Alpine: Der spanische Patient

Der Baukonzern Alpine kämpft ums Überleben. Die Banken werden wohl auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten müssen. Fraglich ist allerdings, ob das Unternehmen in spanischer Hand bleiben wird.

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(c) Dapd (Ronald Zak)

Das Treffen am Donnerstag Nachmittag war eines von vielen. Und wie immer streng geheim. Dementsprechend zugeknöpft gaben sich die Teilnehmer: „Wir sind auf einem guten Weg“, sagte der eine. „Der Patient ist aber immer noch in der Intensivstation“, der andere.

Wie so oft in den vergangenen Wochen waren Vertreter österreichischer Banken zusammengekommen. Mit dabei: jener „Patient“, der gerade mit dem Tode ringt – der Baukonzern Alpine. Im Oktober vergangenen Jahres hatte das Unternehmen mit echten Horrorzahlen geschockt – damals wurde bekannt, dass der Konzern unter einem Obligo von 950 Millionen Euro ächzt. Und seitdem geht es dort recht turbulent zu. Wobei die Hektik in den vergangenen Tagen zugenommen hat: Bis Ende Februar haben die Gläubigerbanken zugesagt, ihre Kredite nicht fällig zu stellen. Ein Wettlauf gegen die Zeit.

Zumal mit dem Faktor Zeit bislang recht großzügig umgegangen wurde. Zuerst übte sich der Konzern in Vergangenheitsbewältigung. Mit dem Ergebnis, dass Kurzzeit-Chef Johannes Dotter gefeuert wurde. Derweil geriet die Alpine in einen Teufelskreis: Der Kreditschutzverband von 1870 setzte das Bonitätsrating für die Alpine aus, womit Auftragseingänge Mangelware wurden.

Dann machte man sich auf die langwierige Suche nach einem Sanierer. Seit Anfang Dezember ist er da, immerhin. Josef Schultheis heißt der Mann der Stunde. Ein Deutscher, der bereits für die Sanierung der Kaufhausgruppe Karstadt zuständig war und zuletzt den Baumarktkonzern Praktiker auf Vordermann bringen sollte.

Schultheis hat über die Weihnachtsfeiertage an einem Sanierungskonzept für die Alpine gearbeitet. Und das wurde vor rund zehn Tagen den Gläubigerbanken präsentiert. Was zum nächsten Schock führte: Schultheis will sich zwar aus den Auslandsmärkten zurückziehen, was von den Banken sehr wohlwollend aufgenommen wurde. Immerhin ist das Österreich-Geschäft der Alpine profitabel, die zahlreichen Auslandsprojekte haben sich als Mühlstein erwiesen. Doch die Alpine braucht, wie sie den Banken darlegte, mehr: und zwar einen drastischen Schuldenschnitt seitens der Banken. Die Rede ist von 50 Prozent, was rund 250 Millionen Euro entspricht.

Jetzt haben die Banken die Qual der Wahl: Stimmen sie zu, dann ist viel Geld perdu. Stimmen sie dagegen, könnte es allerdings für sie noch schlimmer kommen – im Insolvenzfall nämlich.

Letzter Stand: Die Banken werden dem Schuldenschnitt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zustimmen. Am Donnerstag gab es seitens der Banken jedenfalls keine Gegenstimmen. Vorausgesetzt, der Alpine-Eigentümer – der spanische Baukonzern FCC – schießt Kapital in einer ähnlichen Größenordnung zu. Was angeblich auch schon zugesagt wurde.

Womit der Worst Case vorerst einmal verhindert sein dürfte. Betonung auf vorerst. Denn allen Beteiligten ist klar: So wie bisher wird es nicht weitergehen können.

Aber wie könnte es weitergehen? Da macht eine interessante Variante die Runde, die so unwahrscheinlich gar nicht ist. Es sei durchaus möglich, so heißt es, dass die Alpine in Österreich filetiert wird. Ein scheibchenweiser Verkauf also. Und zwar an kleinere Bauunternehmen. Hinteregger, Swietelsky, Habau, Hochtief werden da als potenzielle Käufer genannt. Und manch einer soll auch sein Interesse an Alpine-Niederlassungen in Bundesländern bekundet haben.

Tatsache ist: Die Eigentümerschaft der Spanier ist für die Alpine alles andere als ein Erfolgskonzept gewesen.

Schon bevor der katastrophale Zustand der Alpine offiziell wurde, hatten etliche langjährige Manager des Unternehmens, allesamt profunde Kenner der Branche, das Weite gesucht. Motto: Die Spanier agierten oft überaus chaotisch, es gebe viel zu lange Entscheidungswege. Vor allem aber: Der Einblick in den österreichischen Markt mit seinen Playern fehle – in der Baubranche ein Muss.

Tatsache ist auch: Die Spanier sind mit ihrem Österreich-Engagement ebenfalls alles andere als glücklich. Rund 600 Millionen Euro hat sie der Erwerb seinerzeit, im Jahre 2006, gekostet. Da kommen jetzt noch üppige Zuschüsse dazu. Geblieben ist ein einziger Scherbenhaufen.

Das zerrt an den Nerven. Vor wenigen Tagen war es FCC-Mehrheitseigentümerin Esther Koplowitz zu viel: Sie ließ den langjährigen Chef des Konzerns, Baldomero Falcones, an die Luft setzen.

Was zwar verständlich ist, aber Probleme keineswegs auch nur annähernd löst. Und die gibt es zuhauf – nicht nur bei den Geschäftszahlen. Da wäre einmal das Damoklesschwert in der Person des Ex-Verteidigungsministers Herbert Scheibner. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den BZÖ-Abgeordneten aufgrund einer Bankanzeige wegen des Verdachts der Geldwäsche. Dabei werden auch Zahlungen an Scheibner von der Alpine Bau Deutschland in Höhe von 350.000 Euro unter die Lupe genommen. Der Betrag wurde an eine Scheibner-Firma in den Vereinigten Arabischen Emiraten überwiesen. Scheibner bestritt die Vorwürfe stets, und für ihn gilt klarerweise die Unschuldsvermutung – doch im spanischen FCC-Konzern herrscht maximale Irritation.

Und dann droht auch noch weiteres Ungemach seitens jener Anleger, die Alpine-Anleihen gezeichnet haben. Sie fühlen sich angesichts der plötzlich publizierten Horrorzahlen der Alpine hinters Licht geführt und haben sich an den Prozessfinanzierer Advofin gewandt. Zwecks Sammelklage.

Zu allem Überfluss gibt es nun auch sehr fundierte Gerüchte, wonach der frühere Alpine-Eigentümer und -Chef Dietmar Aluta-Oltyan still und heimlich mit einem (vorerst) kleinen Bauunternehmen neu durchstarten – und der Alpine Konkurrenz machen möchte. Auch nicht eben angenehm.

Das hat bei den Spaniern das Fass zum Überlaufen gebracht. Denn auf Aluta-Oltyan haben sie ohnehin schon einen unbändigen Zorn. Er habe, so die bei FCC vertretene Meinung, den Spaniern überhaupt das ganze Schlamassel eingebrockt. Die wahren Probleme der Alpine seien seinerzeit, beim Kauf durch die FCC, verschleiert worden. Die FCC beschäftigt jedenfalls schon Juristen, die die Chancen einer Klage ausloten sollen. Mit dem Ziel einer Rückabwicklung der Transaktion.

Die Alpine-Saga ist also noch lange nicht zu Ende.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.02.2013)

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