Sankt Corona hofft auf ein Wintersportwunder

Das Land Niederösterreich hat in den vergangenen Jahren mehrere Skigebiete übernommen – einem davon, St. Corona am Wechsel, droht nun die Schließung. Ein Lokalaugenschein.

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Sankt Corona hofft Wintersportwunder
(c) GEPA pictures (GEPA pictures Thomas Bachun)

Ein Segen. Das sind die klebrigen, klumpig-feuchten 40 Zentimeter Schnee, die bei der Talstation des Sesselliftes von St. Corona am Wechsel selbst nach einer Woche viel zu frühen Tauwetters noch liegen, für den Skibetrieb der 380-Einwohner-Gemeinde. Wirklich freuen kann man sich in der Ortschaft aber nicht über das Wetterglück der Saison. Denn St. Corona bräuchte eigentlich nicht nur einen Segen – sondern ein ganzes Wunder.

St. Corona ist als Skigebiet schon fast ein Anachronismus: Die Tickets sind billig (29 Euro kostet die Tageskarte), die acht Pistenkilometer selten überlaufen und beim Einsteigen in den Hauptlift der Region hilft kein seelenloses Förderband, sondern ein zuvorkommender Liftwart, der jeden Sessel einzeln abfängt und ihn sanft dem Gast unterschiebt. Fast eine Viertelstunde plagt sich dann der Einser-Sessellift, der heuer, nach 47 Jahren in Betrieb, seine letzte Saison durchmacht, auf dem Weg vom Kern der 844 Meter hoch gelegenen Ortschaft auf 1250 Meter: die halbe Strecke auf den Kampstein, den höchsten Berg des niederösterreichisch-steirischen Grenzgebietes zwischen Südautobahn und Semmering-Schnellstraße.

Er ist einer von vier Liften, die das Skigebiet bilden – zwei ältere Schlepplifte und ein erst 1997 errichteter Vierersessellift führen zu den beiden Abfahrten, eine blau, eine rot. Ursprünglich wurde St. Corona Mitte der 1960er-Jahre von dem Korneuburger Liftanlagenunternehmen Girak – selbst längst vom Branchenriesen Doppelmayr übernommen – erschlossen, danach von den Erben des Firmengründers geführt; zuletzt mit so viel Verlust, dass eine Schließung der Lifte im Raum stand. 2011 sprang das Land Niederösterreich ein, übernahm die Anlagen und gliederte St. Corona in seine Bergbahnen-Gesellschaft ein.

„Seit das Land beteiligt ist, ist alles schlechter geworden“, sagt Alfred „Fredl“ Schreder, Pächter der „Almrauschhütte“ gleich neben der Sesselliftbergstation, die den tristen Charme eines 60er-Jahre-Bistros durch die Dekoration mit Nepal-Flaggen und Bildern großer Bergsteiger überspielt.

Seit „der Fredl“ vor vier Jahren die Hütte übernommen hat, sei die Zahl der Gäste immer weiter zurückgegangen, erzählt der 51-Jährige. Der härteste Schlag sei im Vorjahr gefallen: Da habe das Land aus wirtschaftlichen und aus Haftungsgründen den Betrieb der Sommerrodelbahn eingestellt, die in den warmen Monaten der wichtigste Frequenzbringer war – „wir Hüttenbetreiber haben dann schnell versucht, einen Familienrundweg hier heroben aufzubauen, aber so schnell geht das halt nicht“. Die Folge: Die Sommerbesucher bleiben aus, Schreders Frau musste sich einen zusätzlichen Job suchen, „nur mit der Hütte allein ginge es sich nicht aus“.


Hiobsbotschaft. Im September hat das Land dann die nächste Hiobsbotschaft für St. Corona verkündet: Als einziges der fünf Skigebiete, bei denen das Land eingestiegen ist, soll der Skibetrieb hier nach Ende dieser Saison eingestellt werden – im vergangenen Winter habe sich gezeigt, dass er „wirtschaftlich nicht tragfähig“ sei, erklärte Landesrätin Petra Bohuslav (ÖVP).

In der Ortschaft – die ÖVP hat im Gemeinderat mehr als drei Viertel der Stimmen erhalten, einzige Opposition ist die FPÖ – ist die Entscheidung des Lands verständlicherweise auf wenig Begeisterung gestoßen. „Das Land hat sich nie wirklich für St. Corona interessiert“, heißt es von vielen Seiten – eine populäre Verschwörungstheorie richtet sich gegen den vom Land bestellten gemeinsamen Geschäftsführer der hiesigen Lifte und jener im nahen, ebenfalls übernommenen Mönichkirchen: Der sei nämlich ein gebürtiger Mönichkirchener – und lasse St. Corona in dessen Schatten verkommen. „Nicht einmal Werbung wird für uns gemacht“, klagt etwa Hüttenwirt Schreder.

Der angesprochene Geschäftsführer, Gerald Gabauer, will sich gegenüber der „Presse am Sonntag“ nicht zu St. Corona äußern, zu viel sei bei der Frage nach der Zukunft des Alpinsports hier noch in Bewegung. Auch die Zahl der Liftpassagiere in den vergangenen Saisonen will die Landesgesellschaft nicht preisgeben, zu sehr stehe man unter Konkurrenzdruck.
15, 20 Arbeitsplätze. Dabei genügt ein Rundgang durch St. Corona, um zu sehen, dass es nicht besonders gut gelaufen sein dürfte: Davon zeugt das Remax-Schild am Waldhof, dem ehemals größten Hotel der Ortschaft, ebenso wie der zugemauerte Eingang einer Bäckerei an der Hauptstraße. „In den letzten zehn Jahren hat gut die Hälfte unserer Tourismusbetriebe zugesperrt“, sagt Bürgermeister Josef Pichlbauer (ÖVP) – inzwischen, so schätzt er, würden nur noch „15 bis 20 Arbeitsplätze“ am Betrieb der Lifte in St. Corona hängen. Trotzdem – würden die paar tausend Nächtigungen durch den Skitourismus wegfallen, würde das ein Loch ins Gemeindebudget reißen.

Der Hauptschullehrer sieht die Situation insgesamt pragmatisch: Als Skigebiet in unmittelbarer Nachbarschaft zu Größen wie etwa dem technisch hochgerüsteten Semmering sei es nun einmal schwierig zu bestehen. „Es gibt eine große Angst vor Veränderung“, konstatiert Pichlbauer über seinen Ort – mit dem Einstieg des Landes sei natürlich noch einmal Hoffnung gekeimt, die Identität St. Coronas als Skiort bewahren zu können.

In den Verhandlungen zwischen dem Land und den Beteiligten im Ort habe sich aber gezeigt, dass es in St. Corona „Einzelne“ gegeben habe, die unbedingt den Status quo erhalten wollten – was etwa hohe Pachtzinsen für die Benutzung der Pisten angeht –, statt auf ein nachhaltiges Zukunftskonzept wie etwa einen stärkeren Fokus auf Tourengeher zu setzen. Irgendwann hätte die Landesgesellschaft dann festgestellt, dass sich unter diesen Bedingungen kein Konzept erarbeiten lasse, das in dem angepeilten Investitionsrahmen von 11,1 Mio. Euro bleiben könne – und die Schließung von St. Corona in Aussicht gestellt.


Silberstreif am Horizont? Ein Hoffnungsschimmer bleibt noch für das Skigebiet, das vor allem Gäste aus der Region, aus Wien, der Slowakei und dem nahen Ungarn anzieht: Nach der Ankündigung des Landes, das Skigebiet zu schließen – verbunden mit dem Vorwurf, in der Gemeinde habe man seine „Hausaufgaben nicht gemacht“– hat sich eine Gruppe von Bürgern in St. Corona zusammengetan, die ein neues Konzept erarbeitet hat. Eines, das gegenüber den ursprünglichen Vorstellungen etwas abgespeckt ist, etwa, was die Technologie der nötigen Schneekanonen angeht.

Diese „Variante Orthof“ sieht den Abbau des alten Sesselliftes vor – er soll durch einen modernen Sechser-Kuppellift ersetzt werden und über eine neue Trasse führen. Weil die dafür nötigen Investitionen unter den vom Land in Aussicht gestellten 11,1 Millionen liegen sollen, glaubt der Bürgermeister an eine 70:30-Chance für eine Umsetzung. Dass demnächst Landtagswahlen ins Haus stehen, sagt er nicht dazu – schaden dürfte es den Chancen auf Umsetzung aber nicht.

Klar sei aber, sagt Pichlbauer, dass diese Investition selbst unter optimistischen Annahmen wahrscheinlich nie zurückgezahlt werden könnte. „Bestenfalls kommen wir in St. Corona im operativen Geschäft auf eine schwarze Null“, so der Bürgermeister.

Zum Abschied schenkt der Politiker ein Fähnchen her, das die Pfarrkirche von St. Corona zeigt – geweiht der heiligen Korona, Schutzpatronin des Geldes und der Schatzsucher. „Wallfahrtsort, das wäre auch ein Tourismuskonzept gewesen, auf das man hätte setzen können“, sinniert der Bürgermeister. Als Skiort muss St. Corona nun eben auf Wunder hoffen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.02.2013)

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