CONTRA: Warum Yahoo Heimarbeit zu Recht verbietet

CONTRA Es macht unglücklich, ist ein Karrierekiller und verursacht mehr Kosten, als es einspart. Vier Gründe, warum das Home Office nichts bringt.

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Arbeiten im eigenen Wohnzimmer kann manchmal ganz schön anstregend sein. – Clemens Fabry

Die Vorteile der Heimarbeit liegen auf der Hand: Kein Stau, keine überfüllten Öffis, kein nervender Chef. Länger ausschlafen, sich selbst die Zeit einteilen - und Beruf und Familie vereinbaren. Es ist kein Wunder, dass 68 Prozent der Österreicher das "Home Office" laut einer Spectra-Umfrage für eine gute Sache halten. Wie groß die Nachteile sind, merkt man in der Regel erst, wenn das Zuhause tatsächlich zum Arbeitsplatz wird. Die Autorin dieser Zeilen weiß nur zu gut, wie schwer es ist, neben Fernsehen, Internet und anderen verlockenden Ablenkungen effizient zu arbeiten. Das hat auch für ein Unternehmen negative Folgen.

Yahoo-Chefin Marissa Mayer hat vor kurzem der Heimarbeit einen Riegel vorgeschoben ("Die Presse" berichtete). Folgende Argumente sprechen für ihre Entscheidung:

  • Kosten sparen? Schön wär's.

Oft hat die Einführung von Heimarbeit vor allem einen Grund: Das Unternehmen will sich Kosten ersparen. Dieser Schuss geht aber oft nach hinten los. Zum einen ist es wesentlich aufwendiger, ein Team zu organisieren, das nicht in der Arbeit zusammentrifft. Und es ist schwierig nachzuweisen, wie viel der Mitarbeiter tatsächlich gearbeitet hat. Zum anderen beweisen mehrere Studien, dass die Produktivität der Heimarbeiter messbar sinkt.

So haben etwa die Wissenschaftler Armin Falk und Andrea Ichino bei einem Laborversuch Studenten Briefe kuvertieren lassen: Einmal alleine, einmal zu zweit im selben Zimmer. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer einen Kollegen dabei hatte, verpackte in vier Stunden im Schnitt 221 Briefe, wer allein arbeitete nur 190.

  • Der "Kollegen-Effekt"

Auch Alexandre Mas und Enrico Moretti kamen bei einem Vergleich an der Supermarktkasse zu einem ähnlichen Ergebnis: Die Produktivität hängt stark mit dem "Kollegen-Effekt" zusammen. Sobald eine langsame Kassiererin eine schnelle Kollegin im Blickfeld hatte, steigerte sich ihre Leistung deutlich. Und: Auch besonders gute Mitarbeiterinnen werden langsamer, wenn sie alleine arbeiten. Das Fazit der Forscher: Ein produktiver Mitarbeiter ist Gold wert - vor allem dann, wenn er im Team arbeitet. Soziale Kontrolle ist essenziell für die Steigerung der Produktivität.

Das hat auch Yahoo-Konkurrent Google erkannt. Dort ist Telearbeit zwar nicht grundsätzlich verboten. Der Konzern hat allerdings ein Arbeitsumfeld geschaffen, das zum Verweilen und zu gegenseitigem Austausch einlädt: Es gibt Gärten, Bowlingbahnen, Pubs und Elternzimmer. Die Folge: Die Produktivität ist um 170 Prozent (!) höher als bei Yahoo, wie das Magazin "Forbes" berechnet hat.

  • Weniger Aufstiegschancen

Der Vollständigkeit halber ist zu sagen: Es gibt es auch Studien, die zu einem gegenteiligen Ergebnis kommen. So haben Forscher der US-Eliteuni Stanford den chinesischen Reiseanbieter Ctrips unter die Lupe genommen und herausgefunden, dass Heimarbeiter produktiver waren als die Kollegen im Büro. Gebracht hat den Mitarbeitern das allerdings nicht. Denn wer von daheim aus arbeitete, hatten wesentlich schlechtere Aufstiegschancen. "Heimarbeiter können vergessene Arbeiter werden", bringt Studienautor Nicholas Bloom die Problematik im "Wall Street Journal" auf dem Punkt. Wer nicht in Meetings präsent ist oder Konflikte im Büro bewältigt, hat oft das Nachsehen.

Firmencoach Anne Schüller erklärt im Interview mit dem "Handelsblatt": "Menschen brauchen den Kontakt von Angesicht zu Angesicht, denn wir lesen ja vor allem aus Gestik und Mimik heraus, ob es jemand gut oder böse mit uns meint". Wer bei diesem sozialen Spiel nicht mitspielen kann, hat schon verloren.

  • Vereinsamung und Abgrenzungsprobleme

Expertin Schüller spricht noch einen weiteren negativen Aspekt an: "Viele Beschäftigte, die zunächst nur die Vorteile der Arbeit in den eigenen vier Wänden sahen, klagen inzwischen über Vereinsamung". Außerdem werde der Druck höher. Denn viele merken an, freiwillig Mehrarbeit zu leisten - "vor lauter Angst, als Faulenzer zu gelten." Auch die Abgrenzung vom Privatleben wird häufig zum Problem. Das zeigt eine 1982 in Großbritannien durchgeführte Umfrage unter Heimarbeitern, die in einer Diplomarbeit an der "Uni Linz" zitiert wird. Demnach nannten die Befragten als größten Vorteil, "den ganzen Tag bei den Kindern zu sein". Und als größten Nachteil? "Den ganzen Tag bei den Kindern zu sein".

Stephen Piper, Verkaufschef einer IT-Firma aus den USA, hat mit vielen Mittelchen versucht, die Nachteile des Home Office wettzumachen. Davon berichtet er ausführlich im "Wall Street Journal". So verabredete er sich sogar mit Kollegen jeden Freitagabend auf ein "virtuelles" Bier. Am Ende entschied er sich dann doch dafür, sich wieder öfter im Büro blicken zu lassen. Die Gründe: Seine drei Kinder haben ihn zu oft bei der Arbeit gestört - und auch das Feierabendbier macht ihm mit einem realen Gegenüber mehr Spaß.

>>>PRO: Warum Heimarbeiter einfach besser sind

>>>UMFRAGE: Sind Sie für Heimarbeit?

"PRO und CONTRA"

Die Serie "PRO und CONTRA" ist eine Sammlung von Für- und Wider-Argumenten zu einem aktuellen Thema, die nicht die Meinung der Autoren widerspiegelt.

(sk)

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