Stepic: „Es gibt Banken, die niemand braucht“

Raiffeisenbank-International-Chef Herbert Stepic über verschleppte Bankenreformen, überzogene Eigenkapitalvorschriften, gefährliche Schattenbanken und das weiterhin hohe Potenzial im Osten.

Herbert Stepic
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Herbert Stepic – REUTERS

Die Presse: Herr Stepic, seit Jahrzehnten hören wir, dass es in Österreich zu viele Banken gibt. Wieso geht bei der Strukturreform nichts weiter?

Herbert Stepic: Es stimmt, wir haben Reformbedarf. Aber die Chancen waren noch nie so gut wie jetzt. Wir haben mit Hypo Alpe Adria, Kommunalkredit und Övag drei Institute, die über die Fimbag (staatliche Bankenbeteiligungsholding, Anm.) abgewickelt werden. Wenn man es jetzt nicht zusammenbringt, Kapazitäten aus dem Markt zu nehmen – was muss denn dann noch alles passieren?

Und ohne die notverstaatlichten Institute hätten wir schon die optimale Struktur?

Natürlich nicht. Es gibt eine Reihe von Instituten, bei denen man sich fragen muss: Wer braucht die? Was ist deren Funktion? Meine Söhne waren seit Jahren in keiner Bankfiliale, die machen alles per Internet. Da haben wir enorme Überkapazitäten.

Und wen braucht man wirklich?

Meines Erachtens nach kämen wir mit den drei großen Bankgruppierungen (Raiffeisen, Erste/Sparkassen, Bank Austria, Anm.) aus, wobei es innerhalb der Sektoren zu weiteren Konsolidierungen kommen muss. Daneben wird es noch Platz für ein paar insignifikante Privatbanken geben.

Der Bankensektor insgesamt scheint sich ja wieder erholt zu haben.

Ja, aber es kommen zwei negative Umstände zusammen: Die Wirtschaft wächst schwächer, und die Regulatoren haben ausgerechnet in dieser Phase überproportionale Kapitalanforderungen gestellt.

Das soll die Banken immerhin stabiler machen.

Aber das Pendel schlägt nach der überzogenen Liberalisierung in den Neunzigern zu stark in die Gegenrichtung aus. Die Regulatoren haben es in diesem Fall leicht, denn in der Öffentlichkeit kann ja wirklich niemand etwas gegen höheres Kapital bei Banken haben. Wir haben aber jetzt den Punkt erreicht, ab dem sich die Banken primär mit sich selbst beschäftigen, um die Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen – und damit die Wachstumsfinanzierung vernachlässigen.

Heißt das, es droht eine Kreditklemme?

Eine Kreditklemme gibt es derzeit nicht, weder in Österreich noch in Osteuropa.

Aber wenn die Wirtschaft wieder anspringt ...

...dann haben wir ein Problem. Wir geben ausreichend Kredite, aber die Banken können nicht mehr wachstumsfördernd tätig sein, weil jedes dritte Monat ein Regulator kommt und sagt: „HörenS', Stepic, Sie brauchen jetzt noch ein Prozent mehr Eigenkapital. Wissen S' was, nehmen S' gleich zwei Prozent mehr, aber nicht bis 2019, sondern bis 2014.“ Das ist eigentlich katastrophal.

Dafür ist ein großer Teil der Branche, die Schattenbanken, praktisch unreguliert.

Der Eindruck, dass die Regulatoren diesem Bereich viel zu wenig Aufmerksamkeit widmen, ist leider richtig. Dieser Bereich, von dem extrem negative Einflüsse ausgehen, macht mit 66.500 Milliarden Dollar schon 27 Prozent des Volumens des gesamten globalen Kreditapparats aus – und nimmt weiter zu. Ein Wahnsinn, dass man sich dem nicht schwerpunktmäßig widmet.

Ein Problem scheinen auch die großen Bilanzierungsspielräume zu sein. Ganz ehrlich: Können Sie aus einer Bilanz, die Sie nicht selbst erstellt haben, den Zustand einer Bank ableiten?

Ohne begleitende Erklärungen nicht. Mit den gesamten begleitenden Erklärungen laut IFRS zu 80Prozent. Zu hundert Prozent sicher nicht, dazu sind diese Zahlenwerke zu komplex. Genau deshalb machen wir ja beispielsweise quartalsweise Analystengespräche. Wir sind selbst höchst an Transparenz interessiert. Je transparenter man ist, desto weniger Probleme hat man mit Aktionären und der Öffentlichkeit.

Die Probleme in Osteuropa, wo österreichische Banken schwerpunktmäßig tätig sind, sind etwas aus dem öffentlichen Fokus geraten. Hat sich die Lage dort beruhigt?

Osteuropa ist ein völlig heterogener geografischer Raum, die Generalisierung als einheitliche Region stammt noch aus der Ostblockzeit. Die wirtschaftliche Entwicklung ist beispielsweise in Tschechien, der Slowakei, Polen und Russland hervorragend. Dafür gibt es Probleme in Teilen des Balkans, etwa in Serbien und Kroatien, und die Ukraine hat zehn Jahre ihrer Entwicklung verloren. Die Zukunftsaussichten sind sehr positiv, Osteuropa insgesamt wird in den nächsten Jahren einen Wachstumsvorsprung von gut zwei Prozent gegenüber der Eurozone halten. Das ist ein enormer Unterschied.

Es gibt aber Probleme mit faulen Krediten, oder nicht?

Der Anteil der Non-Performing Loans liegt in Osteuropa insgesamt bei zehn Prozent, also annähernd doppelt so hoch wie in Westeuropa. Das ist nicht existenzbedrohend. Bei den Fremdwährungskrediten liegen die Wertberichtigungen etwa bei 34 Prozent. Man muss aber bedenken, dass in Emerging Markets fast nur besicherte Kredite vergeben werden. In diesem Bereich haben wir durch die Krise hindurch mit Ausnahme Ungarns immer ein positives Gesamtergebnis gehabt. Wir sind in 17 Ländern tätig, Diversifikation ist unsere Stärke – da gleichen sich Probleme in einem Bereich im anderen immer wieder aus.

Sie bleiben also in allen osteuropäischen Märkten?

Natürlich. Wir fokussieren aber unsere Wachtumsstrategie. Dort, wo Potenzial ist, etwa in Russland, werden wir künftig stärker wachsen. Die Situation in Osteuropa hat sich insgesamt deutlich verbessert, das Ausbildungsniveau und die Einsatzbereitschaft der Beschäftigten sind sehr hoch. Die Realität dort ist völlig anders als das Bild, das man sich bei uns vielfach macht.

Vor einigen Jahren haben Sie mit der Erste Group über eine Zusammenarbeit im Osten, konkret über eine Fusion, verhandelt. Ist da noch etwas im Busch?

Nein, das ist jetzt nicht mehr denkbar, weil beide Gruppen zu einem Gutteil vom Geschäft in Osteuropa leben. Wenn man diese Geschäfte fusioniert, dann schwächt das den Sektor, der das abgibt. Die Motivation damals war, eine starke Bank zu erhalten, die zur Gänze in österreichischer Hand ist. Ich habe da einen anderen Zugang und meine, man sollte viel europäischer denken.

Auf einen Blick

Dr. Herbert Stepic (66) ist Vorstandsvorsitzender der börsenotierten Raiffeisenbank-International, in der alle osteuropäischen Banken und Finanzunternehmen der österreichischen Raiffeisengruppe zusammengefasst sind. Der promovierte Handelswissenschaftler, seit 1973 in der Raiffeisen Gruppe tätig, hat die Raiffeisen Bank International aufgebaut und zu einer der größten westeuropäischen Banken in Osteuropa gemacht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.01.2013)

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