Die Lehre ist kein Exportmodell

Die EU lobt die duale Ausbildung in Österreich als Vorbild für andere Länder. Dabei würde sie in den meisten Ländern gar nicht funktionieren, so eine aktuelle Studie.

Lehre kein Exportmodell
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Lehre kein Exportmodell
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Wenn es in der EU um arbeitslose Jugendliche geht, dann fällt schnell der Name Österreich. Die Jugendarbeitslosigkeit ist hierzulande vergleichsweise gering, und dafür wird gern ein bestimmter Grund genannt: die Lehre. Jugendliche lernen ihren Beruf im Betrieb und gehen daneben in die Schule. Wenn sie mit der Ausbildung fertig sind, haben sie schon einen Fuß auf dem Arbeitsmarkt. Und so nannte EU-Kommissionspräsident José Barroso bei einem Österreich-Besuch im Vorjahr Österreich ein „Best Practice“-Modell für andere Länder.

So weit, so einfach? Leider nein, wie eine Studie des Münchner Ifo-Instituts feststellt, die am Montag in Brüssel präsentiert wird und der „Presse“ exklusiv vorliegt. Deutschland, Österreich und die Schweiz hätten ein sehr erfolgreiches System zur Berufsausbildung, aber kaum einem Land sei es gelungen, dieses nachzuahmen. Die Studie beleuchtet das deutsche System genauer, das dem österreichischen sehr ähnlich ist. Dieses funktioniere nur mit der Unterstützung lokaler Firmen, Handelskammern, Gewerkschaften, Schulen und öffentlichen Institutionen – ein relativ spezielles Gebilde. Gleichzeitig sei es sehr starr, Lehrlinge würden in jungen Jahren auf höchst spezifische Aufgaben zugeschneidert. Für Arbeitsmärkte, in denen die Jobs schneller gewechselt werden – wie etwa Großbritannien – passe das nicht. „Das ist auch eine Frage der Kultur, die sich auf einem bestimmten Arbeitsmarkt entwickelt hat“, sagt Ko-Autor John Driffill.

 

Schweden: Zu streng, zu teuer

Neben Österreich, Deutschland und der Schweiz gibt es die duale Ausbildung auch in Dänemark. Ein anderer Fall ist Schweden. In dem Land, das in vielen anderen Bereichen vorbildlich ist, sind 24Prozent der unter 25-Jährigen arbeitslos (in Österreich sind es 8,5, in Deutschland acht Prozent). Und das bei einer allgemeinen Arbeitslosenquote von nur knapp acht Prozent. Auch dafür haben die Autoren eine Erklärung. In Schweden würden Jugendliche in der Schule ausgebildet, dort aber nicht „Job fit“ gemacht. 2011 wurde zwar ein Lehrsystem eingeführt, dieses sei dem alten verschulten System aber zu ähnlich. Das zweite Problem seien die zu hohen Einstiegsgehälter. „Die Löhne, die die Gewerkschaften für Berufsanfänger aushandeln, sind im Vergleich zu den übrigen Löhnen einfach zu hoch“, sagt Driffill. Dazu komme ein strenger Schutz für Arbeitnehmer. Einen jungen Menschen zu engagieren sei mit hohen Kosten und Risken verbunden. „Deshalb stellen die Firmen keine jungen Mitarbeiter ein“, sagt Driffill.

Ein Negativbeispiel ist für die Autoren Großbritannien – eines von „vielen Ländern, wo die Berufsausbildung mangelhaft und schlecht organisiert“ sei. Die Bindung an den Arbeitgeber sei deutlich schwächer als etwa in Deutschland. „Die Arbeitgeber scheuen sich, in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter zu investieren, denn sobald die Ausbildung vorbei ist, wechseln sie die Firma.“

Er empfiehlt den Problemländern, mehr Geld in die Berufsausbildung zu investieren. Bisher sei vergleichsweise viel in den akademischen Bereich geflossen. Dass das nicht zwangsläufig etwas bringt, zeigt das Beispiel Spanien: Das Land hat mit rund 30Prozent eine der höchsten Akademikerquoten, mit 26Prozent aber die zweithöchste Arbeitslosenquote der EU. Die Jugendarbeitslosigkeit beträgt fast 56Prozent.

 

Wenige Arbeitslose für viel Geld

Mangelnde Ausgaben kann man Österreich nicht vorwerfen. Der Staat lässt sich die niedrige Jugendarbeitslosigkeit einiges kosten. Wer nämlich keine Lehrstelle in einem Unternehmen findet, für den wird eine „überbetriebliche“ geschaffen. Für das laufende Ausbildungsjahr sind 11.700 solcher Ausbildungsplätze vorgesehen. Die öffentliche Hand hat fast 14.000 Euro pro Kopf reserviert.

Zahlt sich das aus? Zumindest in Deutschland führt die Lehre im Alter zu höherer Arbeitslosigkeit, wie das Ifo im Vorjahr errechnete: Nur ein Drittel der Männer mit Lehrabschluss über 55 Jahre war noch beschäftigt; bei Männern mit Matura oder BHS-Abschluss waren es drei Viertel. In Österreich lag die Arbeitslosenquote im Vorjahr bei Lehrabsolventen bei sechs, die allgemeine bei sieben Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.02.2013)

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