden erst nach und nach eingeführt. Rufe nach Reformen gab es immer wieder. Etwa von der Grünen Wirtschaft. Bundessprecher Volker Plass nennt die strikte Regulierung eine „Wirtschaftsbremse“ und fordert eine „radikale Entrümpelung“ der Gewerbeordnung. Sie diene nur dazu, den Markt abzuschotten. „Rund die Hälfte der Gewerbe könnte man sofort freigeben.“

Ein erster Schritt der „Entrümpelung“ war die Liberalisierung des Fotografengewerbes. Dieses war in Österreich lange zweigeteilt: Die meist in der Lehre ausgebildeten „Berufsfotografen“ auf der einen Seite, die „Pressefotografen“ auf der anderen. Sie brauchten zwar keine Ausbildung. Dafür durften sie keine Hochzeiten, Schulklassen oder Sponsionen fotografieren und auch keine Passfotos oder Porträts machen – egal, wie bekannt oder erfolgreich sie waren. Heuer wurde das Gewerbe auf Initiative von ÖVP-Wirtschaftsminister Reinhold Mitterlehner freigegeben. Nun kann jeder als Fotograf arbeiten – mit einer Einschränkung: Fotografen ohne Ausbildung dürfen in den ersten drei Jahren nicht für Privatkunden arbeiten. In vielen EU-Ländern ist das Gewerbe frei.

Verschlankung. Die Gewerbeordnung wird regelmäßig angepasst. Eine große Reform gab es etwa 2002. Damals wurde die Gewerbeordnung verschlankt und der Handel ein freies Gewerbe: Seither braucht man keinen Befähigungsnachweis mehr, um ein Geschäft aufzusperren. Lebensmittelhändler dürfen seither auch Bier und Speisen servieren und Friseure Kaffee. Auch die Bedarfsprüfung für Bestattungsunternehmen wurde damals abgeschafft. Zuletzt ging im Dezember eine Novelle in Begutachtung: Betriebsübergaben werden erleichtert, die Genehmigungspflicht für Public Viewing abgeschafft. Von der Liberalisierung des Gewerbezugangs ist keine Rede. Dem Vernehmen nach waren die Fotografen ein Testlauf für eine umfangreiche Liberalisierung der Gewerbeordnung. Im Wirtschaftsministerium gibt man sich dazu bedeckt: „Derzeit ist nichts in diese Richtung geplant.“

Kein Wunder. Eine Reform hat viele Gegner. Vor allem die mächtige Wirtschaftskammer beharrt auf dem Status quo. Schließlich gehe es um Gesundheit und Sicherheit der Menschen und die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs, sagt WKO-Generalsekretärin Anna Maria Hochhauser. „Ausbildungs- und Zugangsvorschriften werden laufend hinterfragt und auch angepasst, wenn es sachlich gerechtfertigt ist“, so Hochhauser. „Aber grundsätzlich ist es so, wie es ist, in Ordnung.“

In Zahlen
1859

Auf dieses Jahr geht die heutige Gewerbeordnung in ihren Ursprüngen zurück.

2002

In diesem Jahr wurde die Gewerbeordnung verschlankt. Seither ist der Handel ein freies Gewerbe.

80

So viele Gewerbe sind in Österreich reglementiert. Um sie auszuüben, braucht man einen entsprechenden Befähigungsnachweis.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)

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60 Kommentare
 
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sauerei!!!!!

das ganze ist eine einzige sauerei!

dient dazu um die mitbewerberanzahl drastisch zu reduzieren!

ausser bei einigen wenigen berufsgruppen (zB. baumesiter, elektrotechnik) sollte das wegfallen....

pervers ist auch sie können einen gewerbeschein als sogenannter "energetiker" als freies gewerbe beantragen, jeder bekommt den.

das sind dann die unzähligen wunderheiler die die dann oft ahnungslose schwerkranke abzocken....

aber nagel lackieren dürfen sie nicht....

zum kotzen ist dass!

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Die grösste künstliche Wirtschaftsbremse !


selbständig machen?

wer in diesen zeiten ernsthaft daran denkt sich selbständig zu machen ohne ordentlich kohle gespart zu haben (>20000 für kleinunternehmen ohne mitarbeiter und anlagevermögen), bestehende kundenverbindungen hat und fachlich 100% weis was er tut hat ohnehin einen hyperknall.

Re: selbständig machen?

Wenn er eine Meisterprüfung oder dergleichen hat, ist das ein starkes Indiz, das er als Neugründer von den Kunden anerkannt wird und weiterempfohlen werden kann, weil evt. auch etwas können müsste. Dann ist das Risiko überschaubar. Ich kann daher den Pessimismus nicht ganz nachvollziehen. Sich gut ausbilden, ausbilden lassen und va etwas lernen und das auch umsetzen, könnte helfen. Handeln kommt von Hand, und nicht von Maul. sonst müsste es maulen heißen. ich kann dem generellen Pessimismus bezüglich Wko nichts abgewinnen. natürlich gehört entrümpelt und reformiert, keine frage. aber die Zeiten waren in Ö seit Jahren nicht so gut um durchzustarten.

Re: Re: selbständig machen?

geht nicht nur ums fachliche können, das muß da sein. gerade bei den freien gewerben interessiert die wk nur der beitrag. ohne kohle ist das dann oft ein kurzes gastspiel bis die sva den laden dicht macht.

jetzt erst den letzten satz gesehen. wie bitte? wir haben gute zeiten zum durchstarten? sagen sie mir eine branche zum durchstarten.

Re: Re: Re: selbständig machen?

jede nicht-kapitalintensive Branche, bei der es möglich ist, mittels Innovationen in den Markt einzudringen. Hängt von der Region und den jeweiligen Wettbewerbssituation ab.
die persönlichen Kontakte sind ebenfalls wichtig ... Kooperationen usw
; aber natürlich ist der Einstieg eine Hürde und für denjenigen mit wenig Kohle schwieriger.

Re: selbständig machen?

ich korrigiere, der sollte sich in seinem eigenen interesse und dem interesse seiner familie über die möglichkeiten einer sachwalterschaft am zuständigen bezirksgericht informieren.

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„Wenn sie die Fußnägel lackieren möchte, muss sie einen extra Kurs für das Design von Fußnägeln machen“, so Riebenbauer

Einfach nur lachhaft.

Es wird Zeit für eine grundlegende Reform !

Dort wo sich die "Damen und Herren Funktionäre und diejenigen in Beamtenstatus" nicht auskennen wie z.B. Internethandel, Webdesign und Programmierung gibt es keine Befähigungsprüfungen, da die Prüfer überfordert wären. Aber zum Nägel lackieren reicht es.


Re: „Wenn sie die Fußnägel lackieren möchte, muss sie einen extra Kurs für das Design von Fußnägeln machen“, so Riebenbauer

da wird sicher von der fachgruppe oder über das wifi eine netter kurs angeboten. und so geht das erworbene wissen zu wohlfeilen tarifen auf die nächste generation von nageldesignern weiter.

gebaeudereinigung

zur Fall Frau Ganahl:
ist denn diese Prüfung eine so große Hürde, sodass diese nebenberuflich nicht zu schaffen ist ?
ich halte die Darstellung im Artikel für polemisch und überzogen.

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Eh egal

Oder sie kann einfach das Gewerbe Hausbetreuung anmelden, das reicht den meisten schwindligen Kunden auch.

Die Strafen für Gewerbeübertretungen ähneln in Wien sowieso eher einem "Du Du Schlimmer!" als einer wirklich Strafe - die Chancen sind groß, dass ein mittelmässiges Verkehrsdelikt teurer kommt.

Re: Eh egal

Wie sind die Strafen denn ausgestaltet? Haben Sie dazu Quellen? Würde mich wirklich interessieren.

MfG

Re: Eh egal

Wie sind die Strafen denn ausgestaltet? Haben Sie dazu Quellen? Würde mich wirklich interessieren.

MfG

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Die Gewerbeordnung ist wie ein um den Hals gebundener Mühlstein.


Weg mit dem Dreck!
Ersatzlos streichen!

(Ausgenommen Strom, Gas und einige ganz wenige andere Bereiche)

Innung ist eine Frechheit

Den Artikel finde ich sehr gut. Denn endlich wird darüber auch in den Medien endlich geschrieben. Ich meine bei manche. Berufe ist die Gewere Ordnung vielleicht gut aber bei den meiste ist es bloss eine Schikane für den Bürger der etwas verdienen will und damit Steuern zahlt.
Außerdem ich hatte heuer eine Meisterprüfung wo meine Prüfer sogar im Internet als inkompident angeprangert werden mit völligem Recht, denn dennen ihre Arbeiten könnte ein unausgebildeter weitaus besser mach.
Abgesehen, dass die Prüfer eine dermaßen frechen Umgang pflegen, beurteilen diese auch kommplett willkürlich um mehr in ihre und die der Innungs Geldbörserl zu bekommen.
Ich würde ja gerne den Gesamten Ablauf der Prüfung näher Schildern aber das wäre hier zu viel. Aber so Phrasen: ,,Kleiner frecher Lausbur wenn ma allein wäre würd ich ihnen eine watschen geben'' vorher noch zu mir ihr Lineal ( faber castell) ist falsch sind sie blind das Lineal ist falsch.
einfach Fehler suchend!
kleine Ausschnitt .

Informatiker darf nicht Fenster putzen!

Informatik ist ein freies Gewebe (gestaffelter Praxisnachweis).

Ich darf als Informatiker also Steuerungssoftware für zB Industrieanlagen, Flugzeuge, Atomkraftwerke programmieren, aber ich darf keine Büros reinigen oder Nägel lackieren?

Wer macht unsere Gesetze, und welchen Befähigungsnachweis haben unsere Gesetzgeber eigentlich?

Re: Informatiker darf nicht Fenster putzen!

Das wäre super. Befähigungsnachweis für Politiker. Für den Anfang würde sicher ein einfacher IQ Test ausreichen.

Komisch...

bei uns in der Schule (=Gebäude) wurde von völlig inkompetenten ausländischen Leuten die Reinigung gemacht. Die hatten NULL Ahnung, was zu tun ist, extrem stinkende Reinigungsmittel in einem Fall sogar. Die wurden von irgendso einem Leihsklaventreiberinstitut geschickt, wechselten alle paar Wochen, usw usf. Wo war da der Befähigungsnachweis? Ah so, das war ein Gebäude der Gem. 'Wien! Na dann.....

Re: Komisch...

Kleiner Hinweis: Der Gewerbetreibende braucht den Nachweis, nicht seine Lohnsklaven.

Ist an der Universität auch nicht anders

da beschließen jene Profs, die selbst noch unter einfachen Bedingungen ihr Doktorat "erworben" haben, nach und nach höhere Hürden. Was so ganz nebenbei auch dem eigenen Klingelbeutel dient und die Kosten für den Staat in die Höhe treibt, aber der macht ja bei jeder Dummheit mit, der Steuerzahler hat es zu zahlen!

Meisterprüfung für Gewerkschafter

Gibt's die? Was muss man dafür können?

Gesundheit und Sicherheit der Menschen und die Wettbewerbsfähigkeit Österreichs?

Den Kämmerern geht es nur darum, niemanden an den Trog zu lassen! Ein tschechischer Elektriker darf sein Gewerbe im Rahmen der EU-Dienstleistungsfreiheit in Österreich ausüben, einem österreichischen Staatsbüger verweigert man das Gewerbe aus teils fadenscheinigen Gründen. Das ist typisch österreichisches Absichern der eigenen Pfründe, zumal künftige Mitbewerber über einen richten, ob er würdig ist, ein Gewerbe auszuüben.

Immobilienmakler

Gut , dass es die Gewerbeordnung gibt.
Die Qualitaet der erbrachten Dienstleistungen im maklergewerbe wäre mit Sicherheit deutlich geringer, gäbe es die GewO nicht.
Der Ausbildungs- und Fortbildungsdruck tut jedem Berufsstand gut und kommt den Kunden zugute.
ein Kunde soll auch das an Qualitaet erhalten, was er glaubt für sein Geld auch tatsächlich zu bekommen.
Es bekennen sich viele dazu, ein sachverstaendiger Makler zu sein, der über die entsprechende Fachkenntnis und Kunstfertigkeit verfügt, die aber mehr von Gier angetrieben sind und denen jeder Idealismus zur Ausübung der Tätigkeit zu fehlen scheint. Ich würde mich als Kunde vor dem Berufsstand geradezu fürchten, wenn das maklergewerbe ein freies Gewerbe würde. Wer meint, über entsprechende Fähigkeiten zu verfügen, sollte auch keine Angst vor einer Konzessions- oder Meisterprüfung haben müssen.

Re: Immobilienmakler

Ironie, oder?
Hoffentlich...

Re: Immobilienmakler

Sie würden sich bei einem Immobilienkauf auf den Makler verlassen? Machen Sie Witze?
Das wär ja genau so dämlich, wie sich bei der Geldanlage auf die Bankberater zu verlassen...

Re: Re: Immobilienmakler

ja, aber nur wenn es sich um einen erfahrenen Profi handelt!

 
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