Nordbergstraße: Wenn Provisionen "wandern"

Im Fall Nordbergstraße ermittelt die Korruptionsstaatsanwaltschaft Wien wegen Untreue zum Schaden der Telekom Austria. Die Telekom verkaufte 2003 ein Objekt an Porr/Kallinger – sie zahlte dem Käufer Millionen.

Nordbergstrasse Wenn Provisionen wandern
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Nordbergstrasse Wenn Provisionen wandern
Meischberger – (c) REUTERS (HEINZ PETER BADER)

Wien. Die Nordbergstraße: Kein Mensch kannte sie – auch die Bewohner des neunten Wiener Gemeindebezirks dürften keine Ahnung von den brisanten „Geschäften“ gehabt haben, die dort vor nunmehr fast zehn Jahren abgewickelt wurden. Bis im Jahr 2010 im Zuge der Ermittlungen rund um den Buwog-Skandal ein Telefonat zwischen den beiden Grasser-Freunden, dem Lobbyisten Walter Meischberger und dem Immobilienmakler Ernst Karl Plech, bekannt wurde. „Wo woar mei Leistung?“ lautete die inzwischen legendäre Frage Meischbergers zur Provision von 708.000 Euro. Und Österreich war um einen Immobilienskandal abseits von Buwog und Terminal Tower Linz reicher.

Im Fall Nordbergstraße ermittelt die Korruptionsstaatsanwaltschaft Wien (WKStA) wegen Untreue zum Schaden der Telekom Austria – er wird als Teil der Buwog-Causa behandelt. Beschuldigt sind Meischberger und Plech, der ehemalige Bauunternehmer Anton Kallinger sowie Stefano Colombo, Wolfgang Frauenholz, Birgit Wagner und Erich Zanoni (alle Telekom Austria). Für alle Betroffenen gilt die Unschuldsvermutung, im Korruptions-U-Ausschuss haben sie jegliche Anschuldigungen zurückgewiesen.

Eine Reihe von E-Mails sowie Rechnungen (und dazu gehörende Entwürfe), die bisher nicht im Detail bekannt waren, geben Aufschluss darüber, welch seltsame und ungewöhnliche Geschäftspraktiken damals gepflegt wurden. Wobei nicht nur Meischberger sehr gut verdient haben könnte. Geld wurde nämlich mehrmals im Kreis geschickt.

 

BIG ging leer aus

2003 verkaufte die Telekom Austria ein Bürogebäude in der Nordbergstraße nicht wie geplant an die BIG, sondern an das Porr-Kallinger-Konsortium Soreg. Um 30,522 Mio. Euro. Der Mehrerlös der Telekom betrug 1,6 Mio. Euro. Das war, wie sich wenig später herausstellte, ein Klacks. Denn die Soreg verkaufte das Objekt und ein von ihr um 4,1 Mio. Euro dazu erworbenes Grundstück wenig später um 48,967 Mio. Euro an das Bankhaus Wölbern. Das war eine Wertsteigerung von 14,3 Mio. Euro oder 41 Prozent – binnen eines Monats.

Allein dieser Gewinn innerhalb kürzester Zeit lasse den Rückschluss auf Kick-back–Zahlungen zu, sagt die Grünpolitikerin Gabriela Moser, die lange den Korruptions-U-Ausschuss führte, zur „Presse“.

Plech hat im Ausschuss bestritten, dass er als damaliger BIG-Aufsichtsrat Insider-Infos aus der BIG an die Soreg weitergegeben hat. Die WKStA geht dennoch der Vermutung nach, zumal Meischberger in einem Verhör gesagt hat, dass er die Provision mit Plech geteilt habe. Einige Monate später revidierte Meischberger die Aussage dahingehend, dass er das Projekt allein abgewickelt habe. Plech sei nur Ratgeber gewesen.

Was Moser ebenso verdächtig erscheint: Der Telekom blieb von ihrem Mehrerlös so gut wie nichts übrig, denn sie zahlte rund 1,2 Mio. Euro an Provisionen und für Sanierungsarbeiten an Porr und Kallinger. Schon im September 2003, knapp nach Abschluss des Deals zwischen Telekom und Soreg, begann das Geld zu rotieren. In einem Mail (26.9.2003) der Telekom-Mitarbeiterin Birgit Wagner an Controlling und Einkauf befinden sich vier – mit der Porr abgestimmte – Rechnungsentwürfe über 600.000 Euro (Maklerprovision) sowie 102.000, 63.600 und 436.800 Euro für Sanierungsarbeiten. Die Telekom entwarf Rechnungen, die Kallinger und Porr dann stellten.

 

Käufer als Makler?

Der inzwischen erkrankte Bauunternehmer Anton Kallinger-Prskawetz verrechnete am 26.9.2003 600.000 Euro „wie vereinbart für die erfolgreiche Vermittlung Ihrer Immobilie Nordbergstraße 15“. Kallinger war Teil des Käuferkonsortiums und gleichzeitig Makler. Am 25.10. stellte Meischberger eine Rechnung über 708.000 Euro an Kallinger – „für die Beratung und Unterstützung Ihrer Unternehmung bei der Entwicklung und Verwertung der oben angeführten Immobilie“. Kallinger reichte das Geld an Meischberger weiter.

Wer beriet wen wobei? Nicht nur Moser findet den Geldfluss höchst aufklärungswürdig. Auch in der dem Strafverfahren angeschlossenen Privatklage der Telekom spielen die Vorgänge eine zentrale Rolle. „Es ist völlig unüblich, dass der Verkäufer einer Immobilie an den Käufer Provisionen für Sanierungsarbeiten zahlt“, sagt Moser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.12.2012)

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