Werner Lampert: »Es gibt kein billiges Fleisch«

Bio-Pionier Werner Lampert fordert mehr Transparenz in der Nahrungsmittelproduktion, vertraut Bioprodukten und befürchtet, dass nach dem Pferdefleisch-Etikettenschwindel der nächste Lebensmittelskandal schon vor der Tür steht.

Werner Lampert gibt kein
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Werner Lampert gibt kein
(c) Die Presse (Clemens Fabry)

Mit welcher Art von Skandal haben wir es da zu tun? Fleischskandal? Betrugsfall? Versagen der Kontrollen?

Werner Lampert: Über all das kann man diskutieren. Aber prinzipiell geht es um eine bewusste Täuschung von Konsumenten. Renommierte Firmen, die viel Werbegeld zur Vertrauensbildung ausgeben und von Zuverlässigkeit reden, verkaufen gefälschte Lebensmittel. Das hat natürlich das Verhältnis zwischen Konsumenten, Produzenten und manchmal auch Händler destabilisiert. Ich weiß nicht, ob man das einen Skandal nennen kann, aber eine Täuschung ist es allemal. Und im 21. Jahrhundert werden nur noch Betriebe und Unternehmen bestehen können, denen die Menschen vertrauen. Ich denke, dass das Vertrauen in diesem Jahrhundert das wichtigste Kapital darstellen wird.

Es geht ja nicht mehr um Billigprodukte, jetzt wurde Pferdefleisch auch in Kärntner Spezialitäten gefunden.

Das ist ja überhaupt eine perfide Angelegenheit, das empfinde ich noch viel perfider als die Tiefkühlgerichte bei Nestlé. Denn in Kärnten wird den Konsumenten suggeriert: „vom Bauern“, „vom Bauern aus dem Lavanttal“. In Wirklichkeit wird global gehandeltes Fleisch zugekauft. Das ist ein ganz perfider Akt der Täuschung.

Das Kärntner Unternehmen weist alle Vorwürfe zurück und bestreitet, in die Täuschung involviert gewesen zu sein. Andererseits: Es weiß doch jedes Kind, dass es die „heile Welt“ nicht einmal mehr im Lavanttal gibt. Wollen wir Konsumenten mitunter für dumm verkauft werden?

Die heile Welt haben wir mit Adam und Eva verloren, natürlich gibt es die nicht mehr. Aber es gibt Anständigkeit auf der Welt.

Wie erkennt man Anständigkeit auf der Verpackung?

Ich spreche jetzt für den Biobereich. Ich denke, dass sehr viele Biobauern sehr anständig arbeiten. Die Produktion und Verarbeitung vieler Bioprodukte geschieht mit einem hohen Anspruch auf Anständigkeit.

Und Sie können für all Ihre Produzenten und Zulieferer die Hand ins Feuer legen?

Deshalb geht es mir auch um Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Unsere Bauern sind bekannt, die kann jeder Konsument auf dem Produkt eruieren. Jedes Produkt ist also auf den einzelnen Urproduzenten rückführbar.

Was zwischen Biobauern und Supermarktregal passiert, ist aber auch wichtig.

Deshalb betonte ich ja die Transparenz. Diese gilt natürlich auch für die einzelnen Verarbeitungsschritte. Bei uns ist das bei jedem Produkt nachvollziehbar.

Offensichtlich braucht die Landwirtschaft noch etwas mehr EU-Fördermittel, damit sie sich bessere Kontrollen leisten kann.

60 Mrd. Euro an Agrarsubventionen fließen jedes Jahr in der EU. Mit einem lächerlichen Teil dieses Betrages hätte man bei landwirtschaftlichen Produkten längst für Transparenz und Nachvollziehbarkeit sorgen können. Aber offensichtlich ist die Anonymität ein hoher, hoher Wert. Und dafür wird noch dazu ordentlich Lobbying gemacht. Es ist vollkommen verrückt.

Jeder dieser Lobbyisten verweist aber vermutlich auf ein Gütesiegel und predigt Anständigkeit und Transparenz.

Ich kann nur so lange über Anständigkeit reden, solange ich dem Konsumenten die Möglichkeit gebe, alles nachzuvollziehen. Versprechen muss man einlösen.

Helfen Sie einem Konsumenten, der jetzt in den Supermarkt geht, verunsichert ist und nicht mehr weiß, was er glauben und wem er vertrauen soll. Was soll er kaufen?

Das Erste, was man sagen kann: Seit 1994 gibt es in der EU ein ziemlich gutes Kontrollsystem bei allen Bioprodukten. Das funktioniert ziemlich gut. Das heißt: Man kann biologischen Lebensmitteln schon einen Vertrauensvorschuss geben.

Wenn ich Biofrischfleisch im Supermarktregal finde, kann ich darauf vertrauen, dass das wirklich frisch ist und nicht aufgetaut?

Ja. Ganz eindeutig.

 

Das heißt: Das Hauptproblem sind die billigen Lebensmittel.

Es gibt kein billiges Fleisch. Für billige Lebensmittel bezahlt immer irgendwer die Zeche. In diesem Fall der Konsument, weil ihm etwas untergejubelt worden ist. Bei Fleisch, das bei uns in Europa konsumiert wird, bezahlen die Menschen in Brasilien, Nordargentinien und Paraguay die Zeche. Bei „billig“ zahlt immer einer drauf.

Irgendwer wird also immer betrogen?

Bei der Fleischproduktion geht es auch um die Gefährdung der Umwelt, um die Verschmutzung des Wassers. Auch auf diese Weise bezahlen die Menschen – meist in den Entwicklungsländern – indirekt die Zeche. Und bei uns in Europa sind es die Viecher, die in Form von Massentierhaltung bezahlen.

Aber der Konsument blendet das aus. Der schaut auf den Preis.

Aber er wird getäuscht. Wenn die Ware stark reduziert und unter dem Einstandspreis verkauft wird, dann muss der Konsument dieses billige Lebensmittel halt über andere Produkte bezahlen. Noch einmal: Es gibt keine billigen Lebensmittel. Das ist eine Mär.

Aber auch die Biolebensmittel, die Sie vertreiben, sind verglichen mit Feinkostläden verhältnismäßig günstig. Wie geht das?

Es ist ein Unterschied, ob etwas billig oder günstig ist. Bei günstig geht es darum, ob die Gewinnspanne bei 100, 50 oder 20 Prozent liegt. Ein geringerer Aufschlag kann ein qualitatives Produkt günstig machen. Wir sind so gut organisiert, dass wir auch mit geringeren Aufschlägen gutes Geld verdienen.

Bin ich beim Innenstadt-Fleischhauer noch besser dran als im Supermarkt?

Am besten sind Sie mit Biofleisch dran. Und das hat seinen Preis. Die Hühner etwa kosten doppelt so viel.

Zurück zu den Fleischhauern. Die meisten schlachten nicht mehr selbst, sondern beziehen das Fleisch vom Großmarkt. Trotzdem sind sie teurer. Warum?

Nochmals: Es geht darum, ob die Gewinnspanne 100, 50 oder 20 Prozent ausmacht. Aber zurück zum gefälschten Rindfleisch. Das Absurde ist, dass wir seit dem BSE-Skandal beim Rindfleisch per Verordnung absolute Nachvollziehbarkeit haben. Und jetzt stoßen wir auf gefälschtes Rindfleisch. Die Behörden können nicht einmal ihre eigenen Vorgaben administrieren.

Aber wird der Ruf nach noch mehr Kontrolle nicht irgendwann absurd? Wer kontrolliert am Ende die Kontrolleure der Kontrolleure der Kontrolleure?

Man muss ein System schaffen, in dem der Konsument Sicherheit haben kann. Natürlich kann man nicht lückenlos kontrollieren. Mit Kontrollen allein lösen wir dieses Problem nicht.

Wie würde der Agrarminister Werner Lampert dieses Problem lösen?

Das ist doch ganz klar: Transparenz und Nachvollziehbarkeit herstellen.

Das haben die Minister vor Ihnen doch auch schon längst gemacht.

Offenbar nicht, sonst hätten wir das Problem nicht. Die betrügerischen Unternehmen offenbaren das Versagen der Politik. Ich denke, dass von den Konsumenten jetzt viel Druck kommen wird. Welcher Engländer, Deutsche, Franzose lässt sich gern betrügen? Wer gibt gern viel Geld für eine Qualität aus, die er dann nicht bekommt?

Warum soll sich jetzt etwas ändern? Wir haben doch alle paar Jahre einen Lebensmittelskandal. Gammelfleisch, gefälschtes Olivenöl, Analogkäse, Weinpanscherei.

Sie sind ein Optimist. Wir haben jedes Jahr so einen Skandal! Dioxin im Ei haben Sie vergessen.

Was wird der nächste Skandal sein?

Das weiß ich nicht. Aber eines weiß ich ganz genau: Der nächste Skandal steht vor der Tür.

Steckbrief

Werner Lampert
wurde 1946 in Feldkirch geboren und gilt in Österreich als einer der Vorreiter für biologische Landwirtschaft.

Ja! Natürlich
Lampert überzeugte Billa-Gründer Karl Wlaschek, auf Bioprodukte zu setzen. 1994 wurde die Marke „Ja! Natürlich“ gegründet.

Zurück zum Ursprung
2003 verließ Lampert Rewe. Mittlerweile betreut sein 15-köpfiges Unternehmen die Bioschiene „Zurück zum Ursprung“ des Diskonters Hofer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2013)

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