Wettbewerb: Österreich verspielt sein bestes Ass

Analyse. Österreichs Lohnstückkosten stiegen in den vergangenen zehn Jahren schneller als jene der Eurozone. Der Vorsprung des Landes in Sachen Wettbewerbsfähigkeit schmilzt.

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Symbolbild Wettbewerb – (c) Www BilderBox com (Www BilderBox com)

Wien. Jahrelang hatte die heimische Industrie ein sicheres Ass in der Hand: Hoch produktive Mitarbeiter mit moderaten Löhnen machten Österreichs Wirtschaft weltweit konkurrenzfähig. Sogar so sehr, dass sich das Land gemeinsam mit Deutschland den Vorwurf von manchen Ökonomen einhandelte, sich über niedrige Lohnsteigerungen einen „unfairen" Vorteil gegenüber anderen Euroländern wie Griechenland zu verschaffen.

Damit ist es nun vorbei. Wie ein Blick in die Statistiken der Europäischen Union zeigt, sind Österreichs Lohnstückkosten seit 2002 nicht langsamer, sondern sogar schneller gestiegen als jene der 17 Euroländer im Schnitt. Im Umkehrschluss heißt das: Der Vorsprung des Landes in Sachen Wettbewerbsfähigkeit schmilzt. Denn Lohnstückkosten, da sind sich alle Ökonomen ausnahmsweise einig, zählen zu den besten Möglichkeiten, um die Konkurrenzfähigkeit einer Volkswirtschaft zu messen. Sie weisen aus, wie effizient die Arbeitskräfte eines Landes agieren. Sinkt die Produktivität oder steigen die Löhne, wird die Produktion teurer und die Konkurrenzfähigkeit sinkt.

Arbeitnehmer profitieren kaum

Das bedeutet freilich nicht, dass auch die österreichischen Arbeitnehmer im letzten Jahrzehnt überdurchschnittlich viel Geld von ihren Arbeitgebern überwiesen bekamen. Denn die Nettolöhne spielen für die Berechnung der Lohnstückkosten gar keine Rolle. Ausschlaggebend sind die gesamten Arbeitskosten, also die Bruttolöhne plus alle übrigen Abgaben, die der Arbeitgeber für seine Angestellten zu entrichten hat. Genau hier langte Österreich in den vergangenen Jahren deutlich kräftiger zu als andere Staaten. Von einem Euro, den ein Unternehmer für seinen Mitarbeiter bezahlt, kommen hierzulande nur 51,6 Cent tatsächlich beim Arbeitnehmer an, errechnete die OECD. Das sind um 13,1 Cent weniger als im internationalen Durchschnitt. Nur vier Finanzminister in Industrieländern nehmen sich mehr vom Verdienst ihrer Bürger als Maria Fekter.

Griechenland überholt Österreich

Der zweite Grund, warum steigende Lohnstückkosten nicht automatisch Jubelstürme bei den Beschäftigten auslösen: Lohnstückkosten gehen nicht nur dann in die Höhe, wenn mehr bezahlt wird, sondern auch, wenn weniger gearbeitet wird. Genau das war in Österreich der Fall. Nicht nur die in der Krise weit verbreitete Kurzarbeit, sondern auch der generell hohe Beschäftigtenstand in der Industrie haben den Output pro Mitarbeiter stark sinken lassen. Für weniger Arbeit haben Österreichs Angestellte also verhältnismäßig mehr Lohn erhalten. „In den vergangenen Jahren sind die Löhne nicht hinter der Produktivität zurückgeblieben", sagt Helmut Hofer, Arbeitsmarktexperte vom Institut für Höhere Studien. Aus Sorge vor Facharbeitermangel wird sich am Beschäftigtenstand so schnell wohl auch nichts ändern. Aber was bedeutet das für die Konkurrenzfähigkeit Österreichs?

In diversen Standort-Rankings rutscht das Land seit Jahren in die Mittelmäßigkeit ab. Neben hohen Arbeitskosten sind Steuern und Abgaben sowie hohe Energiekosten die häufigsten Gründe für die schlechteren Noten. Doch die Konkurrenz schläft nicht. So hat das Krisenland Griechenland in den vergangenen zehn Jahren etwa nicht nur Österreich, sondern sogar Deutschland in der Entwicklung der Lohnstückkosten abgehängt. Das bedeutet freilich nicht, dass Griechen plötzlich wettbewerbsfähiger als Deutsche oder Österreicher sind. Denn sie sind 2002 von einem gänzlich anderen Niveau gestartet. Zum Vergleich: Eine Arbeitsstunde kostet in Griechenland etwa 17 Euro, in Österreich 30 Euro. Diese Differenz können die heimischen Mitarbeiter dank ihrer höheren Produktivität aber mehr als wettmachen.
Aber nicht nur Europas Sorgenkinder holen gegenüber Österreich auf. Auch Deutschland hat es geschafft, seinen Vorsprung bei den Lohnstückkosten gegenüber der Eurozone in den vergangenen Jahren zu halten - und hat so, ganz nebenbei, seine Probleme am Arbeitsmarkt gelöst.

In der Nische deutlich besser

„Österreich hat seinen Vorsprung schon verspielt", sieht Christian Helmenstein, Chefökonom der Industriellenvereinigung, die Lage düster. In den wichtigsten Branchen, also etwa den exportstarken Technologie-Nischen, seien die Lohnstückkosten dank jährlicher Produktivitätssteigerungen von bis zu acht Prozent zwar deutlich niedriger. Dennoch seien erste negative Auswirkungen auf die Konjunktur schon zu sehen. So schätzt der Ökonom das Potenzialwachstum des Landes auf nur noch 1,3 Prozent. Das heißt: Selbst wenn alle Kapazitäten voll ausgelastet sind, steigt die Wirtschaftsleistung nur um 1,3 Prozent. Noch in der Mitte der Nullerjahre lag dieser Wert bei 2,5 Prozent. Heute kann Österreich im besten Fall der Stagnation entgehen. Umgekehrt bedeutet das: jeder kleine Schnupfen in der Weltwirtschaft wirft das Land in die Rezession zurück.

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Sein Kollege Helmut Hofer sieht in dieser Entwicklung keine allzu große Gefahr. Im Gegenteil: „Es gibt auch Länder außerhalb der Eurozone. Und es wäre doch geradezu pervers, innerhalb Europas weiter großartige Vorteile aufzubauen." Man könne schließlich nicht fordern, dass der Süden aufholen soll und gleichzeitig verlangen, dass auch die Vorreiter in Europa immer besser werden.
Klar ist aber auch: Wollen die Österreicher ihren heutigen Wohlstand langfristig halten, muss ein Platz unter den Besten, auch weiterhin das erklärte Ziel bleiben.

 

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